Prolog
Für die gegen die Sonne blinzelnden Augen
ist das Reisen kein Weg, irgendwo anzukommen.
An Bord reihen sich Möwen und Wellen
in der gleichen Folge auf
wie neben den Liegestühlen
die beschlagenen Gläser glitzern.
Eine zaghafte Mittagsbrise kommt auf.
Und mit der flüchtigen Kühle
wehen Worte von einem fernen Gespräch.
"Du fühlst sie doch, nicht wahr?
Die Liebkosung des Ozeans!"
Hitze. Langeweile.
Ein plötzlicher Ruf: "Ein Hai! Schau!"
Eine senkrechte Flosse
(zielstrebig geschwungen
und glatt wie ein Skalpell)
glitt am Bord vorbei und versteckte sich
im flüchtigen Kranz
aus zerrinnendem Schaum.
Wieder halten wir die Augen geschlossen,
nehmen einen Schluck aus unseren Gläsern und schweigen.
Seligkeit ... ja, aber Überdruß auch.
Und keinerlei Empfindung für den Schrecken des Gesehenen.
Gut, daß die Delphine uns wieder
mit ihren leichtsinnigen Spielen erheitern.
Der Anfang und das Ende
bleiben immer unbemerkt.
(das Lied, das Tityrus in der drückenden Schwüle desselben
Vormittags sang, nachdem er seine Herden auf die Weide getrieben hatte)
Von kühler Luft und Ruhe träume ich,
mich irgendwo hinzusetzen und auszuruhen.
Ohne Gedenken an Anfang und Ende
dreht sich der verlorene Tag
und geht müde davon.
Die Müdigkeit erfrischt das Blut
so wie der Abend
den schwitzenden Körper,
und wie es weiß wird
und leicht nach dem Regen
der Wolke trauriges Herz,
erwarte ich ruhig den Herbst...
Und den Winter und den Frühling,
um alles von vorn zu beginnen.
(Odysseus steht hinter der erlöschenden Westscheibe seines
Westfensters, beobachtet den schönen, purpurnen Sonnenuntergang
und denkt über den ewigen und unabänderlichen Lauf der Himmelskörper nach)
Jeden Morgen, zu der von meinen Astronomen genau vorhergesagten Stunde,
geht die Sonne über den unfruchtbaren Feldern der Koprophagen auf,
jeden Abend geht sie unter. Jeden Morgen erwache Ich und stehe auf,
jeden Abend lege Ich mich schlafen. Jeden Morgen erwache Ich, stehe auf,
bespritze mich zur Verjüngung mit Wasser, defäkiere und esse mich satt,
jeden Abend, müde und abgespannt, bespritze ich mich wieder mit Wasser
und lege mich schlafen. Jeden Morgen, mit Wasser bespritzt, defäkiert und satt gegessen,
werfe Ich mir meinen Königsmantel über, jeden Abend ziehe Ich ihn aus.
Jeden Morgen, wenn Ich mir den Königsmantel umgeworfen habe, öffne Ich
die Türen weit, lockere die Ketten, und nachdem Ich die Ketten vollends gelockert habe,
nehme Ich die Sigel von den Vorhängeschlössern, jeden Abend, müde und abgespannt,
verriegele Ich wieder die Türen, ziehe die Ketten fest,
und nachdem Ich die Ketten vollends festgezogen habe, versigele Ich
mit Wachs und dem königlichen Sigel ein Vorhängeschloß nach dem anderen.
