HINTER DEN ÄSTEN


     Hinter den Ästen des Baumes sieht man ein gelbes Haus. 
     Dort habe ich früher gelebt, als die Möwen, die an mein Fenster 
     prallen, noch ungelegte Eier waren, und dort wohne ich heute noch. 
     Die Äste sind dürr, nicht weil es Herbst ist, sondern weil der Baum 
     schwach ist und stirbt. 
     Immer, wenn der Tag beginnt, steige ich die Stufen hinab, vorsichtig, 
     denn sie sind in Stein gehauen, und unten plätschert das Meer. 
     Ich komme bis zu den Felsen, an denen die Wellen sich brechen, und 
     stelle die Eimer neben mir ab. 
     Diese Fluten, mit welch hochmütiger Macht sie sich mir nähern, und 
     wie ängstlich sie zurückweichen. 
     Wie sie nach mir greifen, und wie sie dann verzichten. 
     Ich sitze ganz still, ich bin unsichtbar.
     So wie ich da knie, bin ich nicht anders als eine Muschel, die ihre 
     hornige Hülle in einer Liebesnacht verloren hat. 
     Ihr denkt doch nicht an Selbstmord, wenn ihr mich so an einem 
     glitschigen Felsen hocken seht, bereit, ein Stück Schaum zu werden. 
     Nein, dazu nehme ich keine Eimer mit.
     Die Eimer nehme ich mit, weil ich darin den Kot der Möwen sammle. 
     Herrliche Vögel, deren Schreie meine Gedanken zerfetzen, deren Kot 
     wie warmer Hagel auf die Steine tropft. 
     In den Rissen, in den winzigen Höhlen und im Moos, dessen Grün meine 
     Augen vergiftet, häuft er sich, und dorthin schnellen meine Finger. 
     Was ich nicht bekommen kann, spülen die Wellen weg.
     Gefährlich, meint ihr. 
     Das glaube ich nicht. 
     Meine Füße sind Flossen, meine Arme Flügel, in mir ist keine Angst.
     Ich habe so oft dagestanden, ich habe diesen Ort so oft mit vollen 
     Eimern verlassen, daß ich zu begreifen beginne. Nicht umsonst flattern 
     die Wassersprühen an mir vorbei und holen sich einen Mundvoll heißen 
     Kot,in dem noch der letzte Flügelschlag bebt. Nicht mich wollen die 
     Wellen. Mich würden sie zurückgeben, wenn ich zufällig mitginge. In 
     mir bebt nichts, nicht einmal die Erinnerung an eine unglückliche 
     Liebe oder an einen Einkaufsbummel. 
     Mit einem Kopf, der toll ist vom Wein, und mit zwei schweren Eimern 
     klettere ich hinauf und verharre einen Augenblick lang, um euch die 
     letzten Stücke meiner Geschichte zum Fraß vorzuwerfen. 
     Ich werde euch sagen, daß ich den Vogeldung den Bauern bringe, deren 
     Häuser auf dem Weg ins Landesinnere stehen. 
     Oder ich nehme euch an der Hand und führe euch die Stufen hinauf zum 
     Anfang meiner Erzählung. Ich locke eure Aufmerksamkeit in das gelbe 
     Haus, dessen Türklinke unter meiner Hand erschauert, dessen 
     Fensterläden gegen die Wand schlagen wie aufflackernde Lichter. 
     Und Angst umspielt euer Herz, genug, um euch weiszumachen, das gelbe 
     Haus sei eine Irrenanstalt, und ich, der ich dort wohne, ihr wißt 
     schon. Nun ist aber nichts ganz so, wie man es sich vorstellt, und 
     ein sonniger Tag kann durchaus ein Gewitter gebären. 
     Und es legt sich ein Nebel zwischen euch und mir und meiner kostbaren 
     Last.

                  GESPRÄCH AUF DER TREPPE


     In der blendenden Landschaft war die Treppe der einzige Gegenstand 
     aus gelbem Glas. Der Horizont war eine schmale Schnur in den Händen 
     der beiden, die sich trafen. Über ihnen kreiste ein Gespräch.
     Die Schnur legte die Person, die den Fehler beging, auf die Stufe 
     neben sich. 
     Von Anfang an war es ein Fehler, sich auf diese Stufe zu setzen. 
     Ein begangener Fehler kann nicht ohne weiteres rückgängig gemacht 
     werden.
     Der Fehler war ein Irrtum.
     Die Stufe war eine Lüge.
     Im Augenblick der Begegnung ließ sich das Gespräch müde auf die 
     Stufen herab.
     - Die Stufen führen hinauf und hinunter. Oben ist der Weg und unten 
     sein Ende. Man sieht, Sie kommen von weit her.
     - Ich bin müde.
     - Wer müde ist, verharrt zu lange auf den Stufen. Keine Kraft schleppt 
     ihn hinauf und zurück zum Punkt, wo der Fehler begann.
     - Hinunter geht es leichter.
     - Nein, so leicht geht es nicht oder doch! Seit es mich gibt, warte 
     ich hier auf Sie. Ich kann Fehler, die die anderen begehen, wieder 
     rückgängig machen.
     - Ich habe mich auf die Stufe gesetzt, um mich auszuruhen.
     - Die Stufe ist die Ruhe, die Lüge ist.
     - Können Sie Fehler, die die anderen begehen, auch verstehen?
     - Nein, ich kann sie nur rückgängig machen.
     - Ich habe mich hierher gesetzt, als ich Sie gesehen habe. Ich wäre 
     schon damit zufrieden, daß Sie den Fehler verstehen, und würde 
     weitergehen. Oben ist der Weg.
     - Verstehen kann ich die Fehler nicht. Ich habe auf Sie gewartet, um 
     den Fehler rückgängig zu machen.
     - Sie sehen, das nützt mir nichts. Ein Fehler kann nicht ohne weiteres 
     rückgängig gemacht werden. Warten Sie an einem anderen Ort.
     - Ich hatte gedacht, diese Stufen sind es, zu denen die anderen kommen, 
     deren Fehler ich rückgängig machen soll. Ich habe also immer am 
     falschen Ort gewartet.
     - Ja, sieht so aus. Gehen Sie und lassen Sie mich meinen Fehler in 
     Ruhe begehen.
     - Dann viel Glück. Auf Wiedersehen.
     Die Person, die den Fehler beging, hatte sich auf die Stufe gesetzt, 
     um das Beschlossene zu vermeiden und das Unvermeidliche zu begehen. 
     So gesehen, war es kein Fehler, ein Irrtum aber war es doch. 
     Und die Stufe war keine Ruhe, sondern nur Lüge.
     Die Antworten waren gedacht und der Zuschauer erfunden. 
     Nur die Schnur war echt.
      
            RITT DURCH EINEN NÄCHTLICHEN WALD


     Die Person, die ihre Meinung sagte, stand am Waldrand und wartete 
     auf jemanden, der sie durch den Wald begleiten würde. Gegenüber 
     auf den fernen Hügeln leuchteten die Häuser weiß. Da trat jemand 
     in das Licht des Mondes.
     - Du bist es.
		- Ja.
     - Ich habe dich nicht kommen sehen. Mußt du auch durch den Wald?
		- Ja.
     - Dann können wir zusammen gehen.
		- Ja.
     - Bist du auf dem Weg in die Stadt?
		- Ja, ich habe dort geschäftlich zu tun.
     - Ich besuche meine Freunde, die am anderen Ende des Waldes leben. 
     Sie erwarten mich schon, denke ich.
		- Ja. Hast du ein Messer dabei?
     - Nein. Hast du etwa eins?
		- Ja, ich bin ja geschäftlich unterwegs.
     Die Person, die ihre Meinung sagte, und die andere, die immer ja 
     sagte und ein Messer bei sich trug, kamen voran. Die Person, die 
     ihre Meinung sagte, dachte, daß sie sich mit jedem Augenblick mehr 
     von den weiß erleuchteten Häusern entfernte, andererseits aber dem 
     Haus ihrer Freunde näher kam. 
     Die andere Person dachte dasselbe.
     - Ich habe an meine Freunde gedacht und daran, daß sie sich schon 
     Sorgen machen werden.
		- Warum sollten sie?
     - Sie warten schon lange, ich habe viel Zeit am Waldrand verloren. 
     Woran hast du gedacht?
            - Daran, was ich zu tun habe.
     - Mußt du es tun?
		- Ja.
     - Mußt du es hier tun?
		- Ja.
     - Warum mußt du es tun?
		- Willst du meine Meinung hören?
     - Ja.
		- Du bist die Person, die ihre Meinung sagt.
     Die Person, die ihre Meinung sagte, und die andere, die gerade ihre 
     Meinung gesagt hatte, gingen nicht mehr lange nebeneinander. Der 
     Wald wurde dunkler, und es ist schwer zu sagen, ob die eine Person 
     im Wald blieb, wahrend die andere ihren Weg in die Stadt fortsetzte, 
     oder ob die eine zu ihren Freunden gelangte, wahrend die andere im 
     Wald blieb, oder ob sie beide im Wald blieben. Wer weiß schon, was 
     in einem nächtlichen Wald geschieht, wann die Angst begründet ist, 
     und wann nicht.

                               GRÜN


     Sie stiegen weiter hinauf. Sie ließen das Grün unter sich.
     - Wir lassen das Grün unter uns.
     - Natürlich. Es ist heiß.
     - Heißer, als ich gedacht habe. Wie lange kann es noch dauern?
     - Schwer zu sagen. 
     - Es geht so langsam.
     - Du mußt den Boden mit den Füßen treten. Du mußt die Erde mit den 
     Füßen wegstoßen.
     Er war als Begleitung gekommen. 
     Der andere war hier gewesen und kannte die Gegend.
     - Erkennst du etwas wieder? 
     - Ja, ich erkenne die Gegend. 
     - Woran erkennen wir ihn, wenn wir ihn gefunden haben. 
     - Manchmal ist er von der anderen Seite zu sehen.
     - Nur daran?
     - Das genügt.
     - Wir gehen schon lange.
     - Denkst du, er ist so einfach zu finden.
     - Was denkst du, wie lange noch.
     - Nicht mehr lange, würde ich sagen.
     - Das sagst du die ganze Zeit.
     - Es stimmt auch. Wir kommen immer näher. 
     Die Sonne begann unterzugehen. 
     Ihre Farben waren rot und gelb, und er wurde wieder fröhlich. 
     - Wenn ich es mir überlege, so ein Sonnenuntergang ist etwas sehr 
     Schönes.
     - Freut mich, sagte der andere.
     - Und diese welligen Hügel.
     - Sie sind schön.
     - Der Himmel, von einem so tiefen Blau.
     - Weil es Nacht wird.
     Als der Wald in seiner Dunkelheit laut wurde, fanden sie einen dritten. 
     Er saß an einer Feuerstelle. Als er sie sah, stand er auf und nahm 
     ihre freudige Begrüßung entgegen.
     - Guten Abend. Ist da noch frei?
     - Das Feuer gehört allen.
     Sie setzten sich neben ihn, und er richtete einige freundliche 
     Fragen an ihn. 
     Der andere begann, das Proviant auszupacken.


