DER DEUTSCHE TRAUM
In einem konkreteren Plan stellt das bulgarische Imitatio Germanii ein Mißverständnis
in der nationalen Architektur in den Vordergrund. Wegen diverser geschichtlicher und
anthropologischer Gründe ist das deutsche historische Areal bedeutend homogener als das
balkanesische. Bulgarien ist ein ethnisch buntes Land, das es nicht bis zu Ende geschafft
hat, wegen des spät aufgebauten und nicht ausreichend starken Nationalstaats seine
Bevölkerung endgültig zu homogenisieren. In der offiziellen Mythologie sind die
ethnischen Bestandteile unseres Staates bloß drei: Protobulgaren, Thraker und Slawen.
Von da an fangen die Minderheiten an, ob anerkannt oder nicht, das Übereinanderstapeln
von gegensätzlichen kulturellen Einflüssen, und die ununterbrochenen Kehren in der
nationalen Politik.
Warum dann wendet sich Bulgarien statt zum französischen territorialen Modell der
Integration oder zum amerikanischen melting pot zum deutschen, auf ethnischer
Basis begründeten Modell, wie das die meisten Staaten auf dem Balkan tun? Dieses
tragische Mißverständnis führte die Region statt zum Aufbauen von bürgerlichen Staaten
mit überethnischer Identität zu einer längeren mehr als ein Jahrhundert währenden
Praxis der ethnischen Säuberung, für die der türkischrussische Krieg 1877/78 ein
Beispiel ist, als Hunderttausende von Türken von ihren Heimatorten vertrieben wurden.
Es folgten Vertreibungen von Bulgaren aus Thrazien und Mazedonien, Vertreibungen von
Kroaten, Serben, bosnischen Moslimen und vielen anderen. Selbstverständlich ist hier
die Rede von Gesellschaften, die ihre Sippenbande noch nicht überwunden haben; das
Clanmäßige in ihnen kann leicht in einem nationalpolitischen Kostüm verkleidet werden
(das offensichtlichste Beispiel hier ist Albanien). Als Legitimation für die Modellwahl
einer nationalen Architektur ist es trotzdem interessant, das deutsche Beispiel zu
untersuchen, das dem Blut Vorrang gibt vor dem Territorium.
Woher überhaupt diese merkwürdige Idee, daß die Bulgaren irgend etwas Gemeinsames
mit dem Deutschen haben könnten, daß sie die Preußen des Balkans seien? Einer der
Gründe für die Anziehungskraft zwischen diesen beiden einander so fernen Kulturen,
der homogenen und der heterogenen, der europäischen und der orientalischen, der
industrialisierten und der rückständigen — könnte man im Bereich der Komplexe suchen:
durch die Tatsache seiner historischen Rückständigkeit gegenüber so alten bürgerlichen
Gesellschaften wie England oder Frankreich vergangener Jahrhunderte ist Deutschland
geeignet als Beispiel für solche sich modernisierenden Kulturen wie die bulgarische.
So wie Deutschland es schaffte, die fortschrittlicheren Länder im 19 Jahrhundert
einzuholen, so werden wir sie auch im 20 Jahrhundert einholen, lautet die bulgarische
Identifikationsvorgabe.
Es existiert etwas, was ich in Analogie den "deutschen Traum" nennen würde. Der
amerikanische Traum, das ist der Glaube, daß der Mensch aus einem Nichts zum Millionär
werden kann, einen Apfel verkaufen und dafür zwei kaufen kann, um zum Schluß zum
Rockefeller zu werden. Der deutsche Traum hingegen verspricht keine individuelle,
sondern eine kollektive Rettung. Er ist begründet im Glauben, daß es möglich ist,
daß ein Land, welches besiegt, zerrüttet und erniedrigt wurde, dank Disziplin und
Selbstaufopferung wieder auf die Reine kommen und dabei sogar seine eigenen Besieger
überholen kann. Und das sogar zwei Mal im gleichen Jahrhundert. Was für einen
anziehenderen Traum könnte es geben für ein Bulgarien, das solche ähnlichen
Katastrophen durchgemacht hat, indem die kollektivistischen Launen entschieden die
individualistischen übersteigen? Der deutsche Traum von der gemeinsamen, diszipliniert
vollbrachten Rettung ist anziehend nicht so sehr durch die wirtschaftliche und
politische Revanche, sondern vor allem durch die Sühne, die sie verspricht: die Bösen
werden gut werden, die Gehaßten geliebt. Angefangen von den Balkankriegen bis zum
Papstattentat und der gewaltsamen Umtaufung der Türken ist Bulgarien (gerechterweise
oder nicht) das Land mit der negativsten Physiognomie auf dem Kontinent geblieben,
die Notwendigkeit einer moralischen Revanche ist heute lebendiger als je zuvor.
Der deutsche Traum führt Bulgarien in die Versuchung, die falschen politischen
Entscheidungen in diesem Jahrhundert ungeschehen zu machen und das von den Siegern
eingepflanzte Schuldgefühl zu überwinden, weil die Generationen damit nicht leben
können und nicht leben wollen. Auf dem Wege des deutschen Wunders, durch Disziplin
und Selbstaufopferung glaubt Bulgarien auch, seinen verdienten Platz neben oder
über jenen einnehmen zu können, die die Chance gehabt haben, sich auf der Seite
des Guten anzustellen. Übrigens, man könnte sich fragen, ob die Tiefe der Depression,
die dieses unser Land befallen hat, nicht auch der Einführung des amerikanischen
Traums mit seinem ganzen Individualismus in unserer Kultur zu verdanken ist? Ob es
nicht der verlorenen Illusion von kollektiver Rettung nachtrauert, die übrigens
auch in Deutschland selbst etwas kränkelt?
