IVAJLO DITCHEV




                                    DER DEUTSCHE TRAUM



	In einem konkreteren Plan stellt das bulgarische Imitatio Germanii ein Mißverständnis 
	in der nationalen Architektur in den Vordergrund. Wegen diverser geschichtlicher und 
	anthropologischer Gründe ist das deutsche historische Areal bedeutend homogener als das 
	balkanesische. Bulgarien ist ein ethnisch buntes Land, das es nicht bis zu Ende geschafft 
	hat, wegen des spät aufgebauten und nicht ausreichend starken Nationalstaats seine 
	Bevölkerung endgültig zu homogenisieren. In der offiziellen Mythologie sind die 
	ethnischen Bestandteile unseres Staates bloß drei: Protobulgaren, Thraker und Slawen. 
	Von da an fangen die Minderheiten an, ob anerkannt oder nicht, das Übereinanderstapeln 
	von gegensätzlichen kulturellen Einflüssen, und die ununterbrochenen Kehren in der 
	nationalen Politik.
	Warum dann wendet sich Bulgarien statt zum französischen territorialen Modell der 
	Integration oder zum amerikanischen melting pot zum deutschen, auf ethnischer 
	Basis begründeten Modell, wie das die meisten Staaten auf dem Balkan tun? Dieses 
	tragische Mißverständnis führte die Region statt zum Aufbauen von bürgerlichen Staaten 
	mit überethnischer Identität zu einer längeren mehr als ein Jahrhundert währenden 
	Praxis der ethnischen Säuberung, für die der türkischrussische Krieg 1877/78 ein 
	Beispiel ist, als Hunderttausende von Türken von ihren Heimatorten vertrieben wurden. 
	Es folgten Vertreibungen von Bulgaren aus Thrazien und Mazedonien, Vertreibungen von 
	Kroaten, Serben, bosnischen Moslimen und vielen anderen. Selbstverständlich ist hier 
	die Rede von Gesellschaften, die ihre Sippenbande noch nicht überwunden haben; das 
	Clanmäßige in ihnen kann leicht in einem nationalpolitischen Kostüm verkleidet werden 
	(das offensichtlichste Beispiel hier ist Albanien). Als Legitimation für die Modellwahl 
	einer nationalen Architektur ist es trotzdem interessant, das deutsche Beispiel zu 
	untersuchen, das dem Blut Vorrang gibt vor dem Territorium.
		Woher überhaupt diese merkwürdige Idee, daß die Bulgaren irgend etwas Gemeinsames 
	mit dem Deutschen haben könnten, daß sie die Preußen des Balkans seien? Einer der 
	Gründe für die Anziehungskraft zwischen diesen beiden einander so fernen Kulturen, 
	der homogenen und der heterogenen, der europäischen und der orientalischen, der 
	industrialisierten und der rückständigen — könnte man im Bereich der Komplexe suchen: 
	durch die Tatsache seiner historischen Rückständigkeit gegenüber so alten bürgerlichen 
	Gesellschaften wie England oder Frankreich vergangener Jahrhunderte ist Deutschland 
	geeignet als Beispiel für solche sich modernisierenden Kulturen wie die bulgarische. 
	So wie Deutschland es schaffte, die fortschrittlicheren Länder im 19 Jahrhundert 
	einzuholen, so werden wir sie auch im 20 Jahrhundert einholen, lautet die bulgarische 
	Identifikationsvorgabe.
		Es existiert etwas, was ich in Analogie den "deutschen Traum" nennen würde. Der 
	amerikanische Traum, das ist der Glaube, daß der Mensch aus einem Nichts zum Millionär 
	werden kann, einen Apfel verkaufen und dafür zwei kaufen kann, um zum Schluß zum 
	Rockefeller zu werden. Der deutsche Traum hingegen verspricht keine individuelle, 
	sondern eine kollektive Rettung. Er ist begründet im Glauben, daß es möglich ist, 
	daß ein Land, welches besiegt, zerrüttet und erniedrigt wurde, dank Disziplin und 
	Selbstaufopferung wieder auf die Reine kommen und dabei sogar seine eigenen Besieger 
	überholen kann. Und das sogar zwei Mal im gleichen Jahrhundert. Was für einen 
	anziehenderen Traum könnte es geben für ein Bulgarien, das solche ähnlichen 
	Katastrophen durchgemacht hat, indem die kollektivistischen Launen entschieden die 
	individualistischen übersteigen? Der deutsche Traum von der gemeinsamen, diszipliniert 
	vollbrachten Rettung ist anziehend nicht so sehr durch die wirtschaftliche und 
	politische Revanche, sondern vor allem durch die Sühne, die sie verspricht: die Bösen 
	werden gut werden, die Gehaßten geliebt. Angefangen von den Balkankriegen bis zum 
	Papstattentat und der gewaltsamen Umtaufung der Türken ist Bulgarien (gerechterweise 
	oder nicht) das Land mit der negativsten Physiognomie auf dem Kontinent geblieben, 
	die Notwendigkeit einer moralischen Revanche ist heute lebendiger als je zuvor.
	Der deutsche Traum führt Bulgarien in die Versuchung, die falschen politischen 
	Entscheidungen in diesem Jahrhundert ungeschehen zu machen und das von den Siegern 
	eingepflanzte Schuldgefühl zu überwinden, weil die Generationen damit nicht leben 
	können und nicht leben wollen. Auf dem Wege des deutschen Wunders, durch Disziplin 
	und Selbstaufopferung glaubt Bulgarien auch, seinen verdienten Platz neben oder 
	über jenen einnehmen zu können, die die Chance gehabt haben, sich auf der Seite 
	des Guten anzustellen. Übrigens, man könnte sich fragen, ob die Tiefe der Depression, 
	die dieses unser Land befallen hat, nicht auch der Einführung des amerikanischen 
	Traums mit seinem ganzen Individualismus in unserer Kultur zu verdanken ist? Ob es 
	nicht der verlorenen Illusion von kollektiver Rettung nachtrauert, die übrigens 
	auch in Deutschland selbst etwas kränkelt?


