CHRISTO BOJTCHEV


                                                       


                                                      KASINO BULGARIEN


	Ein Land wie ein Spieltisch. Um den Tisch herum sitzen die großen Spieler. 
	Dahinter stehen die kleinen Spieler. Von hinten rüber spissen die kleinen Fische. 
	Dahinter tummeln sich die Gaffer. Und draußen, in der Kälte, drängt sich das 
	gemeine Volk, Elektorat genannt.
	Das Spiel ist folgendes:
	Die Preise steigen permanent. Die großen Spieler gewinnen sie für euch. Die 
	kleineren Spieler gewinnen, aber sie verlieren auch. Die Gaffer erteilen bloß 
	Ratschläge und gehen zu Kundgebungen. Keiner nimmt irgendwelche Ratschläge 
	von ihnen an, aber alle laden sie zu den Kundgebungen ein. Und draußen das 
	gemeine Volk hat nicht den blassesten Schimmer davon, was im Spielsaal 
	passiert. Es versteht das Spiel nicht, spürt aber immer die Preise. Die Preise 
	aber steigen und steigen, werden immer höher und höher, bis eines Tages das 
	ganze Kasino zusammenbricht und alles auf den Kopf des gemeinen Volkes, 
	namens Elektorat, fällt. Nur der Kasino-Besitzer wird nichts verlieren, denn er 
	habe schon längst alles verpfändet und sei ins Ausland getürmt.
	Haltet euch fest, Brüder, alles ist verloren!
 


                                                     DER BLINDE BULGARISCHE ÜBERGANG


	Wir wußten, daß der blinde bulgarische Übergang schwierig und lang sein würde, 
	aber wir hatten keinen anderen Ausweg. Wir lagen tief unten und der einzige Weg 
	aufwärts war der Weg durch den Tunnel. Wir fürchteten die Dunkelheit, aber es gab 
	viele einzelne Dankos, die uns versprachen, ihre Herzen aus der Brust herauszureissen 
	und uns damit den Weg nach vorn zu leuchten. Und so machten wir uns auf den 
	Weg ins Dunkle hinein, damit wir eines Tages das Licht erblickten.
	Am gemeinsamen Start legten wir los, aber im Dunklen zog es manche von uns 
	schneller nach vorn.  Wie sie das geschafft haben, wissen einzig sie, wir sahen 
	echt nichts in der Dunkelheit. Die gemeine Masse des Elektorats tastete sich blind 
	voran wie die blinden Soldaten des Zaren Samuil. Von Zeit zur Zeit bekamen wir 
	etwas zu fassen, das nicht ganz koscher war, aber wie soll man es beweisen, wenn 
	die Gesichter nicht zu sehen sind. Wir fingen an, nach den vielen Dankos zu rufen, 
	sie sollten uns, bitte, mit ihren Herzen den Weg leuchten, aber wie kannst du im 
	Dunklen einen Danko von einem Nichtdanko unterscheiden. Irgendwann mal 
	ertasteten wir irgendwelche Grundmauern aus römischer Zeit und beschlossen, 
	daß wir uns in Italien befänden. Die Geschichtswissenschaftler jedoch belehrten 
	uns, das Römische Reich sei so riesengroß, daß wir unter Afrika angelangt seien, 
	aller Wahrscheinlichkeit aber nach, unter den Pyramiden. Wir sind tatsächlich 
	auf viele Pyramidenfundamente gestoßen, aber wer an der Spitze stand, konnte 
	man in dieser Finsternis nicht sehen. Trotzdem starren wir weiter in den Tunnel, 
	in der Hoffmung auf ein Quentchen Licht. Plötzlich gingen in der Finsternis Gerüchte 
	um, daß einige ziemlich reich geworden seien, während andere plötzlich schrien, man 
	habe sie im Dunkeln beraubt. Am fürchterlichsten aber wurde es, als die ersten 
	Schüsse fielen, denn im Dunklen siehst du weder wer schießt und woher er schießt, 
	noch wer angeschossen wird. Dann kamen die Security-Firmen, die uns sagten, 
	wir sollten ihnen unser Hab und Gut geben, sonst würde es uns irgendwer nehmen. 
	Wir gaben ihnen unser Hab und Gut, damit es uns nicht irgendwer nimmt und 
	hielten weiter Ausschau nach einem Lichtlein im Tunnel.
	Mittlerweile fingen einige Optimisten an zu behaupten, daß sie uns schon aus 
	dem Tunnel hinausgeführt hätten, wir aber hätten es gar nicht mitgekriegt, denn 
	wir seien während des langen Übergangs durch das Dunkle blind geworden. Und 
	gerade in dem Augenblick kam die Wahrheit ans Tageslicht, und zwar durch eine 
	Inschrift im Stein, die wir tastend lasen. Es erwies sich, daß der Tunnel kein 
	richtiger Tunnel gewesen sei, sondern ein Labyrinth wie dieses auf Kreta, an deren 
	Ende uns der furchterregende Minotaurus erwartet, um uns alle gemeinsam zu 
	verspeisen.             

                                        

                            Aus dem Bulgarischen von Rumjana Zachrieva und Jana Link




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