Übersetzung: Rumjana Zacharieva
MODELLE, TRÄUMEREIEN UND NATIONALER MIMETISMUS
Die moderne Epoche wirft die traditionellen Vorbilder ab: sie akzeptiert nur jene
Formen der Politik, Kultur und sozialen Praxis, die eine rationale Erklärung dulden.
Ununterbrochen muß man wählen, prüfen. ob sich die Gesellschaft tatsächlich auf
dem besten Wege befindet, und die Wahl ständig korrigieren. Für die Neuankömmlinge
auf der Bühne der Moderne (ein solcher ist das balkanesische Bulgarien fortwährend
seit über hundert Jahren) bedeutet dies eine permanente Wahl zwischen unterschiedlichen
Modellen anderer Länder die sich viel früher auf den Weg der Modernisierung gemacht
haben. Belgien oder die Schweiz? Frankreich oder Österreich? Rußland oder Deutschland?
Die Türkei oder Griechenland? Europa oder Amerika? Diese historischen Dilemmas
stellen sich immer wieder vor die bulgarische Modernisierung.
Oberflächlich gesehen sind die Modelle Objekte rationaler Anziehung zwischen Plus
und Minus, eine Art historisches Feilschen. Doch hinter der vordergründig vernünftigen
Wahl steckt die Träumerei. Der Mensch von der Peripherie der mächtigen Modernstaaten -
sei er ein Intellektueller, ein Politiker oder Gemischtwarenverkäufer - lebt sich in
das Modell des besseren Lebens hinein, das ihm erlaubt mit nur einem Bein im eigenen
Land zu leben. Daher auch die unzähligen Mißverständnisse, die manchmal die Schicksale
einzelner Individuen, manchmal einzelner Nationalitäten ruinieren.
Gibt es einen Boden für den amerikanischen Traum bei uns? Hätte jemand im vergangenen
Jahrhundert gesagt, daß die Vereinigten Staaten von Amerika heute der mächtigste Staat
der Welt sein würden, so hätte sich das möglicherweise wie ein extravaganter Spaß
angehört. Und trotzdem fühlt so ein großer politischer Philosoph wie Alexis de
Tocqueville, daß in dieser neuen Kultur die Grundtendenzen der modernen Epoche
durchscheinen: die Gleichheit der Chancen und die Demokratie als einzige legitime
Form der Regierung. Das ist ein Land der fortwährenden Veränderung zum Beispiel
baute man dort die Schiffe so, daß sie nicht allzu lang hielten, da der Fortschritt
in der Schiffbautechnik ohnehin so rasch vonstatten ging, daß sie so oder so durch
die neuen ersetzt werden mußten.
Das ist eine Nation in fortwährender Bewegung - eine Nation auf Rädern, wie sie
einige Jahrzehnte später genannt wird. Tocqueville schreibt, daß in diesem Land
nicht nur die Beziehungen zwischen den Lebendigen, sondern auch die zwischen den
Lebendigen und den Toten unterbrochen seien: der Mensch entstamme dem Nichts und
verschwinde wieder ins Nichts, ohne Vorfahren, ohne Stammbaum. Wie fremdartig muß
das dem französischen Aristokraten erschienen sein; vielleicht ist das der Preis,
der bezahlt werden muß, um die moderne Gesellschaft aufzubauen. Heute verändern die
Amerikaner in ihrem aktiven Alter ihren Wohnort durchschnittlich alle zwei, drei
Jahre, und das bedeutet, daß sie ihren Hausrat verkaufen, eine neue Arbeit finden,
freundschaftliche und nachbarliche Beziehungen unterbrechen. Niemand hat die
geringste Lust, die Hauser der Eltern zu erben, genauso, wie es überhaupt keinen
Grund für das Kind gibt. dorthin umzusiedeln, wo sie zufällig gestorben sind. Daher
werden auch die Häuser öfter aus leichten Materialien gebaut und kosten weniger.
Bezeichnend ist, daß eine amerikanische Gesellschaft, die ihre wunderbaren Holzbauten
in Bulgarien abzusetzen versuchte, durch die Tatsache unangenehm überrascht war, daß
trotz des viel niedrigeren Preises der Bulgare den Backstein vorzieht - für ihn ist
das Haus eine ernstzunehmende Sache, an ihm wird ein Leben lang gebaut mit dem Gedanken,
daß es für die Kinder bleibt. Übrigens werden diese gleichen Kinder auf die gleiche
Weise an die heimatliche Feuerstätte angekettet und dadurch vor den Versuchungen der
kapitalistischen sozialen Mobilität bewahrt.