                                              Übersetzung: Rumjana Zacharieva



                     MODELLE, TRÄUMEREIEN UND NATIONALER MIMETISMUS


	Die moderne Epoche wirft die traditionellen Vorbilder ab: sie akzeptiert nur jene 
	Formen der Politik, Kultur und sozialen Praxis, die eine rationale Erklärung dulden. 
	Ununterbrochen muß man wählen, prüfen. ob sich die Gesellschaft tatsächlich auf 
	dem besten Wege befindet, und die Wahl ständig korrigieren. Für die Neuankömmlinge 
	auf der Bühne der Moderne (ein solcher ist das balkanesische Bulgarien fortwährend 
	seit über hundert Jahren) bedeutet dies eine permanente Wahl zwischen unterschiedlichen 
	Modellen anderer Länder die sich viel früher auf den Weg der Modernisierung gemacht 
	haben. Belgien oder die Schweiz? Frankreich oder Österreich? Rußland oder Deutschland? 
	Die Türkei oder Griechenland? Europa oder Amerika? Diese historischen Dilemmas 
	stellen sich immer wieder vor die bulgarische Modernisierung.
	Oberflächlich gesehen sind die Modelle Objekte rationaler Anziehung zwischen Plus 
	und Minus, eine Art historisches Feilschen. Doch hinter der vordergründig vernünftigen 
	Wahl steckt die Träumerei. Der Mensch von der Peripherie der mächtigen Modernstaaten - 
	sei er ein Intellektueller, ein Politiker oder Gemischtwarenverkäufer -  lebt sich in 
	das Modell des besseren Lebens hinein, das ihm erlaubt mit nur einem Bein im eigenen 
	Land zu leben. Daher auch die unzähligen Mißverständnisse, die manchmal die Schicksale 
	einzelner Individuen, manchmal einzelner Nationalitäten ruinieren.
	Gibt es einen Boden für den amerikanischen Traum bei uns? Hätte jemand im vergangenen 
	Jahrhundert gesagt, daß die Vereinigten Staaten von Amerika heute der mächtigste Staat 
	der Welt sein würden, so hätte sich das möglicherweise wie ein extravaganter Spaß 
	angehört. Und trotzdem fühlt so ein großer politischer Philosoph wie Alexis de 
	Tocqueville, daß in dieser neuen Kultur die Grundtendenzen der modernen Epoche 
	durchscheinen: die Gleichheit der Chancen und die Demokratie als einzige legitime 
	Form der Regierung. Das ist ein Land der fortwährenden Veränderung zum Beispiel 
	baute man dort die Schiffe so, daß sie nicht allzu lang hielten, da der Fortschritt 
	in der Schiffbautechnik ohnehin so rasch vonstatten ging, daß sie so oder so durch 
	die neuen ersetzt werden mußten.
	Das ist eine Nation in fortwährender Bewegung -  eine Nation auf Rädern, wie sie 
	einige Jahrzehnte später genannt wird. Tocqueville schreibt, daß in diesem Land 
	nicht nur die Beziehungen zwischen den Lebendigen, sondern auch die zwischen den 
	Lebendigen und den Toten unterbrochen seien: der Mensch entstamme dem Nichts und 
	verschwinde wieder ins Nichts, ohne Vorfahren, ohne Stammbaum. Wie fremdartig muß 
	das dem französischen Aristokraten erschienen sein; vielleicht ist das der Preis, 
	der bezahlt werden muß, um die moderne Gesellschaft aufzubauen. Heute verändern die 
	Amerikaner in ihrem aktiven Alter ihren Wohnort durchschnittlich alle zwei, drei 
	Jahre, und das bedeutet, daß sie ihren Hausrat verkaufen, eine neue Arbeit finden, 
	freundschaftliche und nachbarliche Beziehungen unterbrechen. Niemand hat die 
	geringste Lust, die Hauser der Eltern zu erben, genauso, wie es überhaupt keinen 
	Grund für das Kind gibt. dorthin umzusiedeln, wo sie zufällig gestorben sind. Daher 
	werden auch die Häuser öfter aus leichten Materialien gebaut und kosten weniger. 
	Bezeichnend ist, daß eine amerikanische Gesellschaft, die ihre wunderbaren Holzbauten 
	in Bulgarien abzusetzen versuchte, durch die Tatsache unangenehm überrascht war, daß 
	trotz des viel niedrigeren Preises der Bulgare den Backstein vorzieht -  für ihn ist 
	das Haus eine ernstzunehmende Sache, an ihm wird ein Leben lang gebaut mit dem Gedanken, 
	daß es für die Kinder bleibt. Übrigens werden diese gleichen Kinder auf die gleiche 
	Weise an die heimatliche Feuerstätte angekettet und dadurch vor den Versuchungen der 
	kapitalistischen sozialen Mobilität bewahrt.