     2

     - Sind Sie schon lange da? 
     - Seit einigen Nächten.
     - Kennen Sie die Gegend?
     - Wie meine Westentasche, sagte der dritte und zeigte auf eine kleine
     Tasche, in der sich drei dunkelgrüne Käfer verborgen hielten.
     - Sind sie die ganze Zeit allein gewesen?
     - Nein, ich hatte einen Begleiter. Er ist dann gegangen. Aber auch 
     jetzt bin ich nicht allein, wie Sie sehen. Er schmunzelte.
     - Wissen Sie, was weiter oben ist?
     - Nein. Aber unten ist das Ufer.
     - Der Fluß. Wir haben ihn gesehen, als wir hinaufstiegen.
     - Ja.
     Sie aßen schweigend. Als sie fertig waren, zündete der dritte sich 
     eine Pfeife an und wandte sich an den anderen.
     - Sind Sie auf Ihrer Wanderung schon am Dorf vorbeigekommen? 
     - Nein. Warum fragen Sie? fragte der andere.
     - Ich frage, weil Geschichten im Umlauf sind.
     - Was zum Beispiel? Wir haben nichts gehört.
     - Daß man ihn übersehen kann, zum Beispiel.
     - Natürlich, sonst könnte jeder hin.
     - Und daß ihn bis jetzt keiner gesehen hat.
     - Kein Wunder. Er ist mit Gras bewachsen. 
     - Vielleicht ist er das. Vielleicht aber auch nicht.
     - Was meinen Sie?
     - Daß es ihn vielleicht nicht gibt.
     - Unsinn. Jemand muß ihn gesehen haben. Woher wüßten wir sonst, daß 
     es ihn gibt.
     - Sie träumen.
     - Ich wünschte, das wäre so. Ich habe schon so lange nicht geträumt.
     Der andere stand auf und entfernte sich einige Schritte. Er suchte 
     eine Stelle zum Schlafen. Er beobachtete, wie er das Laub auseinander 
     schob, und rückte dann zum dritten näher.
     - Aber Sie kennen doch den Weg dorthin, oder? fragte er nach.
     - Der Weg ist etwas anderes. Daß ich den Weg kenne, bedeutet nicht, 
     daß es das Ziel gibt.
     - Sagen Sie mir, was Sie wissen. Es ist sehr wichtig für mich.
     - Sagen Sie, junger Freund, glauben Sie etwa daran?
     - Ich glaube daran. Aber es ist schon viel Zeit vergangen.
     Der andere war eingeschlafen. Durch den Schlaf hörte er die Geräusche 
     des Waldes. 
     Der dritte legte Holz nach.


     
     3

     - Zuerst müssen Sie den Weg kennen.
     - Den kennen Sie.
     - Gut. Dann müssen Sie den Weg messen.
     - Was ist daran so schwer.
     - Man muß einen Teil des Weges mit der eigenen Körperlänge abmessen.
     - Auch wenn man hinaufsteigt?
     - Gerade wenn man hinaufsteigt.
     - Ich bin überrascht. Das habe ich nicht gewußt.
     - Man muß überall etwas zurücklassen, verstehen Sie. Ohne das geht 
     gar nichts.
     - Was wir schon alles zurückgelassen haben. Wenn ich das gewußt hätte.
     Die Nacht war ausgegangen. Keiner von ihnen hatte geschlafen. Er war 
     nicht sicher.
     - Ich bin nicht sicher. Vielleicht haben Sie Ihre Gründe, so wie er.
     - Ich bitte Sie. Das ist ein Scherz.
     - Auch ich muß irgendwohin gehen.
     - Gehen Sie zum Fluß. Dort werden Sie etwas finden.
     - Was werde ich dort finden?
     - Finden. Genügt es nicht zu finden?
     Der Morgen graute. Der andere wachte auf und streckte sich. Er lachte.
     - Ich habe geträumt, sagte er. Hier ist Zucker zum Feiern. Ich habe 
     etwas geträumt.
     - Kein Wunder, du warst auch eingeschlafen.
     - Tatsächlich? War ich vorhin eingeschlafen? wandte er sich an den 
     dritten.
     - Ja, sagte der dritte dienstbeflissen.
     - Dann haben wir Zeit verloren und müssen jetzt gehen.
     - Außer Sie wollen noch Zucker.
     - Wir müssen hinauf.
     - Wenn ihr wollt, führe ich euch.
     - Nichts zu machen.
     An der Lichtung blieb der dritte allein zurück und wärmte sich die 
     Hände am Feuer. 
     Sie gingen auf Wegen aus Harz. Dann gelangten sie nach oben. 
     Oben ging der Wind. Von oben übersahen sie die Ebene. 
     Die Sonne war schon da.
     - Da wären wir also, sagte er und sah den anderen an.
     - Ja, wenigstens sind wir jetzt oben.
     - Von hier aus müßten wir ihn sehen, oder?
     - Mal sehen.
     Sie spürten, wie die Sonne stärker wurde. Die Hügel hatten auch 
     Schattenseiten.


     4

     - Wolken, ein Band, das der Fluß durch die Ebene zieht, und Hügel. 
     Ist es das?
     - Er sieht wie ein Hügel aus. Wir müssen genau hinsehen.
     - Ich sehe nichts. Siehst du etwas?
     - Nein, sagte der andere. Ich sehe nichts, weil ich zu Boden blicke.
     - Weil es nichts zu sehen gibt?
     - Schau dir diesen Herbst an. Womit haben wir diesen schönen Herbst 
     verdient?
     - Bitte, lenk mich nicht ab.
     - Ich bin sicher, er ist irgendwo in der Nähe. Vielleicht genau vor 
     unseren Augen.
     - Das ist ein Scherz.
     - Glaubst du mir oder ihm?
     - Du hast gescherzt.
     Die Erde war feucht. Der andere versuchte, ihm in die Augen zu blicken.
     - Ich habe gescherzt, damit es nicht langweilig wird, sagte der andere.
     Wirst du jetzt gehen?
     - Ich gehe zum Fluß.
     - Auch ich muß irgendwohin gehen.
     - Geh nach Hause. Geh schlafen. 
     Er wandte sich zum Gehen. Er sah die Augen des anderen. Was er sah, 
     bevor er ging, waren die Augen des anderen. Er ging den ganzen Tag.
     Als die Nacht dann anbrach, legte sich der Wind. 
     Im seichten Wasser fand er aus Ton Figuren fremder Götter. 
     In Finsternis getaucht, war der Raum nur eine Farbe.

                       MASKEN


     - Sie tragen Masken.
     - Ihre Kleider sind schwarz.
     - Komm und schau sie an.
     - Was soll ich sie anschauen.
     - Komm und schau.
     Der Innenhof füllte sich. 
     Einige saßen auf den Gitterstäben. 
     Ein großer Mann mit gelbem Anzug bewegte sich in der Menge.
     - Aufgepaßt! rief er immer wieder. 
     Seine Stimme war laut. 
     - Nicht zu früh anfangen!
     Ein junger Mann mit früh ergrautem Haar löste sich von den anderen 
     und trat auf ihn zu.
     - Wann können wir anfangen, Bartolo? fragte er weich. 
     Wir haben alle Hunger.
     - Ich habe auch nichts gegessen.
     - Das ist etwas anderes. Du arbeitest nicht.
     Der Gelbe antwortete nicht. 
     Der junge Mann ging zu den anderen zurück. 
     Man sah, wie er ihnen das Gespräch mit vielen Gesten nacherzählte.
     - Ich weiß, was du sagst, Maske! rief ihm der Gelbe zu. 
     Ohne dich zu hören, weiß ich, was du sagst. Siehst du auch mein 
     höhnisches Lächeln?
     Als die anderen sein Lächeln sahen, stellten sie sich in zwei Reihen 
     auf. Sie trugen Koffer und blickten in die gleiche Richtung. 
     Da entstand am Ende des Hofes Tumult. Jemand bahnte sich den Weg 
     durch die Zuschauermenge. 
     Es war ein Fremder, der eine schwarze Uniform trug, aber keine Maske 
     hatte. 
     Der Fremde fuchtelte mit den Armen herum. Er war unbeherrscht.
     - Was soll das! Was wird hier gespielt!
     - Eine Vorstellung. 
     Der Gelbe antwortete ihm.
     - Was für eine Vorstellung, wessen Vorstellung? Deine Vorstellung?
     - Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
     Die Augen des Fremden füllten sich mit listigem Mißtrauen. Er 
     betrachtete den Gelben aus den Augenwinkeln und näherte sich ihm.
     - Ich werde dir etwas verraten, nur weil du es bist. Auch ich habe 
     eine Vorstellung.
     - Wirklich.


     2

     Der Gelbe setzte ein spöttisches Lächeln auf. Aus der Ferne 
     beobachtete der junge ergraute Mann jede Veränderung in seinem 
     Gesicht.
     - Ja. Ich stelle mir vor, ich bin ein Haus auf einer Klippe, unter 
     der ich das Meer vermute.
     - Und was tust du dort?
     - Ich blicke in das Wasser, auf dessen tiefem Grund eine andere Erde 
     ruht.
     Der Gelbe sah ihn überrascht an. Seine Augen füllten sich mit Tränen. 
     Er suchte nach einem Taschentuch.
     - Du hast dich verstellt, sagte er. Ich habe dich nicht erkannt.
     - Rote Erde. Die rote Erde der Insel.
     - Laß das jetzt. Komm und schau sie dir an.
     - Was soll ich sie mir anschauen.
     - Bist du beleidigt?
     - Nein, nur traurig. Unsäglich traurig.
     Die anderen streckten jetzt ihre Körper durch. 
     Sie machten einen Schritt vorwärts und auf die Seite. 
     Ihre Koffer waren alt und schwer von vielen Verstellungen.
     - Von vielen Vorstellungen, scherzte der Fremde. Er saß im Türkensitz 
     auf dem Boden.
     - Still, man muß ihre Absätze aufschlagen hören.
     Die anderen bewegten sich geschlossen von einer Ecke des Hofes zur 
     anderen. In der Mitte blieben sie stehen und türmten ihre Koffer 
     aufeinander. Sie bauten einen Grabhügel aus längst vergessener Zeit. 
     Ein Schrei ertönte. Sie ließen ihre Koffer stehen und mischten sich 
     unter die Zuschauer. 
     Drei blieben zurück und knieten nieder. 
     Sie versanken in eine befremdende Anbetung. 
     Die schwarzen Koffer zogen die Sonnenstrahlen an.
     Dann erhob sich einer von den dreien und begann, den Hügel zu 
     erklimmen. Er war steil, und manchmal rollten Gesteinsbrocken 
     hinunter. 
     Die Hitze hatte ihren Höhepunkt erreicht. Die beiden anderen krochen 
     ihm hinterher und holten ihn langsam ein.
     Oben angelangt, kauerten sie auf den Koffern. 
     Die Landschaft, die sie umgab, war von der Sonne verbrannt und karg 
     bewachsen. 
     Kein Lebewesen war in Sicht, und die wenigen Behausungen waren bis 
     auf den ersten Grundstein zerstört. Da bemerkte der erste, daß er 
     unterwegs sein Messer verloren hatte, und sah die anderen wütend an. 
     Diese blickten wütend zurück. 
     Aus dem Inneren des Hügels kam Trommelgewirbel auf. Jemand aus der 
     Menge richtete einen Spiegel auf den höchsten Stein, und die 
     reflektierten Strahlen lösten einen Brand aus. Zuerst floh der erste, 
     darauf der zweite und dann der dritte. 
     Sofort erlosch der Brand, und anstelle der Flammen erschien eine 
     Flagge, auf der stand:


     3

     Hätte man die private Tragödie jedes einzelnen Teilnehmers gekannt, 
     hätte man verstehen können, warum sie sich trafen und warum sie 
     in so böser Ausgelassenheit auseinanderstoben.
     Die Zuschauer sahen einander fragend an und brachen in Applaus aus. 
     Die anderen nahmen die Masken ab, putzten sie und spazierten 
     entspannt umher. 
     Der Mann, der sein Messer verloren hatte, wandte sich an den anderen.
     - Adabi, wo ist mein Messer wirklich geblieben?
     - Bin ich deine Mutter? Ich weiß nicht.
     - Hast du es nicht genommen?
     - Wozu sollte ich dein altes Messer nehmen?
     - Wer sonst sollte es nehmen?
     - Weiß ich's? Einer von den anderen.
     Der Mann ging zur Seite und begann, bitterlich zu weinen. 
     Die Zuschauer wurden auf ihn aufmerksam. 
     Der Gelbe, der verschwunden war, tauchte wieder auf. 
     - Nicht zu früh anfangen, hab' ich gesagt. Hört ihr schlecht?
     - Du siehst schlecht. Siehst du nicht, wie er weint.
     Er sah jetzt den Weinenden genauer an. 
     Der gelbe Anzug war zerknittert und ausgebeult. 
     Man sah ihm an, daß er früh aufgestanden war.
     - Verdammt, sagte er. Oder etwa nicht?
     - Doch, doch. Die Zuschauer werden ungeduldig.
     - Jemand muß für ihn einspringen.
     - Hinunterspringen. Das läßt sich nicht vermeiden.
     - In Ordnung. Übernimmst du das?
     - Sein Freund soll das übernehmen. Ich übernehme mich nicht.
     Der dritte, der den Hügel hinaufgeklettert war, nickte und lächelte 
     gutmütig. Sein Gesicht war von Freundschaft erhellt. 
     Er schritt in die Richtung aus, in der er die Klippe vermutete. Die 
     anderen sahen ihm schuldvoll nach.
     - Das bricht sogar mir das Herz.
     - Du hast das Herz eines Tigers, Adabi.
     - Das weise ich nicht zurück. Du aber trägst die Maske des Verräters. 
     Denn du hast ihm das Messer genommen.
     - Geendet hätte das so oder so.


     4

     Der dritte war nicht mehr zu sehen. 
     Aus der Luft über ihnen erklang Musik. 
     Jemand spielte Geige.
     In einem Wald jenseits des Wassers heulte ein Tier gegen sein 
     Tiersein auf. 
     Der Gelbe drehte sich zu dem Fremden um, der ohne Maske gekommen war.
     - Hast du jetzt Vorstellung?
     - Ja. Ich bin ein gelbes Haus. Die gelbe Farbe ist mir ausgeronnen 
     und fließt den Hügel hinunter. Der Hügel ist ganz gelb.
     - Und das Haus?
     - Rot. Stell dir vor, rot.

                       FINDEST DU


     Er kam zurück. Die anderen saßen noch da.
     - Einige habe ich gefunden, sagte er.
     - Warum nur einige?
     - Sie waren zu weit auseinandergeflogen.
     - Dazu sind sie zu schwer.
     - Es ist Nacht.
     - Sie leuchten doch. Oder leuchten sie nicht?
     Er breitete die Hände aus. In ihnen war rotes Licht.
     - Es sind Fetzen vom lachenden Feuer in einer weinenden Nacht.
     - Das sehen wir selbst.
     - Auf dem Weg ins Tal habe ich sie gefunden.
     - Die meisten werden im Tal gelandet sein.
     - Dort war ich nicht.
     - Warum nicht?
     Er richtete sich auf. Die anderen saßen um das Feuer herum. In ihren 
     Augen war dunkle Glut.                 
     - Wo soll ich die Fetzen hinlegen?
     - In unser Feuer hinein.
     - Ich gehe ins Tal.
     - Wir werden auf dich warten.
     Er nickte und ging. Seine Gestalt versank langsam in den Wölbungen 
     der abwärts gleitenden Hügel. Sie sahen einander an.
     - Ob er weiß, daß er nicht mehr zurückkommt?
     - Es ist ihm gleich, denn er liebt.
     - Er hätte sich weigern können.
     - Nein, nur wenn er nicht zurückkommt, wird die Nacht zu  einer 
     weinenden werden.
     - Wie soll aus unserem Feuer ein lachendes werden?
     - Wir werden lachen.
     - Worüber?
     - Darüber, daß er nicht geliebt wird.
     - Weiß er es?
     - Er hat doch die Fetzen erkannt.
     Sie standen auf Von dieser Höhe aus sahen sie, wie im Tal rote 
     Lichter einander jagten.
     - Hört ihr das Schluchzen?
     - Und wie dunkel es ist!
     - Ich höre auch Gelächter.
     - Das sind wir.
     - Dann ist es soweit!
     - Fetzen vom weinenden Feuer in einer lachenden Nacht.
     - Umgekehrt.
     - Es verlangt viel Mühe dafür, daß es so kurz dauert.
     - Und das Geld, du vergißt das Geld.
     - Ein schöner Scherz.
     Sie begannen einzupacken. Einer von ihnen stimmte ein Lied an, und 
     die anderen fielen in die Melodie ein.         
                       Findest du Fetzen
                       Vom lachenden Feuer
                       In einer weinenden Nacht
                       Findest du Fetzen vom weinenden Feuer 
                       In einer lachenden Nacht.
     Von irgendwo kam wieder Licht, ein anderes Licht, das Licht des 
     beginnenden Tages.

                    ZWEI BLAUE DREIECKE


     Zwei blaue Dreiecke, das eine aus Eis, das andere aus Atem. Das ist 
     das Bild aus dem Fenster, vor dem ich stehe, in dem ich mich sehe.
     Ich wohne in einem Loch.
     Hier vergeht die Zeit in kleinen staubigen Sonnenteilchen. Vom 
     Horizont, an dem sie als Silhouetten weißer Segel erscheinen, sehe 
     ich sie kommen und an mein Fenster prallen. Sie schmiegen sich an 
     das Fenster und schauen in mein Zimmer herein.
     Eine Ecke meines Zimmers wird vom Ausblick auf das Meer gebildet.
     Sind sie blind, daß sie das Fenster nicht sehen. Sie werden so 
     leicht von ihrem Sonnentanz abgelenkt, daß ich staunen muß. Wie 
     oft habe ich versucht, durch den Staub hindurch zu blicken und 
     sie zu überraschen, sie bei dieser Ruhepause zu ertappen. Wie oft 
     habe ich versucht, mich hinauszulehnen, ohne Bedenken, einer 
     kleinen weißen Fliege gleich. 
     Ich weiß nicht, was ich am anderen Ende sehen werde.
     Die Lichteinstellung letztes Jahr war ein versprochener Regenbogen. 
     Nicht, daß mir das sonderlich geholfen hätte. Von einem Tag zum 
     anderen hörte der Regen auf, gab die Berge frei. Für kurze Zeit 
     wurden die Berge vom Blickpunkt der schlafenden Meeresoberfläche 
     sichtbar. Der Schleier hob sich und hinterließ ein Bild mit 
     zerfließenden Grenzen. Man muß sich das vorstellen. Ich weiß, daß 
     man sich in jeder Farbe auflösen kann. Aber warum gerade Aquarelle.
     Das Boot wohnt im Wasser.
     Ich ging hinunter und sah es. Ungläubig zuerst, zum ersten Mal. Es 
     war das erste Mal, daß ich hinunterging und es sah. Unter meinem 
     Fenster. Keiner hätte das leugnen können. Ich berührte es, und es 
     antwortete mit einer Bewegung. Den ganzen Nachmittag war ich außer 
     mir vor Freude. Geschwächt, natürlich, und stets am Rande zum 
     Weinen. 
     Hätte ich damals jemanden gekannt, hätte ich es ihm sofort erzählt, 
     hätte mich mitgeteilt, ohne Rücksicht auf die Folgen. So aber mußte 
     ich mich allein wähnen, im weißen Sand daneben.
     Ich sehe, daß sich der Horizont lichtet. Ist es die Nacht, die vorbei 
     ist.
     Wieder ein Morgen. Gestern Abend bin ich vor dem Fenster gesessen. 
     Ich bin lange aufgeblieben, und in der Nacht habe ich dann viel 
     geträumt. Man könnte sagen, ich hatte beschlossen, alles zu Ende 
     zu träumen. Als ob das so leicht wäre. Wer kennt die Länge des Weges, 
     den man im Traum zurücklegt. Ich versuche jetzt, das Gesetz 
     herauszubekommen. Eine Vermutung habe ich schon. Ich warte nur auf 
     die Sonnenwende, um sicherzugehen. 


     2

     Um sicherzugehen, warte ich ab, bis sich der Wind wendet und die 
     Wellen von einer anderen Seite sichtbar werden. Bis sie sich von 
     einer anderen Seite zeigen. Das kann mir keiner so leicht nachmachen.
     Ich warte. Ich warte im Schlaf. Ich bin ein Stein. 
     Verstehe das einer. Es ist nicht eingetroffen. Das Gesetz ist nicht 
     aufgangen. Ich bin aufgeblieben, habe aber nicht viel geträumt. Und 
     nur Dunkelheit. Ich muß von vorne anfangen. Gewiß, ich blicke 
     angestrengt und sehe daher nicht. Gestern war heute, da bin ich 
     sicher. Irgendwo habe ich etwas verloren. Vielleicht habe ich es 
     unten liegenlassen, bei dem Boot. Ich träume jeden Tag von neuem. 
     Das erfüllt mich mit Ärger.Bin ich am Ende blind. Sie verspotten mich.
     Sie tanzen an mir vorbei und sind nicht allein. 
     Wer sind sie. Und warum sehen sie mich nicht.
     Ich habe ihn gesehen. Den Mann mit den Schwimmflossen. Gestern habe 
     ich ihn gesehen, an der schmalen Stiege, am schmalen salzigen 
     Geländer. Hände voller Rost und Augen aus Sonne. Ein Schleier aus 
     Salz in seinen Augen blendete mich zutiefst. Das erinnerte mich an 
     das Glück. Daß ich das erleben durfte. Aber etwas anderes beunruhigt 
     mich. Zweifel schleicht sich herein, schleicht herum, sucht nach 
     einer Ecke, um sich niederzulassen. Ich frage mich, durch welche 
     Öffnung er immer hineinkommt. Ich schließe Türen und Fenster und sehe 
     mich ihm gegenüber. Zweifel daran, ob ich es erlebt habe.
     Blaue, grüne Hügel. Bewegte Welt. Das, was ich sehe. Das, was ich 
     umgibt.
     Der Zweifel war wieder da. Inmitten vom Glück. Jetzt, wo ich endlich 
     Glück habe. Der Zweifel hat alles zerstört und hat mich wütend 
     gemacht. Nur kurz, versteht sich, aber so kenne ich mich nicht. 
     Ich habe das Fenster aufgerissen und die Lichttropfen zerschlagen. 
     Sie fielen in winzigen Splittern herab, in den Sand unter meinem 
     Fenster. Als ich sah, was ich getan hatte, versuchte ich, sie 
     schnell aufzufangen. Einige liegen jetzt in meinem Teller dort. 
     Wie konnte ich das nur machen. Aber im Fenster war ein Loch.
     Was sehe ich. Was versuche ich, am anderen Ende zu erblicken. Was 
     ist dort zu sehen.
     Heute hat es sich wiederholt. Heute ist alles noch einmal geschehen. 
     Wieder Splitter, und das Loch im Fenster wird größer. Bald wird 
     alles nur ein Loch sein. Nicht auszudenken, was dann sein wird, 
     und wo ich wohnen werde. 
     Ich werde nirgendwo wohnen.
     Das Boot ist weg. Warum kommt alles zusammen. Heute Morgen, als ich 
     aus dem Fenster geschaut habe, habe ich gesehen, daß das Boot weg 
     war. Genauer gesagt, ich habe nicht gesehen, daß es da ist. Und das 
     jetzt, wo der Wind sich dreht. Der Wind wendet sich, und 