Die Sparsamkeit ist eine weitere bulgarische Tugend, die den Amerikanern unbekannt
ist. Daniel Beil stellte die klassischen Vorstellungen vom Kapitalismus auf den Kopf,
indem er zeigte, daß die Vereinigten Staaten keine Gesellschaft der Akkumulation
des Kapitals sind, sondern eine des Kredits: angefangen mit dem Staat, der der
größte Schuldner in der Welt ist, bishin zum letzten Familienhaushalt, der mit
verschiedenen Kreditkarten jongliert, indem er einen Kredit von der einen zur
anderen Bank umschuldet. Sogar in Westeuropa ist es nicht so, geschweige denn in
Bulgarien, wo der Mensch glaubt, daß er etwas nur dann effektiv besitzt, wenn er
es anfassen kann. In einem gewissen Sinne sind in Amerika alle Kreditmillionäre -
mit dem kleinen Unterschied, daß das System diese zwingt, ihre Verpflichtungen
ordentlich zurückzuzahlen, da sie sonst Angst haben müssen, aus der Gesellschaft
ausgestoßen zu werden. Die andere Bedeutung des englischen Wortes "credit" ist
"Vertrauen". Du hörst auf zu zahlen, das bedeutet, du verlierst das Vertrauen,
mit anderen Worten: du verlierst deine Wohnung, das Auto die soziale Sicherheit,
dein Konto wird gesperrt; du kannst nicht mehr anständig Gewinne machen, du hast
kein Geld für soziale Kontakte - mit anderen Worten in zwei Monaten kannst du
dich mit einem Bettlerhut auf der Straße wiederfinden. Dabei hast du im allgemeinen
im Alter von 18 bis 20 Jahren das Haus der Eltern verlassen und hast jegliche
Kontakte mit allerlei Onkels und Vettern abgebrochen: du bist auf dich selbst
gestellt. In dieser Weise diszipliniert die Gesellschaft des Kredits, die
oberflächlich gesehen zur sorglosen konsumativen Beziehung zum Leben ermutigt,
den Menschen und macht ihn weitaus pflichtbewußter und abhängiger von den sozialen
Normen.
Der sprichwörtliche Individualismus des Amerikaners ist ziemlich verschieden von dem
des Bulgaren. Der Mensch auf dem Balkan empfindet den Staat einfach als fremd und
strebt danach, seine Institutionen in jeder Weise übers Ohr zu hauen: das Diensttelefon
nach Hause mitzunehmen, seinen Neffen einzustellen und vor der Glotze, schnapsgestärkt,
die Regierenden zu beschimpfen. Dieser Individualismus ist schlicht und einfach eine
Form der Sturheit - des Unwillens, was auch immer für Veränderungen anzunehmen.
Beim amerikanischen Individualismus ist genau vom Gegenteil die Rede. Dieser
Individualismus ist mit dem Wunsch verbunden, seinen sozialen Status zu verändern,
von ganz unten nach ganz oben zu gelangen. Der amerikanische Traum wird in dem
kleinen Zeitungsverkäufer verkörpert, der Millionär wird, in Rockefeller, dessen
Startkapital ein Apfel ist, den er verkauft, um zwei zu kaufen. Am poetischsten hat
Scott Fitzgerald den amerikanischen Traum in der Gestalt des Großen Gatsby
personifiziert - verliebt in die reiche Daisy, träumt er davon, Geld zu verdienen,
um zurückkehren und sie gewinnen zu können. Im Unterschied zu seinen europäischen
Ebenbilder (wie Rastignac z. B.) ist dieser bourgeoise Parvenü charmant: trotz seines
schlechten Geschmacks und seiner komischen Großmannssucht ist er der einzige lebendige,
fühlende Mensch unter den anderen, die reichen Dynastien entstammen.
Europa betrachtet den Reichtum auf andere Weise als die Amerikaner. Man wird niemals
durch die europäischen Hauptstädte Cadillacs mit goldener Karosserie fahren sehen,
die zehn Minuten brauchen, bis sie an einem ganz vorbeigefahren sind. Nach so vielen
Jahrhunderten sozialer Kämpfe trägt der Reichtum des alten Kontinents den Stempel
der moralischen Sanktion: das sieht man sowohl an der Steuerpolitik, die dazu
tendiert, das Bruttosozialprodukt vier gerechter zu verteilen, als auch im Bereich
der Sitten, die es den Reichen aufzwingen, einfach etwas bescheidener aufzutreten.
Praktisch findet man überall in den alten europäischen Staaten die unausgesprochene
Überzeugung, daß man für Geld nicht alles kaufen kann, daß die wahrhaft wertvollen
Dinge vererbt werden, kreiert und verschenkt, und daß letzten Endes der arme
Aristokrat etwas Wertvolleres als der reiche Parvenü ist. In Amerika kannst du sogar
eine mittelalterliche europäische Burg aufbauen lassen, wenn es dir danach gelüstet
sie wird in Europa gekauft, in Einzelteile auseinandergenommen, auf ein Schiff
geladen und irgendwo in Kalifornien nach Plan wieder zusammengebaut.
Übrigens, wenn man denn in Europa glaubt, daß es keine Armen geben soll, so will
die Mehrheit in Bulgarien, daß es, umgekehrt, keine Reichen gibt. Der Eintritt des
amerikanischen Modells in dieses Land, in dem das Wort "Tschorbadjia" ("reicher
Herr" also) gleichbedeutend ist mit Blutsauger, führte zu einem schweren moralischen
Schock. Hier wurde die Übersetzung des amerikanischen Traumes ungefähr so aussehen:
ein Partei- oder Geheimdienstelan wird durch den Fall der Berliner Mauer einfach
leicht erschrocken also geloben seine Mitglieder, auf die Bühne als Kapitalisten
zurückzukehren und die Spielregeln dem gegnerischen Team zu erklären. Offensichtlich
gibt es hier keinen Platz für die Sentimentalität eines Gatsby, der das grüne
Lichtlein auf dem jenseitigen Ufer anvisiert. Übrigens, es gibt in Bulgarien
überhaupt kein gesellschaftlich zulässiges Bild des Erfolges.