	Die Sparsamkeit ist eine weitere bulgarische Tugend, die den Amerikanern unbekannt 
	ist. Daniel Beil stellte die klassischen Vorstellungen vom Kapitalismus auf den Kopf, 
	indem er zeigte, daß die Vereinigten Staaten keine Gesellschaft der Akkumulation 
	des Kapitals sind, sondern eine des Kredits: angefangen mit dem Staat, der der 
	größte Schuldner in der Welt ist, bishin zum letzten Familienhaushalt, der mit 
	verschiedenen Kreditkarten jongliert, indem er einen Kredit von der einen zur 
	anderen Bank umschuldet. Sogar in Westeuropa ist es nicht so, geschweige denn in 
	Bulgarien, wo der Mensch glaubt, daß er etwas nur dann effektiv besitzt, wenn er 
	es anfassen kann. In einem gewissen Sinne sind in Amerika alle Kreditmillionäre - 
	mit dem kleinen Unterschied, daß das System diese zwingt, ihre Verpflichtungen 
	ordentlich zurückzuzahlen, da sie sonst Angst haben müssen, aus der Gesellschaft 
	ausgestoßen zu werden. Die andere Bedeutung des englischen Wortes "credit" ist 
	"Vertrauen". Du hörst auf zu zahlen, das bedeutet, du verlierst das Vertrauen, 
	mit anderen Worten: du verlierst deine Wohnung, das Auto die soziale Sicherheit, 
	dein Konto wird gesperrt; du kannst nicht mehr anständig Gewinne machen, du hast 
	kein Geld für soziale Kontakte -  mit anderen Worten in zwei Monaten kannst du 
	dich mit einem Bettlerhut auf der Straße wiederfinden. Dabei hast du im allgemeinen 
	im Alter von 18 bis 20 Jahren das Haus der Eltern verlassen und hast jegliche 
	Kontakte mit allerlei Onkels und Vettern abgebrochen: du bist auf dich selbst 
	gestellt. In dieser Weise diszipliniert die Gesellschaft des Kredits, die 
	oberflächlich gesehen zur sorglosen konsumativen Beziehung zum Leben ermutigt, 
	den Menschen und macht ihn weitaus pflichtbewußter und abhängiger von den sozialen 
	Normen.
	Der sprichwörtliche Individualismus des Amerikaners ist ziemlich verschieden von dem 
	des Bulgaren. Der Mensch auf dem Balkan empfindet den Staat einfach als fremd und 
	strebt danach, seine Institutionen in jeder Weise übers Ohr zu hauen: das Diensttelefon 
	nach Hause mitzunehmen, seinen Neffen einzustellen und vor der Glotze, schnapsgestärkt, 
	die Regierenden zu beschimpfen. Dieser Individualismus ist schlicht und einfach eine 
	Form der Sturheit -  des Unwillens, was auch immer für Veränderungen anzunehmen.
	Beim amerikanischen Individualismus ist genau vom Gegenteil die Rede. Dieser 
	Individualismus ist mit dem Wunsch verbunden, seinen sozialen Status zu verändern, 
	von ganz unten nach ganz oben zu gelangen. Der amerikanische Traum wird in dem 
	kleinen Zeitungsverkäufer verkörpert, der Millionär wird, in Rockefeller, dessen 
	Startkapital ein Apfel ist, den er verkauft, um zwei zu kaufen. Am poetischsten hat 
	Scott Fitzgerald den amerikanischen Traum in der Gestalt des Großen Gatsby 
	personifiziert -  verliebt in die reiche Daisy, träumt er davon, Geld zu verdienen, 
	um zurückkehren und sie gewinnen zu können. Im Unterschied zu seinen europäischen 
	Ebenbilder (wie Rastignac z. B.) ist dieser bourgeoise Parvenü charmant: trotz seines 
	schlechten Geschmacks und seiner komischen Großmannssucht ist er der einzige lebendige, 
	fühlende Mensch unter den anderen, die reichen Dynastien entstammen.
	Europa betrachtet den Reichtum auf andere Weise als die Amerikaner. Man wird niemals 
	durch die europäischen Hauptstädte Cadillacs mit goldener Karosserie fahren sehen, 
	die zehn Minuten brauchen, bis sie an einem ganz vorbeigefahren sind. Nach so vielen 
	Jahrhunderten sozialer Kämpfe trägt der Reichtum des alten Kontinents den Stempel 
	der moralischen Sanktion: das sieht man sowohl an der Steuerpolitik, die dazu 
	tendiert, das Bruttosozialprodukt vier gerechter zu verteilen, als auch im Bereich 
	der Sitten, die es den Reichen aufzwingen, einfach etwas bescheidener aufzutreten. 
	Praktisch findet man überall in den alten europäischen Staaten die unausgesprochene 
	Überzeugung, daß man für Geld nicht alles kaufen kann, daß die wahrhaft wertvollen 
	Dinge vererbt werden, kreiert und verschenkt, und daß letzten Endes der arme 
	Aristokrat etwas Wertvolleres als der reiche Parvenü ist. In Amerika kannst du sogar 
	eine mittelalterliche europäische Burg aufbauen lassen, wenn es dir danach gelüstet 
	sie wird in Europa gekauft, in Einzelteile auseinandergenommen, auf ein Schiff 
	geladen und irgendwo in Kalifornien nach Plan wieder zusammengebaut.
	Übrigens, wenn man denn in Europa glaubt, daß es keine Armen geben soll, so will 
	die Mehrheit in Bulgarien, daß es, umgekehrt, keine Reichen gibt. Der Eintritt des 
	amerikanischen Modells in dieses Land, in dem das Wort "Tschorbadjia" ("reicher 
	Herr" also) gleichbedeutend ist mit Blutsauger, führte zu einem schweren moralischen 
	Schock. Hier wurde die Übersetzung des amerikanischen Traumes ungefähr so aussehen: 
	ein Partei- oder Geheimdienstelan wird durch den Fall der Berliner Mauer einfach 
	leicht erschrocken also geloben seine Mitglieder, auf die Bühne als Kapitalisten 
	zurückzukehren und die Spielregeln dem gegnerischen Team zu erklären. Offensichtlich 
	gibt es hier keinen Platz für die Sentimentalität eines Gatsby, der das grüne 
	Lichtlein auf dem jenseitigen Ufer anvisiert. Übrigens, es gibt in Bulgarien 
	überhaupt kein gesellschaftlich zulässiges Bild des Erfolges.