   
     3

     mir sind die Hände gebunden. Wenn doch alles so wäre wie früher. Wenn 
     ich doch einen Augenblick lang allein wäre. 
     Ich bin jetzt nicht mehr allein.
     Ich habe mich gesehen. Im Fenster. Ich habe auch hinausgesehen. Himmel 
     und Meer berühren sich. Ganz leicht, aber doch. Es ist nicht so, wie 
     wenn sie sich nicht berühren würden. Sie berühren sich, und das gibt 
     mir eine neue Überlegenheit. Ein kleiner Vorsprung, um die Zeit 
     einzuholen. Sie ist angeschwemmt worden, nach dem Gewitter gestern 
     Abend, daß ich dachte, ich komme nicht mehr heraus. Sie verstellt mir 
     ein wenig die Sicht, natürlich, aber auch ich habe sie ein wenig 
     verstellt, unmerklich, unbemerkt. 
     Die Sonne. Es wird die Sonne sein.
     Es ist nicht die Sonne. Es ist dieser Hügel, der vor meinem Fenster 
     wächst. Ich sehe mich. 
     Das vertraute Bild verschwimmt. Alles fließt. Ich weiß nicht, was ich 
     sehen soll.
     Es wird anders. Es ändert sich von Minute zu Minute. Ich zähle die 
     Stunden nicht mehr. Ich sehe immer weniger. Ich sehe immer mehr. 
     Heute zeigte sich mir die Insel von einer anderen Seite. Ich sehe 
     nichts mehr. Ich sehe nicht mehr das, was war. Was sein wird.
     Letzte Morgen. Letzte Abende. Erste Versuche, das zu verstehen. 
     Erinnerungen, wie es früher war. Türme aus Erinnerung umgeben mich.
     Wer bin ich. Bin das ich, oder bin ich ein anderer. Ich werde heute 
     hinuntergehen und nachsehen. 
     Und dann der Wind. Er hat sich gewendet. Ich sehe es nicht, ich spüre 
     es. Er weht hierher.
     Ich gehe jetzt hinunter.
     Der Mann mit den Schwimmflossen erwartet mich.

                             GELB


     Ein Straßenbild erklärt sich von selbst. Das weiß jeder, der an einer 
     Straße wohnt. Und seit heute weiß ich es. Pekarska ist nur für meinen 
     Gang gestern Nachmittag gelegt worden. Das ist die Straße, auf der er 
     wohnt.
     Gestern ist er gekommen. Es war am Nachmittag. Die Nachmittagssonne 
     warf Schatten von Fanfaren auf die Straße. Und dann kam er herein. 
     Ich wollte aufstehen, als ich seinen Namen hörte. Doch ich blieb vor 
     dem Bild sitzen.
     Er betrachtete das Bild und dann die Straße. Ich war erstarrt.
     - Was malen Sie da, fragte er endlich.
     - Ein Straßenbild, antwortete ich. Ich war überrascht.
     - Malen Sie schon lange?
     - Sehr lange. Ich nickte. Alles war wieder beim alten.
     - Und wann wollen Sie fertig sein?
     Ich lächelte unbeholfen. Ich wünschte, er hätte mich verstanden.
     Er trat ans Fenster und zündete sich eine Zigarette an. Dann wurde 
     die Tür geöffnet, und der Besitzer erschien. Sie begrüßten sich 
     herzlich und setzten sich in die Ecke. Dort tranken sie, rauchten 
     und sprachen über Balzac. Er sprach über Balzac wie über sich selbst. 
     Bevor sie gingen, kam er noch einmal zu mir.
     - Weiter so, sagte er. 
     - Es ist bald fertig, beeilte ich mich zu sagen.
     - Ich komme ohnehin wieder. Da sehe ich es mir an.
     - Aber da wird es ganz anders sein, widersprach ich mit Recht.
     Er sah mich länger an. Sein Blick kam von weit her, von einem fernen 
     Hügel.
     - Natürlich. Ich komme bald.
     Er ging und hinterließ mich mit gepreßtem Herzen. Lange saß ich vor 
     dem Bild und wußte nicht, wie es weiter gehen sollte. Dann erinnerte 
     ich mich, und es ging weiter.
     Es ist eine gläserne Stadt. Stehengebliebene Springbrunnen, eine 
     Luft,wie man sie sich nur wünschen kann, feucht und klar, alles, 
     wie es sein soll. Es bereitet Vergnügen, in ihr spazieren zu gehen, 
     und es befreit von Sorgen. Frisch, das ist das Wort. Wenn er das 
     nur auch so sehen würde. Ich weiß nicht, wann er wieder kommt.
     Gestern kam er wieder. Er kam noch einmal zurück. Er hatte seinen 
     Notenständer vergessen. Er kam gerade, als ich einen Brief an ihn 
     schrieb. Ein Notenständer ist in meinem Zimmer vergessen worden, 
     schrieb ich. Bitte lassen Sie mich wissen, wohin er zu schicken wäre, 
     oder ob jemand ihn hier abholen wird. Ich schrieb es mit Malfarben 
     aus, als 


     2

     er kam und den Notenständer holte. Er sah die Schrift und lächelte. 
     So konnte ich nicht böse sein, daß ich alles umsonst geschrieben 
     hatte. Und als er gegangen war, ging ich auch. Ich machte mich 
     auf den Weg dorthin, wo er wohnt. Der Weg an sich hätte schon 
     genügt. Da war eine Brücke, die über Zuggleise führte. Auf der 
     Haltestelle warteten Menschen in Mänteln. Ich spürte die Kälte 
     nicht. Dann war die Vostadt zu Ende, und es begannen die kleinen 
     verwinkelten Gassen mit hohen Fenstern. Und mit dem Straßenbild 
     änderte sich gleich die Jahreszeit. 
     Es war Frühling statt Herbst, und auf dem Pflaster lagen 
     aufgeschlagene grüne Nüsse. Ich war vorsichtig, ich wollte nicht 
     zu weit gehen.  
     Ich sah sein Fenster. Immer diese Fenster. Die im ersten Stock sind 
     verhangen, und in die oberen sieht man nicht hinein. Es ist oft so, 
     wir gehen an Fenstern vorbei. Und wir wissen nicht, was dahinter ist. 
     Aber diesmal war es anders. Ein Schmerz ergriff mich. Auch ich könnte 
     oben sein. Wenn ich oben wäre, könnte ich ihn sehen, sehen, was er 
     macht, begrüßen. So war ich auf der Straße, sonst gar nichts. Was für 
     ein Unterschied. Ich zog es vor zu gehen. Aber seit heute weiß ich 
     es sicher. Pekarska ist nur für meinen Gang gelegt.
     Auch damals war Sonnenschein. Wenn ich gewußt hätte, was für Folgen 
     es haben würde, wäre ich umgekehrt. Die Straße war voll von seiner 
     Anwesenheit. Die Straße füllte sich mit ihm. Ich ging vorbei, ich 
     war ein Nichts. Nicht vorhanden. Ich eilte in das Zimmer, die Stufen 
     hinauf, atemlos. Nur ein Bild konnte helfen.
     Das Bild hat sich verändert. Von irgendwo sind diese Blautöne, 
     Grautöne hergezogen. Am Anfang war es gelb. Man hätte sagen können, 
     einfach gelb. 
     Das hat sogar ihn überrascht. Er kam durch die Tür und sah als erstes 
     dieses Gelb, das ihn erwartete. Erster Augenblick, großer Augenblick. 
     Er war davor stehengeblieben. Dann hörte ich seine Stimme.
     - Haben Sie das schon irgendwo gesehen? 	
     - Oft, sehr oft. Ich breitete die Arme aus. Es ist Sonnenschein.
     - Malen Sie immer, was Sie sehen?
     - Ich versuche es. Ich kann es Ihnen erklären.
     - Nicht nötig. Das Gelb erklärt sich von selbst.
     Ich hatte das Fenster geöffnet und lehnte mich hinaus. Ich wollte 
     Ihm zeigen, was ich gemalt hatte.
     - Vorsicht mit dem Fenster, sagte er. Wir sind hier nicht im ersten 
     Stock.
     - Ich wollte Sie fragen, ob Ihnen das Bild gefällt.
     - Doch, schon. Wenn das Gelb nicht wäre. Ich habe gern klare Farben.


     3

     Später ist daraus die glasklare Stadt geworden. Was soll ich tun. 
     Manchmal frage ich mich, ob ich nicht das mache, was er will. Aber so 
     muß es sein, denke ich. Wie soll man sonst wissen, ob etwas gefällt. 
     Es war nicht leicht. Am Anfang war es nicht leicht, das Gelb zu 
     entfernen. Innerlich, meine ich. Auf dem Bild war es dann gleichgültig, 
     alles war in mir gestorben. Es war auch mit Sorgen verbunden. Ich 
     hatte nur Gelb im Zimmer. Suchen, Fragen, das gehört dazu.
     Wenn ich so dastehe, sehe ich einen Reigen. Jetzt ist es nicht mehr 
     aufzuhalten. Jetzt geht alles seinen Lauf, auch ich. Ich bemühe mich, 
     nicht zu warten. Nicht nach draußen zu spähen, nicht das Ende der 
     Straße zu erfassen, dort, wo sie in eine Kreuzung mündet. In eine 
     Begegnung mit anderen Straßen, und ich bin nicht dabei. Jetzt heißt 
     es, das hier fertigmachen, und dann kann ich wieder hinaus.
     Doch diese neuen Töne verstehe ich nicht. Woher sind sie gekommen, 
     und wann. Im Schlaf, im Traum. Ich habe meine Gedanken vergessen. 
     Verloren, auf dem Grund des Traums. So geht es nicht. So kann ich 
     ihm nicht begegnen, das spüre ich. Ich muß ihn überraschen können.
     Überraschen. Es war, als es rot war. Ich war leicht erregbar, etwas 
     angegriffen, verständlich zum Zeitpunkt dieser Trennung. Noch waren 
     wir nicht ganz getrennt, noch konnte ich nicht auf Gelb verzichten. 
     Da kam er mit dem Besitzer. Sie lachten, hatten vor kurzem etwas 
     erlebt, waren abgelenkt. Nur aus Freude am Spaß blickten sie zu mir 
     her, ich weiß es. Der Besitzer versuchte, ernst zu reden.
     - Du wandelst dich. Sieh mal, er wandelt sich.
     - Tatsächlich. Er trat näher heran. Warum haben Sie das Gelb 
     aufgegeben?
     Ich war überrascht. Hatte er das Gespräch vergessen.
     - Ich habe mich davon getrennt, sagte ich schließlich.
     - Schade. Es hatte so etwas Eigenwilliges. Bleiben Sie jetzt bei 
     Rot?
     - Nicht lange. Über Violett werde ich zu Blau und Grau gelangen.
     - Sehr wechselhaft also.
     - Erinnerst du dich nicht mehr, mischte sich der Besitzer ein. Du 
     hast mit ihm gesprochen.
     - Sie haben das doch nicht wegen mir geändert, wandte er sich zu 
     mir. Er war fast erschrocken.
     - Ganz sicher hat er das.
     - Das wollte ich nicht. Bitte lassen Sie es, wie es war.
     - Aber gefällt es Ihnen nicht? fragte ich mit bangem Herzen.
     - Es gefällt mir. Es gefällt mir wirklich. Lassen Sie es so.
     Mir wurde warm ums Herz. 
     - Sie werden sehen, es wird sich noch mehr ändern, sagte ich stolz.
	