Das amerikanische Modell der nationalen Architektur ist ziemlich verschieden von
dem europäischen. In einem Einwanderungsland dürfte die Frage der europäischen
Minderheiten eigentlich kein Problem darstellen - sie alle kommen irgendwoher,
und sie alle sind Amerikaner. Das ist das Prinzip des Schmelztiegels, in dem die
einzelnen Komponenten sich vermischen. Doch heutzutage, am Ende des 20. Jahrhunderts,
wird immer deutlicher, daß die einzelnen Bestandteile sich nicht nur nicht vermischen
und miteinander verschmelzen, sondern daß sie sich immer mehr voneinander absondern
und verhärten. In ganzen Vierteln kann es passieren, daß man keinen einzigen antrifft,
der englisch spricht: koreanische. afrikanische, italienische, russische, polnische
und sonstige ethnische Mafias avancieren zum Staat innerhalb des Staates mit eigenen
Gesetzen, mit eigenen Leitfiguren und eigener Wirtschaft. Hier sei noch zu erwähnen,
daß in ungefähr zwanzig Jahren die spanische Sprache in diesem Land wegen der
Emigranten aus Mexiko und der hohen Geburtenrate der Katholiken die meist
gesprochene Sprache sein wird. Das jedoch scheint die Amerikaner viel weniger zu
beunruhigen als die demographische Expansion der Albaner oder der Roma, die von
den Serben oder den Bulgaren als Bedrohungen empfunden wird. Das ethnische Moment
ist sozusagen "postmodern", eine Frage der Situation, um nicht zu sagen, eine Frage
des Interesses: mal bist du Amerikaner, mal Inder. mal fällt dir ein, daß deine
Großmutter Jüdin ist. Wie lange diese multikulturelle Collage durchhalten wird,
kann niemand sagen: die Risse zwischen den einzelnen ethno-religiösen Gemeinschaften
vertiefen sich, aber wegen des Mangels an historischen territorialen Ansprüchen
können sie eigentlich nicht zum Zerreißen des Landes führen wie in Jugoslawien
oder der ehemaligen UdSSR.
Wichtig ist noch die Tatsache, daß auch die Außenpolitik der USA nach 1989 eine
Tendenz zur Unterstützung der Autonomiebestrebungen religiöser Minderheiten in
der ganzen Welt zeigt, hervorgehend aus dem Umstand, daß die USA selbst als ein
Land des religiösen Pluralismus entstanden sind. Diese Politik gefällt Ländern
wie Frankreich überhaupt nicht, und sorgt geradezu für Entsetzen bei den neuen
Demokratien im Osten, die sich durch ethnische Explosionen bedroht fühlen
Die von der Gründung der Vereinigter Staaten an herrschende liberale Sichtweise
des Staates vermindert bis zum Verschwinden die Einmischung der Institutionen in
das Leben des einzelnen Bürgers. Eine viel größere Sphäre der Freiheit im
Vergleich zu Europa wird dem Individuum überlassen, im Bereich der
Gesundheitsvorsorge, der Bildung, der Kultur, der sozialen Sicherheit, und eine
Wehrpflicht existiert seit langem nicht mehr. Das schafft zusätzliche soziale
Unterschiede zwischen denen, die sich private Krankenhäuser, Schulen usw.
erlauben können und jene, die gezwungenermaßen vom superschlanken Sozialhaushalt
abhängig sind.
Dieses ganze Bild würde ziemlich düster aussehen, wenn wir nicht das Wichtigste
hinzufügen würden: dank der Ressourcen der Geschichte und der gesunden
protestantischen Moral der ersten Siedler sind die Vereinigten Staaten heute ein
sehr reicher Staat, Sogar bei den riesigen sozialen und kulturellen Ungleichheiten
bleibt für die Armen ein anständiger humaner Lebensstandard übrig und was noch
wichtiger ist ihnen bleiben auch Chancen, die eigene Situation zu verändern, ihre
Kinder auszubilden und Arbeit zu finden. Aber wenn man dieses amerikanische Modell
in einem so armen Land wie Bulgarien anwenden würde, das drei Mal in diesem
Jahrhundert besiegt worden ist, und keine britische, puritanische Moral geerbt hat,
sondern ottomanische Zügellosigkeit; wenn man die staatliche Einmischung in alle
bürgerlichen Sphären bis zum Minimum begrenzen wurde, die Reichen ihren
amerikanischen Traum mit ihren Cadillacs verfolgen lassen wurde und die Armen
sich zurechtfinden, wie sie können; wenn man den Minderheiten notwendige und nicht
notwendige Freiheiten einräumen, die Familienbande zerreißen und den Kredit als
Form des Lebens einführen wurde - dann wird man sich vielleicht in den Vereinigten
Staaten wiederfinden, nur ein wenig südlicher, nämlich im Dschungel eines
lateinamerikanischen Kapitalismus.