	Das amerikanische Modell der nationalen Architektur ist ziemlich verschieden von 
	dem europäischen. In einem Einwanderungsland dürfte die Frage der europäischen 
	Minderheiten eigentlich kein Problem darstellen -  sie alle kommen irgendwoher, 
	und sie alle sind Amerikaner. Das ist das Prinzip des Schmelztiegels, in dem die 
	einzelnen Komponenten sich vermischen. Doch heutzutage, am Ende des 20. Jahrhunderts, 
	wird immer deutlicher, daß die einzelnen Bestandteile sich nicht nur nicht vermischen 
	und miteinander verschmelzen, sondern daß sie sich immer mehr voneinander absondern 
	und verhärten. In ganzen Vierteln kann es passieren, daß man keinen einzigen antrifft, 
	der englisch spricht: koreanische. afrikanische, italienische, russische, polnische 
	und sonstige ethnische Mafias avancieren zum Staat innerhalb des Staates mit eigenen 
	Gesetzen, mit eigenen Leitfiguren und eigener Wirtschaft. Hier sei noch zu erwähnen, 
	daß in ungefähr zwanzig Jahren die spanische Sprache in diesem Land wegen der 
	Emigranten aus Mexiko und der hohen Geburtenrate der Katholiken die meist 
	gesprochene Sprache sein wird. Das jedoch scheint die Amerikaner viel weniger zu 
	beunruhigen als die demographische Expansion der Albaner oder der Roma, die von 
	den Serben oder den Bulgaren als Bedrohungen empfunden wird. Das ethnische Moment 
	ist sozusagen "postmodern", eine Frage der Situation, um nicht zu sagen, eine Frage 
	des Interesses: mal bist du Amerikaner, mal Inder. mal fällt dir ein, daß deine 
	Großmutter Jüdin ist. Wie lange diese multikulturelle Collage durchhalten wird, 
	kann niemand sagen: die Risse zwischen den einzelnen ethno-religiösen Gemeinschaften 
	vertiefen sich, aber wegen des Mangels an historischen territorialen Ansprüchen 
	können sie eigentlich nicht zum Zerreißen des Landes führen wie in Jugoslawien 
	oder der ehemaligen UdSSR.
	Wichtig ist noch die Tatsache, daß auch die Außenpolitik der USA nach 1989 eine 
	Tendenz zur Unterstützung der Autonomiebestrebungen religiöser Minderheiten in 
	der ganzen Welt zeigt, hervorgehend aus dem Umstand, daß die USA selbst als ein 
	Land des religiösen Pluralismus entstanden sind. Diese Politik gefällt Ländern 
	wie Frankreich überhaupt nicht, und sorgt geradezu für Entsetzen bei den neuen 
	Demokratien im Osten, die sich durch ethnische Explosionen bedroht fühlen
	Die von der Gründung der Vereinigter Staaten an herrschende liberale Sichtweise 
	des Staates vermindert bis zum Verschwinden die Einmischung der Institutionen in 
	das Leben des einzelnen Bürgers. Eine viel größere Sphäre der Freiheit im 
	Vergleich zu Europa wird dem Individuum überlassen, im Bereich der 
	Gesundheitsvorsorge, der Bildung, der Kultur, der sozialen Sicherheit, und eine 
	Wehrpflicht existiert seit langem nicht mehr. Das schafft zusätzliche soziale 
	Unterschiede zwischen denen, die sich private Krankenhäuser, Schulen usw. 
	erlauben können und jene, die gezwungenermaßen vom superschlanken Sozialhaushalt 
	abhängig sind.
	Dieses ganze Bild würde ziemlich düster aussehen, wenn wir nicht das Wichtigste 
	hinzufügen würden: dank der Ressourcen der Geschichte und der gesunden 
	protestantischen Moral der ersten Siedler sind die Vereinigten Staaten heute ein 
	sehr reicher Staat, Sogar bei den riesigen sozialen und kulturellen Ungleichheiten 
	bleibt für die Armen ein anständiger humaner Lebensstandard übrig und was noch 
	wichtiger ist ihnen bleiben auch Chancen, die eigene Situation zu verändern, ihre 
	Kinder auszubilden und Arbeit zu finden. Aber wenn man dieses amerikanische Modell 
	in einem so armen Land wie Bulgarien anwenden würde, das drei Mal in diesem 
	Jahrhundert besiegt worden ist, und keine britische, puritanische Moral geerbt hat, 
	sondern ottomanische Zügellosigkeit; wenn man die staatliche Einmischung in alle 
	bürgerlichen Sphären bis zum Minimum begrenzen wurde, die Reichen ihren 
	amerikanischen Traum mit ihren Cadillacs verfolgen lassen wurde und die Armen 
	sich zurechtfinden, wie sie können; wenn man den Minderheiten notwendige und nicht 
	notwendige Freiheiten einräumen, die Familienbande zerreißen und den Kredit als 
	Form des Lebens einführen wurde - dann wird man sich vielleicht in den Vereinigten 
	Staaten wiederfinden, nur ein wenig südlicher, nämlich im Dschungel eines 
	lateinamerikanischen Kapitalismus.