     4

     Alle Unruhe war von mir gewichen. Man hörte mich, man verstand mich.
     - Wie Sie es wollen. Auf Wiedersehen.
     - Es genügt nur, daß Sie kommen. Veränderungen kann man nur sehen,
     wenn man kommt.
     - Ich werde oft kommen. Auf Wiedersehen.
     Seitdem ist er nicht gekommen. Außer gestern. Aber das war aus 
     Versehen. Dennoch muß ich ausharren. Ich versinke immer mehr in der 
     Stadt. Ich kenne ihre winzigen Brücken, die klärende Reinheit ihrer 
     Luft, ich weiß, was es heißt, dort am frühen Abend anzukommen. 
     Klirrend, so ist sie. Ich male sie aus Glas. Meine Striche zerkratzen 
     die noch glatte Oberfläche, und ich lerne sie kennen.
     Wann wird Sommer sein. Das frage ich mich. Im Winter ist es leicht, 
     im Winter ist Nacht. Wird die Dunkelheit mich ganz umgeben. Manchmal 
     vergesse ich ihn. Danach erinnere ich mich umso mehr. Mit der Kraft 
     des Vergessens. 
     Das stimmt nicht. Er ist noch einmal gekommen. Außer gestern. Ich 
     habe das vergessen, weil es so schön war. Ich malte gerade an einigen 
     Tränen aus Glas. Der Besitzer war nicht da. Er hatte sich verspätet. 
     Als er kam, war ich allein. Ich versuchte erst gar nicht, die Tränen 
     abzuwischen. In diesen Dingen soll man alles zeigen. Aber er sah sie 
     nicht. Er setzte sich mit einer Zeitung in die Ecke. Zuerst dachte 
     ich, er wartet ab, bis ich fertig bin. Aber als die Zeit verging, 
     wurde ich unruhig. Was, wenn er geht, ohne etwas gesehen zu haben. 
     Da bemerkte ich mit Freude, daß er die Zeitung zu Ende gelesen hatte 
     und weglegte. Er sah sich um und kam mit großen, ausholenden 
     Schritten her.
     Meine Erwartung war zu groß. Ich merkte, meine Erwartung war zu groß.
     - Sie malen und malen, sagte er versöhnlich. Machen Sie keine Pause?
     - Zwischen den Blicken. Während das Bild sich wendet, atme ich durch.
     - Bewundernswert, Ihre Ausdauer.
     Nein, so war es nicht. Ich spürte, ich wußte genau, das war nicht 
     das echte, das wirkliche Wesen der Dinge. Ich mußte wagen.
     - Versuchen Sie, mich zu verstehen, sagte ich.
     Versuch mich doch zu verstehen, dachte ich. So schwer wird es doch 
     nicht	sein. Wo ich mich doch selbst verstehen kann.
     Ich weiß nicht, ob er etwas hörte. Meine Gedanken oder meine Worte. 
     Sein Gesichtsausdruck veränderte sich, die Farbe, er wurde rot, sein 
     Blick wurde feucht und klar. Es war wie Tränen.
     - Werden Sie es versuchen, nutzte ich den Augenblick.
     - Ich werde es versuchen, sagte er. In diesem Augenblick kam der 
     Besitzer herein. Er kam wieder von draußen.
     - Wie geht es dir? fragte er ihn. Wie ich sehe, in guter 
     Gesellschaft.
     - Ja, in sehr guter sogar. Wo bist du geblieben.
     - Gehen wir.


     5

     Sie gingen. Hätte ich das Fenster aufgemacht und hinuntergeschaut, 
     ihnen auf der Straße nachgeschaut. Aber das Fenster ging nicht auf. 
     Ich versank in einen Schlaf. Ich wachte auf, als es Nacht war. Ich  
     blickte hinaus und bemerkte die vielen Pappeln, die ein Mondbad 
     nahmen. Wie wunderbar das war. Das beruhigte mich, und ich schlief 
     wieder ein.
     Seitdem schlafe ich. Wenn ich nicht male, schlafe ich. Das Draußen 
     ist außerhalb vom Zimmer, hier ist nichts, was mich stört. 
     Die Farben vermischen sich. Sie benehmen sich wie Wolken, ziehen her, 
     ziehen davon. Auch das ist jetzt unwichtig.
     Wichtig ist jetzt, tiefer zu versinken. Straßen, Plätze mitzunehmen 
     in die Versunkenheit. 
     Alles muß sich in Wasser auflösen können, auch der Schmerz. Der 
     Schmerz besonders.
     Gestern bin ich noch einmal aufgewacht. Es war der Sonnenschein, der 
     an mein Fenster klopfte. Draußen ein Bild, aus Sonne gegossen. Du 
     kommst zu spät, dachte ich. Trotzdem, ganz leicht war es nicht. 
     Das Fenster von innen zu schließen. Wenn das nur ginge.
     Wird dort, wo ich hingehe, auch Sonne sein. Wenn ja, dann werde ich 
     sie einholen. 
     Mir kommt der Verdacht, daß alles von neuem beginnt. Wenn das so ist, 
     dann finde ich das nicht sehr rücksichtsvoll. Nicht sehr gewitzt.
     Ich versinke. Ich merke es genau, jeden Tag mehr. Ich schaue nur 
     noch zu.
     Ein letzter Gedanke. Es war immer nur die Sonne.
     Ich versinke. Bald werde ich versunken sein.

                          21 JULI


     Als es dunkelte, wurden die Lampen im Park angezündet, und das Licht 
     ergoß sich über sein Gesicht, dessen Unbeweglichkeit aus Bronze war. 
     Er stand neben einer Rosenhecke. 
     Sie zog ihren Blick zurück. In diesem Augenblick bemerkte er, daß sie 
     ihn ansah, und seine Augen wurden zu zwei schwarzen Punkten, die ihre 
     Bewegungen lenkten. Ihr Herz schlug schneller, und ihr Blütengewand 
     rauschte.
     - Wie schön Sie sind und wie eitel, sagte er.
     - Wie schön und wie ernst Sie sind.
     - Sie stehen in höchster Blute.
     - Ich bin zu prächtig.
     - Ihre Pracht entzückt alle.
     - Aber Sie nicht.
     - Doch.
     - Sie zeigen es nicht.
     - Ich kann nicht. Ich kann weder meine Haltung ändern noch meinen 
     Ausdruck.
     - Ich gefalle Ihnen?
     - Ja.
     - Was ist es, das Ihnen am meisten gefällt an mir?
     - Daß  Sie mich berühren.
     Sie lachte leise. Sein unmerkliches Lächeln galt jetzt ihr. Sie 
     schüttelte den Kopf, und zu seinen Füßen fielen Rosenblätter.
     - Daß Sie mich ansehen.
     - Wenn der Wind geht, wie fürchte ich da, daß Sie vom Sockel stürzen 
     und in Scherben zerfallen. 
     - Daß Sie meinen Namen flüstern.
     - Und wie ich den Stein hasse, der Sie bannt.
     - Daß Sie immer zuhören, außer im Augenblick.
     - Ich höre Ihnen zu, und ich höre heraus, daß Sie an sich selbst 
     Gefallen  finden, nicht an mir.
     - Sie wollen mich verletzen.
     - Würde Ihnen das auch gefallen?
     - Nein.
     - In mir lieben Sie nur sich selbst.
     - Ich habe nicht gesagt, daß ich Sie liebe.
     Ein Mann und eine Frau näherten sich der Rosenhecke. Er wurde still 
     und zog seinen Blick zurück, in dem der Schmerz wieder erstarrte.
     - Was für herrliche Rosen, sagte der Mann.
     - Warum tanzen Sie nicht, Aristide?
     - Was wäret Ihr Tänzer ohne uns Zuschauer?
     - Tanzen Sie, und ich werde Ihnen Zuschauerin sein.
     - Sie sind die bessere Tänzerin und.
     - Und Sie der bessere Zuschauer, natürlich.
     Die Nacht war blau geworden.
     Die  blauen  Säulen  am Ende  der  dritten  Nacht
     Am zweiten Tag, als die Dämmerung fiel, fand er den Weg. Er folgte 
     ihm, und die Spuren, die er hinterließ, füllten sich mit grünem 
     Schlamm. Blasse Zuckerrohrstäbe wichen ihm aus, und die Frösche am 
     Wegrand waren aus Bienenwachs. Am Ende des Weges war die Lichtung 
     eine gestrandete Höhensonne. Er näherte sich dem Zentrum.


     I

     Das Gebäude stand da, in frostiges Licht gehüllt.  Er wandte sich 
     an den Wächter.
     - Wie finde ich den Eingang?
     - Er ist durch eine Tür gekennzeichnet.
     Die Schwelle war ein Gitter, durch das er das untere Geschoß sah. 
     In den hell erleuchteten Hallen unten erkannte er sein Ziel. Er 
     schritt den Gang entlang. Der Boden war aus Parkett und warm. Die 
     Gänge teilten sich, und zunächst bereitete es ihm Vergnügen, 
     willkürlich nach rechts und links einzubiegen. Hinter einer Kurve 
     kam ein junger Mann hervor und huschte an ihm vorbei. Aus einem 
     Zimmer trat eine Gruppe von Leuten heraus, und eines der Mädchen 
     ging in seine Richtung, bis es an der nächsten Ecke verschwand. 
     An einer Stelle, wo mehrere Korridore sich trafen, blieb er stehen. 
     Er bemerkte, daß ihn von einem Türpfosten aus ein goldgrüner Käfer 
     beobachtete. Die Wand flackerte weiß von den vielen Lampen. Er sah 
     zum Käfer, der seine Flügel aus Blattgold nicht spreizte. Nun 
     erblickte er über der Tür die Aufschrift INSEKTA. Über einer 
     anderen Tür las er MENSA und trat ein.


     II

     Er befand sich in einer Küche für Dienstboten, hinter der sich eine 
     leere Schulklasse öffnete und noch weiter eine verschlossene Tür, 
     hinter der das Geräusch einer vollen Schulklasse hervorquoll. Ein 
     Mann stand am Herd und versuchte, ihn anzuzünden. In Mehl gewendet, 
     lagen aufgeschlitzte Fische da. 
     Geschickt fing der Mann seinen Blick auf.
     - Besuch, sagte er. Besuch ist das Beste.
     Der Besucher lächelte und kam näher. 
     Seine Hände zündeten das Feuer an, und seine Augen streiften die 
     Fische. 
     - Die Augen, sagte der Mann. Die Augen sind das Beste.
     Die Fische hatten bunte Mosaiksteine als Augen und eine zarte 
     Mehlhülle als Leichengewand. Als das Fett heiß wurde, stieg 
     Meeresgeruch aus der Pfanne auf, und aus der verschlossenen Tür 
     stürzte die Lehrerin heraus. Mit leisem Kreischen betrachtete sie 
     die Küche und setzte dazu an, die Fische zu entfernen. 
     Der Mann hielt ihren Arm fest.
     - Besuch, sagte er.
     Sie bemerkte jetzt seine Anwesenheit und lenkte unwillig ein. 
     Kraftlos ging sie in ihr Klassenzimmer zurück und schloß die Tür. 
     Der Mann ging in das leere Klassenzimmer und deckte den Tisch. 
     In diesem Augenblick läutete die Glocke, und kleine Kinder strömten 
     aus dem Nachbarzimmer hervor. Von irgendwo tauchte eine Gruppe 
     junger fleißiger Mädchen auf. Die Lehrerin erblickte den gedeckten 
     Tisch und schrie auf. Im Nu waren die Mädchen bei ihr und hatten 
     den Tisch aufgeräumt. Er stellte fest, daß sie Macht hatte, und 
     da sein Gastgeber die Küche verlassen hatte, verließ er sie auch. 
     Draußen vor der Tür stand der Mann mit den Fischen.
     - Wie finde ich den Abgang ?
     - Die Augen, sagte der Mann.