Übersetzung: Rumjana Zaharieva
MÜTTERCHEN EUROPA
Schon seit einigen Jahren fließt das politische Leben in Bulgarien im Zeichen der
lang ersehnten Integration ins vereinte Europa - ohne den Übergang von der Euphorie
in die Depression und umgekehrt. Das Paradox besteht in der Tatsache, daß die EU,
dieses in der Geschichte einmalige demokratisch expandierende Imperium praktisch
fast keine Physiognomle besitzt. Fangen wir mit der Symbolik an. Trotz der zu
diesem Zwecke ausgegebenen Millionen, bleibt Europa, abgesehen von der
Zwölf-Sterne-Aureole. die der Madonna und der Ode an die Freude aus Beethovens
Neunter entnommen ist, ein Sammelsurium aus Ländern mit andersartigen Gesichtern.
In gewissem Sinne wird die Integration zum Anlaß der Verstärkung ihrer individuellen
Besonderheiten, da die meisten Formen der politischen Wechselwirkungen innerhalb der
Union nationalen Charakter haben.
Die Angliederung an Europa stellt das nationale Selbstbewußtsein der einzelnen Länder
auf die Probe - auch wenn einem bis dahin nie die Idee gekommen war, sich zu fragen,
wer man denn sei oder was man am Gemeinschaftsstand Europa ausstellen würde, oder
wodurch man die eigene Einmaligkeit im bunten Kaleidoskop aus einzelnen
Nationalidentitäten und Kulturen bewahren könnte. So wurde in Österreich wo die
Integration eine gefährliche Annäherung an Deutschland bedeutet, im Rahmen der
Volksbefragungskampagne das Menü des offiziellen Diners in Straßburg abgedruckt und
zwar mit den spezifisch österreichischen kulinarischen Namen, womit die Politiker
ihre Achtung der österreichischen Nationalküche gegenüber erwiesen.
Die Europäische Union bleibt eine leere artifizielle Konstruktion - daher die
dauernden Beschuldigungen an den "Technokraten" in Brüssel, sie würden die Rolle
der traditionellen Politiker monopolisieren. Dabei sind sie in Brüssel kaum mehr
Technokraten als in London oder Rom. So eine Definition gibt einfach der
ungemütlichen Empfindung des Europäers Ausdruck in Bezug auf einen politischen
Raum, in dem das Erwecken einer positiven Symbolik nicht gelingen will. Dieser
Raum bleibt weit entfernt vom Nationalstaat mit seiner ganzen Mythologie, mit
seinen Heldengestalten und dem vergossenen Blut, das Pflicht- und Solidaritätsgefühle
vermittelt. Europa hat keine gemeinsamen Toten, keine Denkmäler, keine Rituale.
Wird der Europäer morgen bereit sein, für seine neue Heimat zu sterben, deren Paß
und Autonummernschild er besitzt?
Es sieht so aus, als würde nur das Geld unweigerlich im Zentrum der Symbolik
Europas stehen. Vom Europa des Dollars über das Europa des freien Marktes und
der Zollunion bishin zum Europa des fiktiven und wirklichen Euro. Die Idee bedeutet,
daß der alte Kontinent dank seiner vereinten Finanz- und Wirtschaftsmacht, es
schaffen wird, sich Amerika zu widersetzen und seine führende Position in der Welt
zurückzuerobern. Ob ausschließlich mit ökonomischer Macht die Rolle der Führungsmacht
gespielt werden kann, ist fraglich. Interessant ist die Art, in der der grenzenlose
Handel mit dem anderen großen Traum verbunden ist: dem Frieden. Einander so ferne
Denker wie Aristoteles, Montesquieu und Weber haben die Beziehungen zwischen dem
Handel und der friedlichen Koexistenz schon immer betont. Dort, wo die Ehre höher
als der Eigennutz gestellt ist, sind Kriege unvermeidlich: damit die Völker in
Frieden leben können, müssen sie der heiligen Pflicht gegenüber dem Vergangenen
abschwören, um Beleidigungen an Vätern und Urvätern vergessen und sich prosaischen
Tauschgeschäften widmen zu können.
Die Ankündigung des ewigen Friedens in Europa, verkörpert durch die französisch-
deutsche Versöhnung, ist der Sieg des Eigennutzes über die Symbole. Aber dieser
Eigennutz hat auch ein anderes, häßlicheres Gesicht ins Leben gerufen: als eine
Festung des Luxus und des Wohlstandes gegen die Bedrohung aus dem Osten, hat
Europa heute das strategische Ziel, der Unterschied zwischen Reichen und Armen
in einer sich globalisierenden Welt durchzuhalten. Denn jenes, welches die
Überwindung der jahrhundertelangen Konflikte des alten Kontinents erlaubt, ist
nicht einfach das friedliebende Handelsethos, sondern die Notwendigkeit, die
Emigrantenströme von außen aufzuhalten und die Unzufriedenheit innerhalb der
Union Europas zu vermeiden, und zwar durch den Erhalt eines genügend hohen
Lebensstandards.