                                       Übersetzung: Rumjana Zaharieva




                          MÜTTERCHEN EUROPA


	Schon seit einigen Jahren fließt das politische Leben in Bulgarien im Zeichen der 
	lang ersehnten Integration ins vereinte Europa - ohne den Übergang von der Euphorie 
	in die Depression und umgekehrt. Das Paradox besteht in der Tatsache, daß die EU, 
	dieses in der Geschichte einmalige demokratisch expandierende Imperium praktisch 
	fast keine Physiognomle besitzt. Fangen wir mit der Symbolik an. Trotz der zu 
	diesem Zwecke ausgegebenen Millionen, bleibt Europa, abgesehen von der 
	Zwölf-Sterne-Aureole. die der Madonna und der Ode an die Freude aus Beethovens 
	Neunter entnommen ist, ein Sammelsurium aus Ländern mit andersartigen Gesichtern. 
	In gewissem Sinne wird die Integration zum Anlaß der Verstärkung ihrer individuellen 
	Besonderheiten, da die meisten Formen der politischen Wechselwirkungen innerhalb der 
	Union nationalen Charakter haben.
	Die Angliederung an Europa stellt das nationale Selbstbewußtsein der einzelnen Länder 
	auf die Probe - auch wenn einem bis dahin nie die Idee gekommen war, sich zu fragen, 
	wer man denn sei oder was man am Gemeinschaftsstand Europa ausstellen würde, oder 
	wodurch man die eigene Einmaligkeit im bunten Kaleidoskop aus einzelnen 
	Nationalidentitäten und Kulturen bewahren könnte. So wurde in Österreich wo die 
	Integration eine gefährliche Annäherung an Deutschland bedeutet, im Rahmen der 
	Volksbefragungskampagne das Menü des offiziellen Diners in Straßburg abgedruckt und 
	zwar mit den spezifisch österreichischen kulinarischen Namen, womit die Politiker 
	ihre Achtung der österreichischen Nationalküche gegenüber erwiesen.
	Die Europäische Union bleibt eine leere artifizielle Konstruktion - daher die 
	dauernden Beschuldigungen an den "Technokraten" in Brüssel, sie würden die Rolle 
	der traditionellen Politiker monopolisieren. Dabei sind sie in Brüssel kaum mehr 
	Technokraten als in London oder Rom. So eine Definition gibt einfach der 
	ungemütlichen Empfindung des Europäers Ausdruck in Bezug auf einen politischen 
	Raum, in dem das Erwecken einer positiven Symbolik nicht gelingen will. Dieser 
	Raum bleibt weit entfernt vom Nationalstaat mit seiner ganzen Mythologie, mit 
	seinen Heldengestalten und dem vergossenen Blut, das Pflicht- und Solidaritätsgefühle 
	vermittelt. Europa hat keine gemeinsamen Toten, keine Denkmäler, keine Rituale. 
	Wird der Europäer morgen bereit sein, für seine neue Heimat zu sterben, deren Paß 
	und Autonummernschild er besitzt?
	Es sieht so aus, als würde nur das Geld unweigerlich im Zentrum der Symbolik 
	Europas stehen. Vom Europa des Dollars über das Europa des freien Marktes und 
	der Zollunion bishin zum Europa des fiktiven und wirklichen Euro. Die Idee bedeutet, 
	daß der alte Kontinent dank seiner vereinten Finanz- und Wirtschaftsmacht, es 
	schaffen wird, sich Amerika zu widersetzen und seine führende Position in der Welt 
	zurückzuerobern. Ob ausschließlich mit ökonomischer Macht die Rolle der Führungsmacht 
	gespielt werden kann, ist fraglich. Interessant ist die Art, in der der grenzenlose 
	Handel mit dem anderen großen Traum verbunden ist: dem Frieden. Einander so ferne 
	Denker wie Aristoteles, Montesquieu und Weber haben die Beziehungen zwischen dem 
	Handel und der friedlichen Koexistenz schon immer betont. Dort, wo die Ehre höher 
	als der Eigennutz gestellt ist, sind Kriege unvermeidlich: damit die Völker in 
	Frieden leben können, müssen sie der heiligen Pflicht gegenüber dem Vergangenen 
	abschwören, um Beleidigungen an Vätern und Urvätern vergessen und sich prosaischen 
	Tauschgeschäften widmen zu können.
	Die Ankündigung des ewigen Friedens in Europa, verkörpert durch die französisch-
	deutsche Versöhnung, ist der Sieg des Eigennutzes über die Symbole. Aber dieser 
	Eigennutz hat auch ein anderes, häßlicheres Gesicht ins Leben gerufen: als eine 
	Festung des Luxus und des Wohlstandes gegen die Bedrohung aus dem Osten, hat 
	Europa heute das strategische Ziel, der Unterschied zwischen Reichen und Armen 
	in einer sich globalisierenden Welt durchzuhalten. Denn jenes, welches die 
	Überwindung der jahrhundertelangen Konflikte des alten Kontinents erlaubt, ist 
	nicht einfach das friedliebende Handelsethos, sondern die Notwendigkeit, die 
	Emigrantenströme von außen aufzuhalten und die Unzufriedenheit innerhalb der 
	Union Europas zu vermeiden, und zwar durch den Erhalt eines genügend hohen 
	Lebensstandards.