     III

     Diesmal geleiteten ihn die vorbeiziehenden Augenpaare zu einem Flur, 
     an dem das Parkett von Marmor abgelöst wurde. Hier trafen sich beide 
     Stockwerke in Form eines Fensters. Er konnte sehen, wie das Trinkglas, 
     das die Welt draußen war, gekippt wurde, und die Nacht aufstieg, 
     während der Tag sich senkte. Der Flur wurde von einem schwarz 
     polierten Konzertflügel bewohnt. Er fuhr mit den Fingern die 
     Klaviertasten entlang und die Tonleiter hinunter, und als der tiefste 
     Ton erklang, erreichte er das untere Geschoß. Auf einem Vorhang aus 
     unsichtbarem Regen stand die Aufschrift MUSIKA. 
     Eine einladende Frau erschien, streckte ihm die Zunge heraus und 
     lachte.
     - Haben Sie die Flaschen mitgebracht ?
     Er verneinte. Die unsichtbaren Regentropfen waren hängende Messer.
     - Dann treten Sie doch ein, sagte sie und lachte.
     Das Gewölbe war aus weißem Marmor, durch das hellblaue Adern 
     sickerten. Durch die Seiteneingänge kamen Hirsche und Rehe herein. 
     Gewaltsam drang Gelächter an sein Ohr. Ohrensessel voller Nacken 
     säumten seinen Weg zur Bühne. Vom anderen Ende der ineinander 
     überschwappenden Säle winkte ihm eine lächerliche Gruppe von 
     Leuten zu. 
     Er kam herbeigewunken.
     Ein Mann mit besorgtem Gesicht kam auf ihn zu und fragte nach seinem 
     Platz. Er zuckte die Achseln, und der Mann ging besorgt weiter. Da 
     entstand Bewegung auf der Bühne, und aus dem dort aufgebauten Zelt 
     sprang ein zittriger Mann auf einem Pferd hervor. Die Leute rannten 
     auseinander und versteckten sich in den Seiteneingängen. Nur einer 
     blieb in seiner Nähe und nickte ihm eifrig mit dem Kopf zu. Da nichts 
     geschah, verbeugten sich Reiter und Pferd und wurden vom Zelt 
     verschluckt. Die Leute kamen mit enttäuschten Gesichtern wieder 
     hervor und sahen ihn vorwurfsvoll an. Der Mann, der eifrig genickt 
     hatte, nahm ein Messer von der Wand, erstach ein Reh und warf das 
     Messer weg.
     - Der Griff ist aus Schildkrötenpatt, falls du es nicht weißt, 
     sagte der Mann.
     Und heute ist der dritte Tag, falls du es noch nicht weißt.
     Die Menge hatte sich inzwischen auf eine neue Erwartung vorbereitet. 
     Auf die Bühne wurde nun eine in schwarzes Segeltuch gehüllte Maschine 
     aufgefahren, und gleichzeitig prasselten Fingerhüte herab. Ein großer 
     Mann, der am Verhungern war, stampfte auf die Buhne mit schiefem 
     Lächeln. Während er ihn betrachtete, hörte er Flüstern. Ein anderer 
     Mann, alt und klein, war an ihn herangetreten und flüsterte.
     - Es sind durchwegs junge Leute, sagte er.
     - Zauberei ! rief der Mann auf der Bühne. 
     Spiel und Spaß und viel Harmonie ! 
     Theater in den blauen Jagdgründen !
     Die Menge klatschte anerkennend. Aus irgendeinem Fach zog der Mann 
     ein Beil heraus, auf dem der Rost ziegelfarben glänzte.
     - Das Beil, das ich schwinge, ist dasselbe, mit dem ich mich ums  
     Leben bringe.
     Sein Kopf flog weg und landete auf einer Luftmatratze, die mit bunten 
     Eiscremeschirmen übersät war. Der Mann hörte nicht auf zu flüstern.
     - Junge Leute, wisperte er. In diesem Haus weiß man die Schönheit zu 
     schätzen.
     Er entfernte sich einige Schritte. Der alte Mann kam ihm humpelnd 
     nach.
     - Übrigens, sagte er, ich weiß nicht mehr, was Sie gesagt haben.
     - Ich habe nichts gesagt.
     - Nicht jetzt, sagte der alte Mann und schneuzte sich. Damals, vor 
     vielen Jahren.
     Er wollte etwas  erwidern, als der Strahl vom Scheinwerferlicht ein 
     gleißendes Loch in die Bühne sprengte, das ein Neuankömmling für 
     seinen Auftritt nutzte. Der Neue war klein, rund, mit Glatze, 
     Schnurrbart und Brille. Sein Hinterkopf war vom eitlen Schein umgeben. 
     Er stolzierte auf der Bühne auf und ab, ohne dabei auf die Grimassen 
     zu vergessen, die das Publikum aus der Fassung brachten. Dann fuhr er 
     in seine Hosentasche, zog eine Taschenuhr heraus und schob sie dem 
     blinden Messerschleifer vor die Nase. Dieser formte sein Gesicht zu 
     einem Ausdruck der Hilflosigkeit, und der Eitle machte einen 
     triumphierenden Abgang und überließ den Raum einer jaulenden Menge. 
     Der alte Mann war verschwunden, und die Leute um ihn herum sahen ihn 
     mit nunmehr unverhülltem Arger an. Jemand warf ihm einen riesigen 
     gelben Ball zu.
     - Auf und ab! schrie jemand.
     Tag und Nacht!
     Alle lachten, und de Ärger schien geschwunden. Da wurde die Bühne 
     erneut in Scheinwerferlicht getaucht, und der Eitle rannte heraus, 
     seine Rückkehr mit ausgebreiteten Armen unterstreichend. Die Menge 
     verhielt sich mißtrauisch. Die spöttischen Gesten des Eitlen aber 
     brachten sie wieder auf, und dieser wurde von der Bühne gejagt. Die 
     Wut der Leute nahm bedrohliche Ausmaße an. Fast jeder hatte schon 
     ein Tier geschlachtet, und die Hirsche waren wie immer in der Überzahl. 
     Nachdem einige Augenblicke vergangen waren, begann sich die Wut zu 
     lichten, und ein entspanntes Lächeln erschien auf den Gesichtern. 
     Und wirklich sauste der kleine eitle Mann noch einmal auf die Bühne, 
     rannte kopflos hin und her, stolperte und grinste völlig unbeherrscht.
     Diesmal spürte er, wie jemand ihm eine Pistole in die Hand drückte, 
     und er hob den Arm und schoß. Ein Wasserstrahl trat aus der Pistole, 
     dann ein zweiter und ein dritter, er ließ die Wasserpistole fallen 
     und riß seiner Nachbarin die Pistole aus der Hand. Der kleine Mann 
     eilte zum Bühnenausgang, doch die Kugel erreichte ihn und streckte 
     ihn nieder. Er hielt die Pistole noch in der Hand und den Arm zum 
     Ziel erhoben, als die Menge ihn in ihre Mitte nahm. 
     Die heiße Brandung zerrte ihn vom Ufer weg, und nachher tat der Kopf 
     so weh. Auf ihren Schultern trugen sie ihn davon durch andere Säle 
     in andere Säle, bis sie im Saal der Belohnung angelangten. Da ließen 
     sie ihn zu Boden gleiten und räumten sein Blickfeld. Jemand faßte 
     ihn am Kinn und zeigte ihm die Richtung. 
     Er sah einen klaren Teich und ihm pfaublaue Säulen. 
     Seine Augen weiteten sich, und sein Atem wurde ruhig.
     Mit verändertem Ausdruck drehte er sich zu dem Mann hinter ihm.
     - Wie finde ich den Ausgang?
     Der Mann deutete Verstehen an. Die Menge ergriff ihn wieder. Einige 
     Stufen wurden erstiegen, dann erfolgte ein Stillstand. Er befand 
     sich vor einer Drehtür, und auf dem Türbalken las er SCENA. Er wandte 
     sich an seinen Nachbarn.
     - Was für eine Bühne ?
     - Nicht doch, nicht doch.
     Der Druck von hinten wurde immer größer. Endlich gab die Drehtür nach, 
     und er platzte auf die Bühne. 
     Zu seiner Überraschung sah er die Menge, die er hinter sich vermutete, 
     vor sich. 
     Die Hirsche, nun allein geblieben, traten heraus statt herein,
     und am anderen Ende des Saals erblickte er die Aufschrift AKISUM.
     - Musika, sagte er.
     Dann war die Nacht zu Ende.