Jeden Morgen öffne Ich die Türen weit, lockere die Ketten, und nachdem Ich die Sigel
von den Vorhängeschlössern genommen habe, sporne Ich die Pflüger mit gütigen Worten an,
unterweise die Diener, und nachdem Ich die Sklavinnen mit einem Lächeln liebkost habe,
werfe Ich den Pferdeknechten (für die Stimmung) einen Scherz zu. Jeden Abend,
nachdem Ich wieder die Türen verriegelt, die Ketten festgezogen,
mit Wachs und dem königlichen Sigel ein Vorhängeschloß nach dem anderen versigelt habe,
maltraitiere ich die Diener gnadenlos, erniedrige die Sklavinnen,
und nachdem ich den hungrigen Pflügern ihr kärgliches Mahl bis auf den letzten Krümel aufgegessen habe,
lasse Ich die Pferdeknechte (zur Belehrung) bei Wasser und Brot...
Und so Tag und Nacht, Nacht und Tag, endlos...
Deshalb beschloß Ich, als Ich an diesem Morgen erwachte und aufstand
und die Sonne (zum wievielten Mal schon) aufgehen sah,
daß sich etwas ändern muß,
daß es nicht mehr so weitergehen kann... Ich bespritzte mich
zum Altern mit Kot, übergab mich und warf
meinen Königsmantel weg, mauerte gnadenlos die Türen zu,
drehte die Ketten zusammen, und nachdem Ich die Ketten mit dem Sigel verriegelt hatte,
füllte Ich die Schlüssellöcher der Vorhängeschlösser mit Wachs,
erniedrigte die Diener mit gütigen Worten,
spornte die Sklavinnen an, und nachdem ich den Pflügern
einen Scherz (zur Belehrung) zugeworfen hatte,
liebkoste ich die Pferdeknechte (für die Stimmung) mit einem Lächeln...
Wonach Ich mich, bei Wasser und Brot,
in meinen Gemächern verriegelte
und schlief, schlief, schlief - bis zum Abend...
Da steh Ich jetzt - noch immer schlaftrunken,
ganz voll mit Kot,
habe mich übergeben und meinen Königsmantel weggeworfen.
Ich stelle nicht ohne Widerwillen fest,
daß das Leben ist wie vorher auch,
ohne irgendeine Änderung und wie immer schon:
die Diener trödeln mit nachdenklicher Miene an den Kesseln herum,
die Pflüger rühren sich nicht, die Sklavinnen eilen hin und her,
die Pferdeknechte faulenzen...
Es nimmt kein Ende, es nimmt kein Ende.
Alles deutet darauf hin, daß Ich mich wieder schlafen legen muß...
(Schlaflied, das Odysseus Sklavinnen am selben Abend an seinem Bett sangen)
Der Schlaf höhlt deine trüben Augäpfel aus
wie der Wurm eine überreife Frucht
am Abhang des Sonnenuntergangs.
Der Hungrige hat keine Geduld,
doch auch nachdem er hurtig sein Leben verschlungen hat,
wird er nicht satt.
Nur Brot und Liebe.
Nach dem säuerlich bitteren Geschmacks des Betrugs.
Nur Brot und Liebe.
Und das tiefe, warme Bett, Odysseus,
im dunkelsten Winkel
deines widerwärtigen Schweigens.
In deinem verschleierten, schlaftrunkenen Auge
hat schon Wurzeln geschlagen
der unfruchtbare, schwarze Baum der Alpträume.
(Tityrus und Meliboeus im Land der Lotophagen nach Odysseus Abfahrt)
Tityrus:
Lieblich weich ist das Moos unter einschläfernd raschelnden Zweigen
und hingegossen über dem Ufer schimmert das unermeßlich hohe Himmelszelt...
Meliboeus:
Wer ohne Rast die Ruder geführt unter der pfeifenden Peitsche bei schwindender Kraft,
beobachtet sprachlos, während er ausgestreckt liegt, wie sorglos sich die Spatzen jagen.
Der Hirte der Neuen bukolischen Dichtung:
Schon geht das Jahrhundert zu Ende, vorübersein wird die wahnsinnige Zeit Nolas,
und die befreiten Sinne nehmen nur Bilder, Klänge und Formen wahr.