	Daraus resultieren nicht nur die Kritiken von links, die Europa bezichtigen, 
	ein Dienstmädchen des Kapitals und der Banken zu sein. Eine viel interessantere 
	Folge davon ist die konsumative Utopie, in die sich die Union für die Länder 
	verwandelt, die danach streben, ihr angegliedert zu werden. Warum also eine 
	Utopie? Weil, je weniger reell eine Angliederung an die Europäische Union ist, 
	um so vorbehaltloser der Wunsch danach, Fragen Sie Otto Normalverbraucher, worin 
	denn diese umschwärmte europäische Zivilisation besteht. Neun von zehn werden Ihnen 
	nicht von Solidarität, Menschenrechten oder kulturellen Missionen erzählen, 
	sondern von den schönen Sachen, die die da drüben haben und wir nicht. Geträumt 
	wird also ein sehr materielles und kein geistiges Europa. Deswegen mutet auch 
	die Idee des Eintritts in die EU irgendwie destruktiv an: das konnten wir 
	feststellen beim Zerfall des ehemaligen Jugoslawien und der Tschechoslowakei, 
	wo die Reicheren zu der Überzeugung kamen, daß sie leichter zugelassen werden 
	würden, wenn sie sich ihrer weniger entwickelten östlichen Nachbarn entledigten. 
	Und es gelang ihnen. (Noch radikaler in diesem Zusammenhang ist der Erfolg der 
	einzelnen, sich selbst rettenden Emigranten, die sich überhaupt der Last ihrer 
	rückständigen Heimatländer einfach entledigten.)
	Europa, das ist die Verteilung des Euro an die Armen in Bulgarien während des 
	Winters, nur in viel größeren Mengen. Das ist Hilfe für die "Scheinasylanten" 
	oder –arbeitslosen, die bei weitem den Heimatlohn übersteigt; das sind Geschichten 
	von einer Waschmaschine, die man in drei Monaten gekauft, von einem Auto, das man 
	in sechs Monaten abbezahlt hat. Solch eine mütterliche Vorstellung von der 
	europäischen Union werden wir auch auf einem geopolitischen Level entdecken: 
	da kein Kind sich selbst fragt, woher und warum ihm die Mutter etwas gibt, so 
	erwarten auch die armen Verwandten, die sich ungebeten mit an den gedeckten 
	Tisch setzen, zu bekommen, ohne danach zu fragen, welche Mühe als Gegenleistung 
	dafür verlangt wird. Nicht nach der tiefgreifenden Umstrukturierung auf allen 
	Sektoren, nicht nach Disziplin und Rechtsordnung, die eingeführt werden müssen, 
	nicht nach der Konkurrenz, der die ortsansässige Industrie unterzogen wird, nicht 
	nach der Arbeitslosigkeit usw. Diese halbherzige utopische Idee des Bulgaren von 
	Europa, Synonym der Modernität an sich, wird schon von den Aufklärern der 
	bulgarischen Renaissance (19. Jh.) kritisiert. Im Vorwort zu der "Falschverstandenen 
	Zivilisation" von Dobri Wojnikov lesen wir: "So haben die Europäer gehabt, und so 
	haben sie gelebt, und daher müssen auch wir, um zivilisierte Leute wie sie zu sein, 
	haben müssen und leben müssen. Aber die Europäer haben es verstanden, Fabriken zu 
	errichten und allerlei hübsche, glänzende und schöne Sachen herauszuziehen. Laß sie 
	sie denn herausziehen, und wir werden sie teuer, ja, überteuert von ihnen kaufen 
	und uns damit schmücken. Später wußten sie auch, wie man Dampfmaschinen baut und 
	eiserne Wege: laß sie machen -  wir werden zahlen und uns darauf herumfahren lassen."
	Ein halbes Jahrhundert später wird der Soziologe Ivan Hadschijski die Analyse dieses 
	Widerspruchs zwischen dem angenommenen europäischen Geschmacks dem Leben gegenüber 
	und der nichtangenommenen europäischen Einstellung zur Arbeit, zur Wissenschaft und 
	zur Eigeninitiative vertiefen: ,,Die Frage ist, wie man das wirtschaftliche Rätsel 
	auflöst: die Befriedigung des europäischen Geschmacks mit dem bulgarischen 
	Portemonnaie heutigen Stils... Bei den begrenzten Möglichkeiten unserer Wirtschaft 
	kann das Heranschaffen von Geld für unsere lntelligenzija, die aus kleinen 
	Verhältnissen stammt, aber auf großem Fuß leben will, nur durch eine Karriere um 
	jeden Preis und mit allen Mitteln verwirklicht werden. Hier wurzeln Korruption. 
	Käuflichkeit, Rückgratlosigkeit und Raubtierhaftigkeit der Halb-lntenlligenz". 
	Noch ein halbes Jahrhundert später bewahrheiten sich diese Worte auf traurige 
	Weise. Das halb angeeignete Modell einer Zivilisation zwingt die Elite mit einem 
	Bein in seinem eigenen Land und mit dem anderen im Ausland zu leben, mit einem 
	Konto hier und mit einem im Ausland. Das Erschreckende dabei ist, daß Länder wie 
	Bulgarien die es nicht schaffen, die EU-Aufnahmekriterien zu erfüllen, auf 
	Jahrzehnte gesehen so zu existieren bedroht sind: auf dem Weg zwischen der 
	Utopie des konsumativen Europas und dem Haß gegenüber der Realität des eigenen Lebens.


                                                  Übersetzung: Rumjana Zacharieva



                           Die ÖKONOMIE ALS MYTHOS



	Anlaß dieser Überlegungen ist das Ergebnis einer GaIlup-Befragung, wonach 78 Prozent 
	der Bulgaren meinen, die Hauptaufgabe des Landes sei es, die Wirtschaft in Ordnung 
	zu bringen. Mit diesem Beweis für Pragmatismus steht Bulgarien auf Platz eins einer 
	mit anderen Ländern vergleichenden Tabelle, sogar noch vor Rußland oder Albanien. 