                  BLICK IN DAS ZIMMER VON ANNE CLEAR


     Eine 
     weiße 
     Spirale
     schwebte
     mitten
     im Raum. 
     Ihre 
     Weiß 
     war
     die Abwesenheit
     von Spuren.
     Wenn
     man hinaufklettern konnte, so führte sie irgendwohin. Beim Betreten 
     der ersten sichtbaren Stufe verspürte man Hunger und bei der zweiten 
     Durst, bei der nächsten Angst und bei der übernächsten Schmerz. Man 
     konnte auch hinunterklettern.
     Draußen lag ein Garten. Ein breiter und glatter Weg zum Ausgang bot 
     sich an. Durch offene Glastüren kam die Sonne in den Raum hinein. 
     Die Spirale entrollte sich im Raum. Auf den ersten vier Stufen waren 
     Spuren. Um zur fünften zu gelangen, mußte man sie noch einmal 
     betreten. Auf der fünften Stufe verschwand der Schmerz, dann die 
     Angst, danach der Durst und endlich der Hunger. Auf der neunten 
     Stufe verspürte man Lust zu lachen, auf der zehnten Lust zu weinen, 
     auf der elften Lust zu schreien und auf der zwölften Lust zu 
     schlafen. Verharrte man hier länger, so schlief man ein und rollte 
     hinunter.
     Der Boden war in schwarze und weiße Quadrate geteilt. Im Garten war 
     Gras.Anfang und Ende der Spirale verschwanden in der Sonne. Die zwölf 
     Stufen waren nicht mehr weiß.
     Auf der dreizehnten Stufe verspürte man Entschlossenheit, auf der 
     vierzehnten Zweifel, dann die Sicherheit, daß alles begann, und 
     darauf die Sicherheit, daß alles zu Ende war. Auf der siebzehnten 
     empfand man das Bedürfnis zu fragen, auf der achtzehnten zu 
     antworten, dann bekam man die Einsicht, daß alles einen Sinn hatte, 
     und schließlich die Einsicht, daß nichts einen Sinn hatte. Wenn 
     nichts einen Sinn hatte, so hatte auch der Aufstieg der Spirale 
     keinen Sinn, und man konnte umkehren.
     Unten war alles unverändert. Der Weg zum Ausgang war hell, der Garten 
     grün, die Luft durchsichtig und bläulich.
     Die Leichtigkeit des Anblicks gewährte wohlwollendes Verständnis. 
     Auch wenn der Aufstieg der Spirale keinen Sinn hatte, führte er 
     irgendwohin. Zwanzig Stufen waren schwarz.
     Von der einundzwanzigsten Stufe aus konnte man sehen, daß die Spirale 
     unendlich viele Stufen hatte. Von der zweiundzwanzigsten aus sah man, 
     daß die Stufen nicht mehr zahlreich waren. Die dreiundzwanzigste 
     Stufe fehlte. Dort, wo sie hätte sein sollen, verspürte man Fehlen. 
     Man hatte einen größeren Schritt zu machen und die vierundzwanzigste 
     Stufe zu nehmen, auf der man Erwartung zu spüren begann. 
     Fünfundzwanzig, sechsundzwanzig und noch zwei, drei, vier Stufen 
     lang fühlte man nichts als Erwartung. Die Erwartung hielt bis zur 
     zweiunddreißigsten Stufe an, auf der sich nichts änderte, und man 
     fühlte Enttäuschung und stieg herab.
     Von unten sah man nur noch schwarze Stufen. Der Blick erreichte die 
     dreiunddreißigste Stufe nicht mehr. Wieder bot sich der Weg zum 
     Ausgang an, und gerade als sein Angebot angenommen wurde, schnellte 
     ein Gedanke zurück in den Raum. Die Empfindung auf der 
     zweiunddreißigsten Stufe war keine von der Spirale ausgelöste, 
     sondern eine eigene und somit ungültig. Wenn man jetzt den Garten 
     verließ, dann nur für kurze Zeit, um noch ein letztes Mal die 
     Neugierde zu befriedigen.
     Die dreiunddreißigste Stufe brachte tatsächliche Enttäuschung, die 
     nächste Stufe Hoffnung, ihr folgte Vergessen und dann wieder Erinnern.
     Auf der siebenunddreißigsten Stufe herrschte das Bewußtsein, daß man 
     siegen, auf der achtunddreißigsten, daß man verlieren wird. Auf der 
     neununddreißigsten verspürte man Mut, dann Müdigkeit, auf der 
     einundvierzigsten Neugierde, tatsächliche und nicht eigene, dann 
     Langeweile. Auf der dreiundvierzigsten vergaß man, wie viele Stufen 
     man bisher gezählt hatte, auf der nächsten hörte man zu zählen auf, 
     daraufhin zu wissen und schließlich zu denken. 
     Man hörte das Geräusch einer voreiligen Uhr, bis es verschwand. Das 
     Licht ging aus, und man sah Anfang und Ende der Spirale, dann ging 
     es an, und man sah ihre Weiße und ihre Schwärze. Das Bedürfnis, 
     sofort hinunterzurennen, quer durch alle Windungen hindurch, entstand, 
     begleitet von dem Begreifen der Unmöglichkeit, es zu diesem 
     fortgeschrittenen Zeitpunkt zu befriedigen. Auf einer der letzten, 
     doch nicht auf der vorletzten Stufe, empfand man Lust zu leben und 
     auf der ihr folgenden Lust zu sterben. Die Entscheidung, ob man zu 
     der vorherigen Stufe zurückkehren sollte oder zu den wenigen 
     übriggebliebenen aufsteigen, dauerte länger.
     Im Garten ließ nichts daran denken, was im Raum war. 
     Das Gartentor war offen. Jemand war durch den Garten gegangen.

                            ACHT


     Die Sonne hängt hoch  im Himmel. Die weiße Wand reflektiert die 
     Sonnenstrahlen. Auf dem Randstein saßen sieben Männer ohne Gesicht. 
     In der Mitte war ein leerer Platz. Einer fehlte. Er ging an ihnen 
     vorbei die Straße hinunter. Die Wege waren aus Sand.
     Auf dem großen Platz atmete die Stadt die Luft ein und ihre 
     Menschenmenge aus. Der erste lehnte mit verschränkten Armen an der 
     Mauer. Als er ihn kommen sah, sprach er ihn mit unmerklichem Gruß 
     an.
     - Eine schöne Bücherei, bitte.
     - Ich kenne keine.
     - Warum nicht? Weil du nicht von hier bist?
     - Nein.
     Der Mann richtete seinen Blick auf die Zeiger der Stadtuhr, und er 
     ging weiter. Vor ihm teilte sich die Menge entzwei, und diejenigen, 
     die sich kannten, lenkten nach rechts ein, während die, die sich 
     nicht kannten, links blieben. Plötzlich tauchte vor ihm ein kleiner 
     Mann auf, der nicht wußte,  wohin er gehörte.
     - Wo ist der Unterschied? flüsterte er und berührte ihn scheu.
     - Ich suche den einen.
     - Die Wüste, deine Schwester.
     - Kannst du etwa Gedanken lesen?
     - Aber nur die gewöhnlichen.
     In seinem Rücken öffnete sich eine tiefe Seitengasse. Dunkelrote 
     Ziegelhäuser mit eingesunkenen Portalen drückten ihn an sich. Blendend 
     farbige Marktstände reihten sich auf beiden Seiten und glänzten in 
     der Sonne. Dahinter saßen Männer mit schwarzen Maschen und weißen 
     Handschuhen. Unter ihnen waren viele Raubtiere mit ausdrucksvollen 
     Gesichtern und andere, die Hüte trugen und den Passanten nicht 
     bemerkten. Einer lachte so ansteckend, daß er nicht anders konnte 
     und vor ihm stehenblieb. Sofort hörte der Mann zu lachen auf und 
     zeigte auf ein Schild mit der Aufschrift TRAUER.
     -ÜBERRASCHUNG, was, sagte der Mann, als er die Überraschung in 
     seinem Gesicht sah. 
     Nein, das haben sie gegenüber. Aber mein Schild stimmt trotzdem.
     Er wandte sich um und las auf dem Schild gegenüber GELÄCHTER. Da 
     begann der zweite wieder zu lachen. 
     - LÜGE, was.
     Auch das haben sie, nur ein Stück weiter.
     Der Nachbarstand war leer, doch mit einem schiefsitzenden Schild 
     versehen, auf dem HÖFLICHKEIT stand. Der Lachende, der ihn 
     aufmerksam beobachtete, unterbrach sein Gelächter.
     - Der erste ist nicht da, er ist unterwegs.
     Warten Sie ein wenig, er kommt jeden Augenblick. Doch auch ich kann 
     höflich sein.
     - In diesem Fall sagen Sie mir, wo ich den finde, den ich suche. Ich 
     verspüre bereits Durst.
     - DURST, was?
     Der Mann zeigte mit der Hand und brach in Gelächter aus. Vor einem 
     anderen Stand erblickte er eine riesige Warteschlange. Von Zeit zu 
     Zeit streckte der Verkäufer seinen Kopf heraus, fuchtelte mit den 
     Armen und wiederholte heiser.
     - Auf dem Rückweg! Kommt auf dem Rückweg vorbei! 
     Es ist genug für alle da!
     Während er überlegte, ob er warten sollte oder den Rückweg antreten, 
     zog ihn jemand am Ärmel. Es war ein Mann mit Kennermiene.
     - Ich möchte Ihnen, wenn es geht, nur raten, nicht an meinen Stand zu 
     kommen, wenn möglich.
     - Warum nicht?
     Der Mann duckte sich. Er blickte gerade in seine Augen.
     - Tut mir leid. Kommen Sie bitte nicht an meinen Stand.
     - Woher soll ich wissen, welcher der Ihre ist?
     - Der siebente. Meiner ist der siebente.
     Der Mann verschwand. Er vergaß, warum er gekommen war, und begann zu 
     suchen. Zu seiner Überraschung fand er ihn sofort. Der Mann saß da, 
     in ein Buch vertieft. Er sah zu ihm auf und schüttelte mißbilligend 
     den Kopf.
     - Ich habe Sie doch gewarnt.
     - Sie haben kein Schild.
     - Doch, aber ich zeige es nicht her. Ich halte es versteckt.
     - Bitte zeigen Sie es mir.
     - Das werde ich sicher nicht tun.
     - Zeigen Sie es mir doch.
     - Na gut. Aber nicht, daß Sie dann beleidigt sind.
     Er langte unter die Lade und zog das Schild GEHEIMNIS hervor. Mit 
     Kennerblick las er im Gesicht des Kunden.
     - Hab ich es doch gesagt, daß Sie beleidigt sein werden.
     - Das haben Sie absichtlich gemacht.
     - Unsinn.
     Mit beleidigter Miene wandte sich der Mann wieder seiner Lektüre zu. 
     Er ließ sich von der engen Gasse hinausgeleiten. Am letzten Stand 
     saß ein Maler und porträtierte. Als er vor ihm stand, hob der Maler 
     die Augen. Furcht, Eingebung, Entzücken und wohlwollende 
     Gleichgültigkeit wechselten auf seinem Gesicht.
     - Nein, nein, lächelte der Maler. 
     Ich zeige nur, was ich kann.
     Er holte einen Taschenspiegel heraus und hielt ihn ihm vor. Im 
     fehlenden Gesicht im Spiegel erkannte er den fehlenden Mann. Er 
     machte sich auf den Weg aus Asche. Die Sonne hatte ihren Stand 
     geändert, aber die Männer saßen noch immer dort. Er setzte sich in 
     ihre Mitte, und der Schatten der weißen Wand legte sich vor sie hin.

                           EIN FENSTER

     Die Stadt zu seinen Füßen ist eine offene Wunde, die sich in der Nacht 
     schließt. Blut, Eiter und Schweiß sind in den grünen Fluß geflossen 
     und rekeln sich in den Lichtern der Großstadt. Seine Gedanken sind 
     die Vögel, die über dem Wasser durstige Kreise ziehen, und die Vögel, 
     die, frei von der Fähigkeit zu fliegen, zwischen den Parkbänken 
     einem vergeblichen Hunger frönen. Angeregt von gleichgültigen 
     Gesprächen und stets an der Kippe zum Mittelmaß, lustwandeln dort 
     die anderen und atmen die Luft ein, die er ausatmet. Er infiziert sie 
     mit der Suche nach Liebe in Form von Glück und beläßt sie im Glauben, 
     daß ihre fortschreitende Krankheit die Nähe des Ziels verheißt. 
     Über den Dächern der Stadt steht er, ein Abbild unendlicher und 
     abstoßend vollkommener Schönheit. Seine Augen sind voll von Meer, 
     seine Augen sind zwei Zimmer, in denen das Meer eingesperrt ist. 
     Auf meinem Weg sehe ich, daß die Bewohner der Stadt an einer 
     unsichtbaren Leine geführt werden, und wenn ich sie bis zu ihrem 
     Ursprung verfolge, begegne ich seinem Blick. Auf meinem Weg sehe 
     ich, daß es alles, woran die anderen denken, wirklich gibt, aus 
     Glas oder aus Samt. Ich sehe einen Radfahrer in den Fluß stürzen 
     und einen Hund einen Zweig seinem Herrn bringen. Eine Schaukel 
     pendelt, als wäre sie vor kurzem verlassen worden, und eine 
     Zypresse verdeckt den Flaggenmast über einem offiziellen Gebäude,
     so daß der Stoff, von niemandem gehalten, im Wind flattert. Die 
     Spiegelungen der Bäume im Wasser sind sumpffarbene Schatten, in 
     deren Duft ich den Geruch der baldigen Verwesung und der sicheren 
     Auferstehung erahne. 
     An der Ecke, wo eine Straßenbahn gerade einen Passanten überfahren 
     hätte, spielen schlafende Musikanten. Von hier aus erblicke ich 
     ihn hoch oben am Fenster und verirre mich in den Windungen seines 
     plötzlichen Lächelns. Meine über Jahrtausende hinweg angesammelte 
     Vernunft verliert sich in den Kurven seines violetten Gehirns. Er 
     hat mich kommen sehen, noch bevor ich mich auf den Weg zu ihm 
     gemacht hatte, und um zu ihm zu gelangen, werde ich eine schwarzweiße 
     Katze aus ihrem sonnigen Schlaf wecken und in Gedanken töten müssen. 
     Autos fahren auf der Brücke, und würden sie in die entgegengesetzte 
     Richtung fahren, würde es nichts ändern. 
     Die Straßenlampe, deren Existenz, wie die der anderen, auf die 
     Hälfte der Zeit beschränkt ist, sollte während der anderen Hälfte 
     dematerialisiert werden. Die Zeit ist ein Ergebnis seiner genauen 
     Gestik, und da er im Augenblick unbeweglich ist, steht sie still. 
     Er lehnt an seinem ungeheuerlichen Werk. Die Welt ist eine violette 
     Kugel, die an der Schnur in seinen Händen tanzt. Die Lichtsprenkel 
     auf den Blättern der Bäume sind Farbtupfen von seinem Pinsel. Jetzt 
     bin ich genau unter ihm, und sein Wohlwollen verdeckt den letzten 
     Sonnenstrahl für diesen Tag. Nur eine Wendeltreppe trennt mich von 
     seiner Anwesenheit. Wenn er mich morgen wieder in die Welt der 
     Lebenden entläßt, werde ich das als Mensch maskierte Werkzeug seines 
     Geistes sein, das ich schon heute sein will. Und da er seine 
     Phantasie nie verschwendet, werde ich das Produkt meiner eigenen sein.