Daraus resultieren nicht nur die Kritiken von links, die Europa bezichtigen,
ein Dienstmädchen des Kapitals und der Banken zu sein. Eine viel interessantere
Folge davon ist die konsumative Utopie, in die sich die Union für die Länder
verwandelt, die danach streben, ihr angegliedert zu werden. Warum also eine
Utopie? Weil, je weniger reell eine Angliederung an die Europäische Union ist,
um so vorbehaltloser der Wunsch danach, Fragen Sie Otto Normalverbraucher, worin
denn diese umschwärmte europäische Zivilisation besteht. Neun von zehn werden Ihnen
nicht von Solidarität, Menschenrechten oder kulturellen Missionen erzählen,
sondern von den schönen Sachen, die die da drüben haben und wir nicht. Geträumt
wird also ein sehr materielles und kein geistiges Europa. Deswegen mutet auch
die Idee des Eintritts in die EU irgendwie destruktiv an: das konnten wir
feststellen beim Zerfall des ehemaligen Jugoslawien und der Tschechoslowakei,
wo die Reicheren zu der Überzeugung kamen, daß sie leichter zugelassen werden
würden, wenn sie sich ihrer weniger entwickelten östlichen Nachbarn entledigten.
Und es gelang ihnen. (Noch radikaler in diesem Zusammenhang ist der Erfolg der
einzelnen, sich selbst rettenden Emigranten, die sich überhaupt der Last ihrer
rückständigen Heimatländer einfach entledigten.)
Europa, das ist die Verteilung des Euro an die Armen in Bulgarien während des
Winters, nur in viel größeren Mengen. Das ist Hilfe für die "Scheinasylanten"
oder –arbeitslosen, die bei weitem den Heimatlohn übersteigt; das sind Geschichten
von einer Waschmaschine, die man in drei Monaten gekauft, von einem Auto, das man
in sechs Monaten abbezahlt hat. Solch eine mütterliche Vorstellung von der
europäischen Union werden wir auch auf einem geopolitischen Level entdecken:
da kein Kind sich selbst fragt, woher und warum ihm die Mutter etwas gibt, so
erwarten auch die armen Verwandten, die sich ungebeten mit an den gedeckten
Tisch setzen, zu bekommen, ohne danach zu fragen, welche Mühe als Gegenleistung
dafür verlangt wird. Nicht nach der tiefgreifenden Umstrukturierung auf allen
Sektoren, nicht nach Disziplin und Rechtsordnung, die eingeführt werden müssen,
nicht nach der Konkurrenz, der die ortsansässige Industrie unterzogen wird, nicht
nach der Arbeitslosigkeit usw. Diese halbherzige utopische Idee des Bulgaren von
Europa, Synonym der Modernität an sich, wird schon von den Aufklärern der
bulgarischen Renaissance (19. Jh.) kritisiert. Im Vorwort zu der "Falschverstandenen
Zivilisation" von Dobri Wojnikov lesen wir: "So haben die Europäer gehabt, und so
haben sie gelebt, und daher müssen auch wir, um zivilisierte Leute wie sie zu sein,
haben müssen und leben müssen. Aber die Europäer haben es verstanden, Fabriken zu
errichten und allerlei hübsche, glänzende und schöne Sachen herauszuziehen. Laß sie
sie denn herausziehen, und wir werden sie teuer, ja, überteuert von ihnen kaufen
und uns damit schmücken. Später wußten sie auch, wie man Dampfmaschinen baut und
eiserne Wege: laß sie machen - wir werden zahlen und uns darauf herumfahren lassen."
Ein halbes Jahrhundert später wird der Soziologe Ivan Hadschijski die Analyse dieses
Widerspruchs zwischen dem angenommenen europäischen Geschmacks dem Leben gegenüber
und der nichtangenommenen europäischen Einstellung zur Arbeit, zur Wissenschaft und
zur Eigeninitiative vertiefen: ,,Die Frage ist, wie man das wirtschaftliche Rätsel
auflöst: die Befriedigung des europäischen Geschmacks mit dem bulgarischen
Portemonnaie heutigen Stils... Bei den begrenzten Möglichkeiten unserer Wirtschaft
kann das Heranschaffen von Geld für unsere lntelligenzija, die aus kleinen
Verhältnissen stammt, aber auf großem Fuß leben will, nur durch eine Karriere um
jeden Preis und mit allen Mitteln verwirklicht werden. Hier wurzeln Korruption.
Käuflichkeit, Rückgratlosigkeit und Raubtierhaftigkeit der Halb-lntenlligenz".
Noch ein halbes Jahrhundert später bewahrheiten sich diese Worte auf traurige
Weise. Das halb angeeignete Modell einer Zivilisation zwingt die Elite mit einem
Bein in seinem eigenen Land und mit dem anderen im Ausland zu leben, mit einem
Konto hier und mit einem im Ausland. Das Erschreckende dabei ist, daß Länder wie
Bulgarien die es nicht schaffen, die EU-Aufnahmekriterien zu erfüllen, auf
Jahrzehnte gesehen so zu existieren bedroht sind: auf dem Weg zwischen der
Utopie des konsumativen Europas und dem Haß gegenüber der Realität des eigenen Lebens.
Übersetzung: Rumjana Zacharieva
Die ÖKONOMIE ALS MYTHOS
Anlaß dieser Überlegungen ist das Ergebnis einer GaIlup-Befragung, wonach 78 Prozent
der Bulgaren meinen, die Hauptaufgabe des Landes sei es, die Wirtschaft in Ordnung
zu bringen. Mit diesem Beweis für Pragmatismus steht Bulgarien auf Platz eins einer
mit anderen Ländern vergleichenden Tabelle, sogar noch vor Rußland oder Albanien.