	Zweimal weniger Amerikaner und dreimal weniger Japaner halten die Ökonomie für die 
	oberste nationale Priorität.
	Man wird wohl sagen: dort funktioniert die Wirtschaft, also warum sollen sie sich 
	Gedanken machen? Im Rückblick können wir jedoch sehen. daß ähnliche Einstellungen 
	die Bulgaren nicht nur in Krisenperioden begleiten. Hat nicht Shiwkow volle 
	Vorratskammern angestrebt? Deshalb wurde ich meinen, als Land des Saturn ist 
	Bulgarien eher die Beute einer Ideologie des Ökonomismus geworden, die diesmal 
	nicht aus dem Osten, sondern aus dem Westen kam.
	Die Marxisten wiederholten jahrzehntelang: Die Basis ist wichtiger als der Überbau, 
	der Bauch wichtiger als der Geist, die Produktion wichtiger als die Politik. Für 
	einen Intellektuellen vom Anfang des Jahrhunderts hatte das sicher eine gewisse 
	Erotik. Stellen wir ihn uns vor: Einige Leute reden über erhabene Dinge, Wissenschaft, 
	Religion, Moral. Sie aber erklären kühn, all das sind nur infame Lügen der 
	Herrschenden, im Grunde will jeder zuerst einmal essen. Was für ein zynischer, 
	harter, männlicher Standpunkt! Aber machen Sie ihn nur zur Staatspolitik, und 
	die Dinge erreichen unweigerlich jene Absurdität, die wir kennen: Monumentale 
	Produktionskapazitäten, gelenkt von einer mittelalterlichen Administration, 
	entwickelt von einer schwachsinnigen Wissenschaft, zerrissen von doppelter Moral. 
	Wozu wird der moderne, nach 1989 zur offiziellen Religion erhobene liberale 
	Ökonomismus Bulgarien verurteilen? Alles für die Front des Profits, alles für 
	den Sieg des Business, das andere kommt später. Und wer Profit macht, ist ein 
	freier Mensch, nimmt seinen Hut und wird Banker in Singapur. Stellen Sie sich das 
	Land nach hundert Jahren Flug auf dieser Tangente vor: Ein langweiliger, häßlicher 
	Ort, besiedelt von Wirten, Händlern und Koordinatoren humanitärer Projekte, wo der 
	Durchreisende nur einen Zwischenstop auf dem Weg nach Istanbul macht, um ein Glas 
	Wasser zu trinken oder sein Wasser abzuschlagen. 
	Eine solche Sakralisierung der Ökonomie ist aus anderen Epochen nicht bekannt. Die 
	Wirtschaft war nie trennbar von den allgemeinen Wertakzenten der Zeit, vom Kampf um 
	die Macht, den Ideen von Güte und Gerechtigkeit, der Beziehung zu Gott und den 
	Traditionen usw. Einer der großen Marx-Opponenten, Max Weber, erklärte zu Beginn 
	des Jahrhunderts, daß die einzelnen gesellschaftlichen Sphären in der Moderne die 
	Tendenz haben, sich zu isolieren und als autonome, der eigenen Logik, eigenen Regeln, 
	Kriterien. Formen der Legitimität unterworfene Systeme zu wirken. Die Politik trennt 
	sich von der Wirtschaft, die Wissenschaft von der Kunst, die Bildung von der Religion -  
	wie die Galaxien nach dem Urknall entfernt sich jede Sphäre unumkehrbar von dem 
	ursprünglichen, warmen, gemeinsamen Zentrum. In einer so zersplitterten Welt fühlt 
	sich der Mensch unbehaglich. An seinem geistigen Horizont gibt es keinen unstrittigen 
	Ausgangspunkt mehr, keine Schrift, die ihm sagt, wie er sich ernähren, wie er 
	produzieren, sexuell verkehren und wen er anbeten soll. Sein ganzes Verhalten ist 
	in völlig unterschiedliche, häufig widersprüchliche soziale Logik unterteilt. In der 
	Wirtschaft muß man zum Beispiel an Profit denken, in der Politik sich als 
	uneigennützig darstellen: in der Wissenschaft muß man rational sein, in der Kunst 
	wahnwitzig.
	Die Lösung für den modernen Menschen ist im Grunde zutiefst unmodern. Er mythologisiert 
	einfach eine dieser voneinander getrennten Sphären und verleiht ihr die Rolle jenes 
	heiligen synkretischen Zentrums, das der historische Fortschritt ihm genommen hat. 
	Wenn es keinen Gott mehr gibt, was bleibt uns übrig, als wieder Idole zu schaffen? 
	Das ist auch eine Erklärung für den Fetischismus unserer Epoche. Für Marxisten und 
	Liberale wird die Wirtschaft zum Fundament der Gesellschaft; Leninisten, Faschisten, 
	Nationalsozialisten, Maoisten werden alles der Politik aufbürden; Progressisten, 
	Futuristen und andere Träumer glauben an die Wissenschaft; religiöse Fundamentalisten 
	suchen Rettung in einer erfundenen. reinen, von den modernen gesellschaftlichen 
	Praktiken getrennten Religion: die künstlerische Avantgarde schwört auf die Kunst 
	um der Kunst willen usw. Und dabei ist der Mythos von der Wirtschaft als dem 
	Fundament aller Dinge besonders zählebig. Er läßt sich leicht mit der beim Prozeß 
	der Globalisierung in den Entwicklungsländern eingeführten Idee vom Glück als 
	Konsum vereinbaren. Einfacher gesagt: Die Welt ist durchsichtig geworden, die 
	Völker bemerken allmählich, was der Nachbar auf dem Teller hat. Daher wird der 
	Neid zu einem Vektor der sozialen Prozesse. Die Gleichung lautet: Schön, daß wir 
	mehr Dinge haben. Folglich ist jene Macht legitim, bei der wir mehr Dinge haben 
	können. Gut ist jene Wissenschaft, die wirtschaftliche Ergebnisse hervorbringt. 