Seht, wie ziellos über uns die leichte Wolke zieht
und wie sich im Lufthauch die Gräser gehorsam verbeugen,
wie glänzend der Tag erstrahlt in der Klarheit des ungetrübten Blickes,
und es flüstert, murmelnd in den leuchtenden Morgen, der Bach "Ich erinnere mich nicht ..."
Androgeos:
Schon kommt der Hirte der Zukunft über den Abhang zu uns,
das fraktale Zepter in der Hand, gefolgt von seltsamen Tieren und Menschen.
Er ist noch unsichtbar für Euch wie der Nachthimmel für die Vögel,
wie für die zarten Blätter der Blüte der kalte Herbstwind,
doch seht, der Himmelshang erblaßt... und im bestürzten Blick
werden Erde und Wasser sich wieder vereinen, wird der Himmel abgrundtief stöhnen ...
Die ihr in süßer Seligkeit daliegt unter der kühlenden Krone des Laubes,
wer wird in der kleinen Welt sehen, wie die riesige Leere wächst,
wer wird in der melodischen Stimme hören, wie der unpersönliche Wille erschallt,
die Stummheit in bedrückten, blassen Gesichtern und den Ruf in weiten Meerestiefen,
und wird jemand an das neue Ufer treten in seiner reinen algorythmischen Gestalt,
dort, wo der Tod keine Macht mehr hat angesichts des digitalen Doppelgängers
und wo in Freiheit, ohne Angst, wilde Tiere und Menschen zufrieden
und einträchtig leben bei fetten Herden, ruhig und schwerelos...
Odysseus Stimme:
Schweigt... euer Schicksal löscht mit Leichtigkeit
die ebenmäßige, leidenschaftlose Prosodie endgültig aus,
wie die Wellen die weiße schäumende Rinne eines vom Wind getriebenen Schiffes...
Der murmelnde Bach wird in den Morgen flüstern: "Ich erinnere mich nicht..."
Du, Tityrus, und du, Meliboeus, ihr seid nicht mal mehr eine Erinnerung.
(Tityrus Tod)
Ja... wir haben getrunken... sonst würde ich nie
und vorher... haben wir uns gestritten... natürlich...
hinterher haben wir uns aber immer... ja, schon zu Schulzeiten
haben wir eine Bank geteilt
wirklich... ich weiß auch nicht wie
wir um etwas gestritten haben
um etwas sehr wichtiges
und da hat er zu mir gesagt:
"Du verstehst überhaupt nichts!"
So hat er zu mir gesagt... womit er mich furchtbar beleidigt hat
da ist etwas in mir hochgestiegen
nein, nicht Haß... sondern irgendeine
ich weiß nicht wie ich sagen soll... Kraft
und ohne mir überhaupt bewußt zu werden
ja... mit der Gabel
er hat sich an die Gurgel gefaßt
hat keine Luft mehr gekriegt
mit dem Beil
paßte er nicht hinein... ja... der Körper
sehen Sie... ich weiß, daß ich nicht richtig gehandelt habe...
aber ich sage Ihnen nochmal... wenn ich nicht betrunken gewesen wäre
nein, nein... ich will mich nicht rechtfertigen
furchtbar... es tut mir schrecklich leid
wenn ich das Geschehene nur wieder gutmachen könnte
ja... ich weiß... es geht nicht
außerdem... ja... wie sind Sie darauf gekommen
morgen fahre ich ab
mit dem Kreuzschiff "Ruslan"
als Chefkoch
sicher kommt Ihnen das seltsam vor
Sie können sich gar nicht vorstellen
wie depressiv die unendliche Weite des Ozeans macht
die Kinder... was die Kinder
wirklich... ich weiß nicht wie
nein... ich weine nicht... ich sagte schon
furchtbar... es tut mit schrecklich leid
aber wenn ich irgendwie kann... ich weiß... es geht nicht
c'est fini... wie man sagt...
