KASINO BULGARIEN
Ein Land wie ein Spieltisch. Um den Tisch herum sitzen die großen Spieler.
Dahinter stehen die kleinen Spieler. Von hinten rüber spissen die kleinen Fische.
Dahinter tummeln sich die Gaffer. Und draußen, in der Kälte, drängt sich das
gemeine Volk, Elektorat genannt.
Das Spiel ist folgendes:
Die Preise steigen permanent. Die großen Spieler gewinnen sie für euch. Die
kleineren Spieler gewinnen, aber sie verlieren auch. Die Gaffer erteilen bloß
Ratschläge und gehen zu Kundgebungen. Keiner nimmt irgendwelche Ratschläge
von ihnen an, aber alle laden sie zu den Kundgebungen ein. Und draußen das
gemeine Volk hat nicht den blassesten Schimmer davon, was im Spielsaal
passiert. Es versteht das Spiel nicht, spürt aber immer die Preise. Die Preise
aber steigen und steigen, werden immer höher und höher, bis eines Tages das
ganze Kasino zusammenbricht und alles auf den Kopf des gemeinen Volkes,
namens Elektorat, fällt. Nur der Kasino-Besitzer wird nichts verlieren, denn er
habe schon längst alles verpfändet und sei ins Ausland getürmt.
Haltet euch fest, Brüder, alles ist verloren!
DER BLINDE BULGARISCHE ÜBERGANG
Wir wußten, daß der blinde bulgarische Übergang schwierig und lang sein würde,
aber wir hatten keinen anderen Ausweg. Wir lagen tief unten und der einzige Weg
aufwärts war der Weg durch den Tunnel. Wir fürchteten die Dunkelheit, aber es gab
viele einzelne Dankos, die uns versprachen, ihre Herzen aus der Brust herauszureissen
und uns damit den Weg nach vorn zu leuchten. Und so machten wir uns auf den
Weg ins Dunkle hinein, damit wir eines Tages das Licht erblickten.
Am gemeinsamen Start legten wir los, aber im Dunklen zog es manche von uns
schneller nach vorn. Wie sie das geschafft haben, wissen einzig sie, wir sahen
echt nichts in der Dunkelheit. Die gemeine Masse des Elektorats tastete sich blind
voran wie die blinden Soldaten des Zaren Samuil. Von Zeit zur Zeit bekamen wir
etwas zu fassen, das nicht ganz koscher war, aber wie soll man es beweisen, wenn
die Gesichter nicht zu sehen sind. Wir fingen an, nach den vielen Dankos zu rufen,
sie sollten uns, bitte, mit ihren Herzen den Weg leuchten, aber wie kannst du im
Dunklen einen Danko von einem Nichtdanko unterscheiden. Irgendwann mal
ertasteten wir irgendwelche Grundmauern aus römischer Zeit und beschlossen,
daß wir uns in Italien befänden. Die Geschichtswissenschaftler jedoch belehrten
uns, das Römische Reich sei so riesengroß, daß wir unter Afrika angelangt seien,
aller Wahrscheinlichkeit aber nach, unter den Pyramiden. Wir sind tatsächlich
auf viele Pyramidenfundamente gestoßen, aber wer an der Spitze stand, konnte
man in dieser Finsternis nicht sehen. Trotzdem starren wir weiter in den Tunnel,
in der Hoffmung auf ein Quentchen Licht. Plötzlich gingen in der Finsternis Gerüchte
um, daß einige ziemlich reich geworden seien, während andere plötzlich schrien, man
habe sie im Dunkeln beraubt. Am fürchterlichsten aber wurde es, als die ersten
Schüsse fielen, denn im Dunklen siehst du weder wer schießt und woher er schießt,
noch wer angeschossen wird. Dann kamen die Security-Firmen, die uns sagten,
wir sollten ihnen unser Hab und Gut geben, sonst würde es uns irgendwer nehmen.
Wir gaben ihnen unser Hab und Gut, damit es uns nicht irgendwer nimmt und
hielten weiter Ausschau nach einem Lichtlein im Tunnel.
Mittlerweile fingen einige Optimisten an zu behaupten, daß sie uns schon aus
dem Tunnel hinausgeführt hätten, wir aber hätten es gar nicht mitgekriegt, denn
wir seien während des langen Übergangs durch das Dunkle blind geworden. Und
gerade in dem Augenblick kam die Wahrheit ans Tageslicht, und zwar durch eine
Inschrift im Stein, die wir tastend lasen. Es erwies sich, daß der Tunnel kein
richtiger Tunnel gewesen sei, sondern ein Labyrinth wie dieses auf Kreta, an deren
Ende uns der furchterregende Minotaurus erwartet, um uns alle gemeinsam zu
verspeisen.
Aus dem Bulgarischen von Rumjana Zachrieva und Jana Link