	Schön ist die Kunst, die von den meisten Menschen gekauft wird. Gerecht ist die 
	Entscheidung, welche die Produktion fördert. Alles dreht sich ums Geld und diejenigen, 
	die es haben oder wissen, wie man es macht. Die anderen, also die Neider, umkreisen sie.
	In eine solche Balzacsche Welt wurden die Bulgaren nach dem Jahr 1989 geworfen. Die 
	Veränderung bestand lediglich darin, daß ein kollektiver kommunistischer Pragmatismus 
	in acht Millionen kleiner individueller Pragmatismen zerschlagen wurde. Und wenn der 
	frühere Pragmatismus sich auf das progressive sowjetische Vorbild stützte, so stützt 
	sich der jetzige auf den Kapitalismus, der so wahrgenommen wird, als blickten hungrige 
	Vagabunden durch die Fenster einer elitären Cocktailbar und registrierten lediglich, 
	wie oft sich die Adamsäpfel der Gäste darin auf und ab bewegen.
	Im Grunde hat der Wirtschaftsmythos  -  der Mittelpunkt dessen, was die Amerikaner 
	"neue Weltordnung" und ihre europäischen Kritiker "neue Weltunordnung" nennen - viel 
	Böses angerichtet. Wie können wir den Schaden einschätzen, den die bulgarische 
	Gesellschaft davongetragen hat, weil sie das Prinzip der Gerechtigkeit und 
	Wiedergutmachung an den konjunkturellen ökonomischen Imperativen der "ursprünglichen 
	Akkumulation des Kapitals" aufgegeben hat? Neun Jahre Diebstahl, Unglaube, Apathie 
	wegen der arroganten Unterschätzung von Moral und Recht im Namen des materiellen 
	Wohlstands, des "Überbaus" im Namen der "Basis".  Wie sollen wir ökonomisch die 
	Verluste der Jahrzehnte lang rückgratlos, pragmatisch geführter Politik Shiwkows 
	wegen des internationalen Images des Landes beziffern? Oder nehmen wir den Bereich 
	der Bildung -  nach Meinung der Ökonomen ist er zweitrangig und nur im Dienst der 
	weit wichtigeren Bereichen von Waren, Geld, Börsen. Es ist soweit gekommen, daß ein 
	bulgarischer Student das Niveau eines europäischen Gymnasiasten hat, daß die Lehrer 
	an fünf unterschiedlichen Bildungseinrichtungen arbeiten, um überleben zu können, 
	daß die Schulen Pferdeställen gleichen. Die Gleichung "Banken sind wichtiger" wird 
	erreichen, daß schließlich und endlich Investitionen kommen werden, aber es keine 
	Einheimischen mehr geben wird,  die sich ihrer bedienen können.  Wer, glauben Sie, 
	hat mehr Investitionen nach Albanien gebracht - - die Finanzminister oder der 
	weltberühmte Schriftsteller Ismail Kadare? Wem ist die Stabilität des Dollars eher 
	zu verdanken, der Wirtschaft, der amerikanischen Diplomatie oder der militärischen 
	Macht des Pentagon? Es gibt einfach nicht wichtigere oder weniger wichtigere Sphären 
	in der modernen Gesellschaft, und jede ist um ihrer Selbst, um ihres Prinzips willen 
	da. Der Rest ist die Ideologie der neuen Eliten, die mit den einfachen Formeln des 
	neuen globalen ökonomischen Konsens Legitimität anstreben. Und je ökonomischer das 
	Verhalten ist, je schneller das Kapital zirkuliert, je mehr die Sprache der Broker, 
	Berater und Businessmen von "irrationalen" Wertvorstellungen gereinigt wird, desto 
	schneller wird diese selbe Wirtschaft über ihre eigenen Füße stolpern wie Kiplings 
	Tausendfüßler, der überlegt, wie er denn mit allen tausend Füßen gehen soll. Die 
	pragmatische Einstellung der Bulgaren ist erschreckend denn die Politiker sind 
	nolens volens gezwungen, mit ihr zu spielen. Wenn deine Wähler kein Gefühl für 
	Moral oder Gerechtigkeit haben, für Wahrheit oder Schönheit, für Solidarität oder 
	Ehre, dann ist es natürlich, daß du vor allem über leere Töpfe redest und über 
	diejenigen, die sie füllen werden. Alle anderen wichtigen Aspekte einer modernen 
	Gesellschaft gelten für das Ausland, in das überzusiedeln der Traum der Wählerkinder 
	ist. Und was Glück, Würde, soziale Gerechtigkeit betrifft, so wird der Ökonomismus 
	eine schnelle und eindeutige Antwort geben, die noch lange für den Bulgaren ein Anlaß 
	sein wird, sein Los masochistisch zu beweinen. Fragen Sie ihn, wann er endlich zu 
	leben gedenkt, und er wird unweigerlich antworten: "Warte nur, bis wir die Wirtschaft 
	in Ordnung gebracht haben..."  So haben wir 45 Jahre lang seit der ersten Phase des 
	Kommunismus auf das wahre Leben gewartet, und so warten wir heute mit derselben 
	Entschuldigung weiter.

	November1998
                     

                                                       Ubersetzung: Barbara Antkowjak




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