Zweimal weniger Amerikaner und dreimal weniger Japaner halten die Ökonomie für die
oberste nationale Priorität.
Man wird wohl sagen: dort funktioniert die Wirtschaft, also warum sollen sie sich
Gedanken machen? Im Rückblick können wir jedoch sehen. daß ähnliche Einstellungen
die Bulgaren nicht nur in Krisenperioden begleiten. Hat nicht Shiwkow volle
Vorratskammern angestrebt? Deshalb wurde ich meinen, als Land des Saturn ist
Bulgarien eher die Beute einer Ideologie des Ökonomismus geworden, die diesmal
nicht aus dem Osten, sondern aus dem Westen kam.
Die Marxisten wiederholten jahrzehntelang: Die Basis ist wichtiger als der Überbau,
der Bauch wichtiger als der Geist, die Produktion wichtiger als die Politik. Für
einen Intellektuellen vom Anfang des Jahrhunderts hatte das sicher eine gewisse
Erotik. Stellen wir ihn uns vor: Einige Leute reden über erhabene Dinge, Wissenschaft,
Religion, Moral. Sie aber erklären kühn, all das sind nur infame Lügen der
Herrschenden, im Grunde will jeder zuerst einmal essen. Was für ein zynischer,
harter, männlicher Standpunkt! Aber machen Sie ihn nur zur Staatspolitik, und
die Dinge erreichen unweigerlich jene Absurdität, die wir kennen: Monumentale
Produktionskapazitäten, gelenkt von einer mittelalterlichen Administration,
entwickelt von einer schwachsinnigen Wissenschaft, zerrissen von doppelter Moral.
Wozu wird der moderne, nach 1989 zur offiziellen Religion erhobene liberale
Ökonomismus Bulgarien verurteilen? Alles für die Front des Profits, alles für
den Sieg des Business, das andere kommt später. Und wer Profit macht, ist ein
freier Mensch, nimmt seinen Hut und wird Banker in Singapur. Stellen Sie sich das
Land nach hundert Jahren Flug auf dieser Tangente vor: Ein langweiliger, häßlicher
Ort, besiedelt von Wirten, Händlern und Koordinatoren humanitärer Projekte, wo der
Durchreisende nur einen Zwischenstop auf dem Weg nach Istanbul macht, um ein Glas
Wasser zu trinken oder sein Wasser abzuschlagen.
Eine solche Sakralisierung der Ökonomie ist aus anderen Epochen nicht bekannt. Die
Wirtschaft war nie trennbar von den allgemeinen Wertakzenten der Zeit, vom Kampf um
die Macht, den Ideen von Güte und Gerechtigkeit, der Beziehung zu Gott und den
Traditionen usw. Einer der großen Marx-Opponenten, Max Weber, erklärte zu Beginn
des Jahrhunderts, daß die einzelnen gesellschaftlichen Sphären in der Moderne die
Tendenz haben, sich zu isolieren und als autonome, der eigenen Logik, eigenen Regeln,
Kriterien. Formen der Legitimität unterworfene Systeme zu wirken. Die Politik trennt
sich von der Wirtschaft, die Wissenschaft von der Kunst, die Bildung von der Religion -
wie die Galaxien nach dem Urknall entfernt sich jede Sphäre unumkehrbar von dem
ursprünglichen, warmen, gemeinsamen Zentrum. In einer so zersplitterten Welt fühlt
sich der Mensch unbehaglich. An seinem geistigen Horizont gibt es keinen unstrittigen
Ausgangspunkt mehr, keine Schrift, die ihm sagt, wie er sich ernähren, wie er
produzieren, sexuell verkehren und wen er anbeten soll. Sein ganzes Verhalten ist
in völlig unterschiedliche, häufig widersprüchliche soziale Logik unterteilt. In der
Wirtschaft muß man zum Beispiel an Profit denken, in der Politik sich als
uneigennützig darstellen: in der Wissenschaft muß man rational sein, in der Kunst
wahnwitzig.
Die Lösung für den modernen Menschen ist im Grunde zutiefst unmodern. Er mythologisiert
einfach eine dieser voneinander getrennten Sphären und verleiht ihr die Rolle jenes
heiligen synkretischen Zentrums, das der historische Fortschritt ihm genommen hat.
Wenn es keinen Gott mehr gibt, was bleibt uns übrig, als wieder Idole zu schaffen?
Das ist auch eine Erklärung für den Fetischismus unserer Epoche. Für Marxisten und
Liberale wird die Wirtschaft zum Fundament der Gesellschaft; Leninisten, Faschisten,
Nationalsozialisten, Maoisten werden alles der Politik aufbürden; Progressisten,
Futuristen und andere Träumer glauben an die Wissenschaft; religiöse Fundamentalisten
suchen Rettung in einer erfundenen. reinen, von den modernen gesellschaftlichen
Praktiken getrennten Religion: die künstlerische Avantgarde schwört auf die Kunst
um der Kunst willen usw. Und dabei ist der Mythos von der Wirtschaft als dem
Fundament aller Dinge besonders zählebig. Er läßt sich leicht mit der beim Prozeß
der Globalisierung in den Entwicklungsländern eingeführten Idee vom Glück als
Konsum vereinbaren. Einfacher gesagt: Die Welt ist durchsichtig geworden, die
Völker bemerken allmählich, was der Nachbar auf dem Teller hat. Daher wird der
Neid zu einem Vektor der sozialen Prozesse. Die Gleichung lautet: Schön, daß wir
mehr Dinge haben. Folglich ist jene Macht legitim, bei der wir mehr Dinge haben
können. Gut ist jene Wissenschaft, die wirtschaftliche Ergebnisse hervorbringt.