(Odysseus Rückkehr)
Erst, als er über die Schwelle
seines verwüsteten und ausgeraubten Hauses trat,
begriff er, wieviel es dort noch gab
zum Vernichten, Plündern und Zerstören:
die Nymphen aus Marmor in den mit sunpfigem Blut gefüllten Springbrunnen,
die Gewölbe, von den Fackeln der Koprophagen verrußt,
die bestechlichen Diener, die käuflichen Pferdeknechte,
die lasterhaften Sklavinnen und ihre dummen Rechtfertigungen,
die Schweineställe, voll mit Leichen von betrogenen Fremden,
die Herbergen für die Fremden, die von den ranzigen Würsten gegessen hatten
die Affen aus Granit an den Fassaden,
die blutenden Mosaike in den vermoosten Thermen,
die mit der Zange der Syllogismen zerrissenen Schäfer
und nochmal so viele tote Dinge,
von denen man sagen könnte,
daß sie eines Tages vollständig verschwinden,
ja, so könnte man sagen:
"Vollständig!"
(Verse, die Odysseus vor seinem Tod geschrieben hat, unklar weshalb)
Am Ende wird die Nacht sich senken,
und auf den Schritten der vorübergehenden Hoffnungslosigkeit
durch die bröckelnden Wände des schwindenden Tages
kommt die Nacht dann bis zu mir.
In ihrem Schoß wird alles vergehen,
sogar die Angst, daß ich nicht geboren wurde,
daß mich ein langer Weg erwartet
und die Richtung nicht zu ändern ist...
Über dem Schiff und über den Wellen
wächst der Abend wie ein Schatten...
Des Tages Abglanz schmilzt dahin.
Einzig die bedrückende Dunkelheit bleibt,
die nach der Abfahrt die Tage verschlucken wird.
Die Nacht ist ein Ufer zu jener Leere,
hinter der alles anders ist,
die alles zweiteilt, selbst die farblosen Scheiben,
in denen der Sonnenuntergang vor den Augen verlöscht.
(Odysseus Tod)
An diesem Ufer der Trauer
das Wasser in den Krügen rostet -
Der Herr fährt von dannen
in dem flachen Kahn des Todes...
Was von ihm geblieben war
legten wir in eine Mulde in die Erde,
Regen und Wind
traten ihn mit Füßen fest...
So zerquetscht man überreife Trauben,
und ihr warmes, fermentiertes Blut
setzt sich nun in den Gläsern ab...
Bleibt nur noch, den Wein auch einzuladen
und im Morgengrauen, die Segel aufgespannt, in See zu stechen,
dem leuchtenden Horizont entgegen
zu unseren ländlichen Freuden...
Nur dort - im unendlichen Paradies
der nicht endenwollenden fetten Wiesen,
werden wir wieder eins mit unseren Stimmen -
in stillem Glück und ewiger Trunkenheit...
Doch brechen wir auf! Es gibt keine Zeit zu verlieren!
Epilog
Der Hai ist ein Gesandter.
Für die Augen, schwer vor Sonne,
kommt er immer unerwartet.
Wie ein riesiger Schlund taucht er auf
aus den trüben Gefilden der Seele...
Habe ich mich so ausgedrückt? Der Seele...
Ja, mit aufgesperrtem Mund von dort kommend -
zwischen Leben und Tod,
Raum und Wahrnehmung
ist der Hai uns ein ständig entgleitendes Trugbild,
gnadenloser Chirurg, verzweifelter Mediator...
Kaum hatte er seine
Flosse über dem Wasser gezeigt,
kamen von dort wahllos
die metaphorischen Körper
aller seiner Opfer herausgesprungen,
Feinde und Widersacher:
Odysseus, der sein Schiff angezündet hatte,
die Matrosen, die sich unter Flüchen ertränkt haben,
über ihnen die Zwillinge in der Nacht,
die Plejaden und der Frühlingswind...
Übersetzung von Gabi Tiemann