Schön ist die Kunst, die von den meisten Menschen gekauft wird. Gerecht ist die
Entscheidung, welche die Produktion fördert. Alles dreht sich ums Geld und diejenigen,
die es haben oder wissen, wie man es macht. Die anderen, also die Neider, umkreisen sie.
In eine solche Balzacsche Welt wurden die Bulgaren nach dem Jahr 1989 geworfen. Die
Veränderung bestand lediglich darin, daß ein kollektiver kommunistischer Pragmatismus
in acht Millionen kleiner individueller Pragmatismen zerschlagen wurde. Und wenn der
frühere Pragmatismus sich auf das progressive sowjetische Vorbild stützte, so stützt
sich der jetzige auf den Kapitalismus, der so wahrgenommen wird, als blickten hungrige
Vagabunden durch die Fenster einer elitären Cocktailbar und registrierten lediglich,
wie oft sich die Adamsäpfel der Gäste darin auf und ab bewegen.
Im Grunde hat der Wirtschaftsmythos - der Mittelpunkt dessen, was die Amerikaner
"neue Weltordnung" und ihre europäischen Kritiker "neue Weltunordnung" nennen - viel
Böses angerichtet. Wie können wir den Schaden einschätzen, den die bulgarische
Gesellschaft davongetragen hat, weil sie das Prinzip der Gerechtigkeit und
Wiedergutmachung an den konjunkturellen ökonomischen Imperativen der "ursprünglichen
Akkumulation des Kapitals" aufgegeben hat? Neun Jahre Diebstahl, Unglaube, Apathie
wegen der arroganten Unterschätzung von Moral und Recht im Namen des materiellen
Wohlstands, des "Überbaus" im Namen der "Basis". Wie sollen wir ökonomisch die
Verluste der Jahrzehnte lang rückgratlos, pragmatisch geführter Politik Shiwkows
wegen des internationalen Images des Landes beziffern? Oder nehmen wir den Bereich
der Bildung - nach Meinung der Ökonomen ist er zweitrangig und nur im Dienst der
weit wichtigeren Bereichen von Waren, Geld, Börsen. Es ist soweit gekommen, daß ein
bulgarischer Student das Niveau eines europäischen Gymnasiasten hat, daß die Lehrer
an fünf unterschiedlichen Bildungseinrichtungen arbeiten, um überleben zu können,
daß die Schulen Pferdeställen gleichen. Die Gleichung "Banken sind wichtiger" wird
erreichen, daß schließlich und endlich Investitionen kommen werden, aber es keine
Einheimischen mehr geben wird, die sich ihrer bedienen können. Wer, glauben Sie,
hat mehr Investitionen nach Albanien gebracht - - die Finanzminister oder der
weltberühmte Schriftsteller Ismail Kadare? Wem ist die Stabilität des Dollars eher
zu verdanken, der Wirtschaft, der amerikanischen Diplomatie oder der militärischen
Macht des Pentagon? Es gibt einfach nicht wichtigere oder weniger wichtigere Sphären
in der modernen Gesellschaft, und jede ist um ihrer Selbst, um ihres Prinzips willen
da. Der Rest ist die Ideologie der neuen Eliten, die mit den einfachen Formeln des
neuen globalen ökonomischen Konsens Legitimität anstreben. Und je ökonomischer das
Verhalten ist, je schneller das Kapital zirkuliert, je mehr die Sprache der Broker,
Berater und Businessmen von "irrationalen" Wertvorstellungen gereinigt wird, desto
schneller wird diese selbe Wirtschaft über ihre eigenen Füße stolpern wie Kiplings
Tausendfüßler, der überlegt, wie er denn mit allen tausend Füßen gehen soll. Die
pragmatische Einstellung der Bulgaren ist erschreckend denn die Politiker sind
nolens volens gezwungen, mit ihr zu spielen. Wenn deine Wähler kein Gefühl für
Moral oder Gerechtigkeit haben, für Wahrheit oder Schönheit, für Solidarität oder
Ehre, dann ist es natürlich, daß du vor allem über leere Töpfe redest und über
diejenigen, die sie füllen werden. Alle anderen wichtigen Aspekte einer modernen
Gesellschaft gelten für das Ausland, in das überzusiedeln der Traum der Wählerkinder
ist. Und was Glück, Würde, soziale Gerechtigkeit betrifft, so wird der Ökonomismus
eine schnelle und eindeutige Antwort geben, die noch lange für den Bulgaren ein Anlaß
sein wird, sein Los masochistisch zu beweinen. Fragen Sie ihn, wann er endlich zu
leben gedenkt, und er wird unweigerlich antworten: "Warte nur, bis wir die Wirtschaft
in Ordnung gebracht haben..." So haben wir 45 Jahre lang seit der ersten Phase des
Kommunismus auf das wahre Leben gewartet, und so warten wir heute mit derselben
Entschuldigung weiter.
November1998
Ubersetzung: Barbara Antkowjak