                     DIE TAGE DES FREMDEN SCHÜTZEN


     Der Mann, den sie gerufen hatten, war jung. Mit sauberem Schritt 
     durchmaß er die fünf Räume und kam zu ihnen zurück. 
     Seine Augen hatten einen fremdartigen Schnitt.
     - Vier Tage brauche ich, sagte er.
     - Schneller geht es nicht?
     - Um einen Tag weniger als die Räume.
     Das Fenster war offen und mit Frühling verhangen. Er spürte den Duft 
     von Bäumen und staunte jedes Mal, wenn er auf die leere Straße 
     blickte. Wenn die Blumen irgendwo im Zimmer wuchsen, würde er sie 
     finden. 
     Der erste Raum war klein und rosa. Die Wände waren so weich, daß sie 
     die Fähigkeit, Schmerz zuzufügen, verloren hatten. Rückgratlose Möbel 
     luden ihn ein, bequem auf ihnen Platz zu nehmen. Er tat, als wurde 
     er die Teppiche übersehen, und verließ den Raum. Zu wenig Sonnenlicht 
     kam herein, als daß hier etwas wachsen könnte.
     Am zweiten Tag erschien die Frau.
     - Guten Tag. Kommen Sie voran?
     - Ich bin im zweiten Zimmer.
     - Welche zwei Räume gedenken Sie an einem Tag zu beenden?
     - Ich werde sehen.
     Seine Stimme war ein schmaler Pfad, den zu betreten sie versucht war. 
     Das Gestrüpp zerrte an ihren Händen, und die Brennessel hinterließ 
     auf ihnen fremdartige Narben.
     - Ich gehe ein Medikament holen, sagte sie. Bis morgen.
     - Auf Wiedersehen.
     Der Raum war maßlos hoch. Durch die verglaste Decke strömte Licht 
     herein und sammelte sich zu verspielten Strahlenbündeln. Er machte 
     einige verwirrte Schritte und hielt ein.
     - Ich tanze.
     Er durchquerte den Raum und hinterließ einen sich windenden Pfad aus 
     Freude. Er näherte sich dem Fenster. Auf der Straße standen keine 
     Bäume.
     - Im Tanz gibt es Schritte, die nur den Tänzer angehen.
     Das Zimmer war leer, und er beschloß, es für den nächsten Tag zu 
     lassen. 
     Als er kam, war sie schon dort und wartete.
     - Hat man Ihnen den Balkon schon gezeigt? 
     - Ich habe ihn noch nicht gesehen.
     Die Flügeltür aus dunklem Holz spaltete sich und öffnete sich von 
     selbst. Ein Flugzeug hatte im Himmel eine Wäscheleine hinterlassen. 
     Der Raum war in Rot gehalten.
     - Rot ist eine Lieblingsfarbe, sagte sie.
     - Ich werde mich beeilen müssen.
     - Warum?
     - Die Sonnenstrahlen haben den Winkel des fallenden Pfeils.
     - Tatsächlich.
     Der weite Saal hatte Wände aus rotem Samt und eine tief hängende 
     Decke, die er anzusehen vermied. Von der fernen Couch aus beobachtete 
     sie ihn bei der Arbeit.
     - Wissen Sie schon, welche zwei Räume Sie an einem Tag abschließen 
     werden?
     - Ich weiß es.
     - Welche?
     - Was glauben denn Sie?
     - Den vierten und den schwarzen. Stimmt das?
     - Sie werden sehen.
     Warme duftende Luft war in den Raum hineingekommen und zögerte, ob 
     sie bleiben sollte. Auf dem Geländer des Balkons hatte er sein Hemd 
     ausgebreitet. 
     Als er es anzog, begriff sie, daß der Tag zu Ende war.
     - Gehen Sie?
     Er beschloß, mit einem Lächeln zu antworten. In ihren Händen 
     erklangen eilige Schlüssel. Sie stellte sich vor die Tür.
     - Ich weiß mehr, als Sie vermuten, sagte sie.
     - Sie müssen alles, was Sie wissen, weit hinter sich lassen.
     Sie sah ihn an. Seine Augen hatten einen fremdartigen Schnitt.
     - Aber es tut weh, sagte sie.
     - Behalten Sie diesen Schmerz gut in Erinnerung.
     Im vierten Raum waren die Möbel aus den anderen Zimmern aufgetürmt. 
     Sie waren braun, schwarzbraun, und er begann zu weinen. Er weinte 
     bis zum Tagesende, als sie kamen. Durch die Tränen sah er ihr 
     Erstaunen.
     - Und den fünften Raum, machen Sie ihn morgen fertig?
     - Morgen kann ich nicht mehr kommen.
     - Aber Sie haben nicht alles beendet.
     - Jetzt ist das ohne Bedeutung.
     Ihr Blick begleitete ihn hinaus und kam dann zur Ansicht aus dem 
     Fenster zurück.

                           DIE FLUCHT


     In den ersten Tagen war der Raum, den er bewohnte, das Produkt aus 
     Feuchtigkeit mal Finsternis mal Furcht. Später hörte er das Wasser.
     Dann sah er es. Und schließlich spürte er es. Die Wände, mit antiker 
     Fäulnis verhangen, multiplizierten das Geräusch von rennenden Ratten. 
     Im immer schwarzen Schatten der Mauer kauerte sich ein Ausgang, durch 
     den eines Tages ein Mann erschien.
     - Ich habe den Ausgang als Eingang benützt, um dir auszurichten, daß 
     das Signal bald kommen wird.
     - Wie werde ich es erkennen?
     - Ich weiß nicht, aber Signale erkennt man immer. Was ist das für ein 
     Lärm?
     - Die Ratten rennen. Klingt wie die Schläge vom Zepter eines 
     Taubstummen.
     - Oder vom Stock eines Blinden! Und daß du den Ausgang nicht zweimal 
     verwendest. Für jeden ist ein Ausgang und ein Eingang da.
     - Ich weiß. Ich begleite dich hinaus.
     Am Ausgang blieb der Mann stehen.
     - Zögerst du, ob du nicht bleiben willst?
     - Nein, ich versuche mich einfach zu erinnern, ob ich den Ausgang 
     nicht schon einmal benutzt habe.
     - Kaum. Mach dir keine Sorgen. Nimm einige Hoffnungsschimmer für 
     unterwegs.
     - Danke. Wir sehen uns.
     Er ging zurück an seinen Platz. Die Worte des Gesprächs liefen an den 
     Falten der Fäulnis herunter. Es gelang ihm, einige mit dem Mund 
     aufzufangen, und ihr Saft reichte bis zu dem Tag, an dem etwas Neues 
     geschah. Er saß am Rand des Kanals, in tiefer Erwartung versunken, 
     als aus dem Wasser vor ihm eine Schlange auftauchte. Sie schluckte 
     sein Erstaunen und glitt stromabwärts. Nach einigen Stunden zeigte 
     sich am Ende des Tunnels eine zweite Schlange und zog in der Haltung 
     eines Rettungsrings an ihm vorbei. Vom Vergleich ermutigt, stellte 
     sein Gedanke schnell die Verbindung her.
     - Das Signal, dachte er. 
     Er stürzte zum Ausgang. Das Rennen der Ratten war ein Getrommel. 
     - Ob wir nicht zusammen fliehen?
     - Nein, nein, der Ausgang ist nicht für Menschen und Ratten, beeilte 
     sich der Gedanke.
     An der Schwelle stand in unbeschreiblicher Erwartung der freudige 
     Augenblick. Er wollte sich in seine Umarmung sinken lassen, als der 
     Gedanke ihn noch einmal zurückhielt.
     - Und was, wenn es nicht das Signal ist, und ich den Ausgang umsonst 
     verwende.
     Jetzt erschien eine dritte Schlange, und die Strömung, deren Ungeduld 
     gestiegen war, trieb sie ans Ufer.
     - Das Signal, das Signal! Fast hätte sie mich davongetragen!
     Er überrannte den Ausgang und fand sich auf dem Territorium der 
     getroffenen Abmachung. Der freudige Augenblick übergab ihn sofort 
     an den nächsten, und er sah sich von der Flucht umgeben, ohne zu 
     wissen, wie er dorthin geraten war. Er beruhigte sich, als er 
     bemerkte, daß er nicht allein war, und seine Ruhe verging, als er 
     feststellte, daß er die anderen nicht kannte. Sie flogen in einem 
     Korb, vor den statt einem Ballon eine Vogelschar eingespannt war. 
     Die Vögel schrien einander in einer fremden Sprache zu. Durch eine 
     Öffnung oben sah er die unaufhörlich schlagenden Flügel und atmete 
     ihre gewaltige Geschwindigkeit. Ein Blatt Papier fiel herab und 
     verdeckte die Öffnung, dann ein zweites und ein drittes. Neben ihm 
     fingen sie zu schreien an.
     - Man sieht nichts!
     - Gebt diese Blätter weg!
     Er streckte die Hand aus. Die Blätter klebten fest.
     - Es geht nicht!
     - Mit dem Messer geht es!
     - Nimm das Messer!
     Dunkelroter Kirschensaft strömte hervor und gab die Öffnung frei. 
     Die Geschwindigkeit ließ nach, und der Korb, der seine Flügel 
     offenbar verloren hatte, hielt in der Luft. Jetzt konnte er auf 
     seinem Grund eine Landschaft erkennen, die von einer romantischen 
     Dämmerung erleuchtet wurde. Einige Menschen, viel kleiner als die 
     anderen, lagen mit dem Gesicht zur Erde. 
     - Das sind die, die geschrien haben.
     - Vielleicht sollte ich versuchen zu fliehen, dachte er.
     Der Korb bewegte sich wieder.
     - Wir fahren los! Nimm sie schnell!
     Seine folgsame Hand ergriff die kleinen Menschen und legte sie an 
     die Stelle der unausgeführten Entscheidung. Mit einem Ruck setzte 
     sich der Korb in Bewegung, und die Schreie der Vögel erklangen 
     über ihm. Er sah, daß die Öffnung zugeflickt war. Nur ein 
     unscheinbar winziges Loch war geblieben, durch das sein Gedanke 
     entfloh.

                                DIE STRAßE


     Zuerst fiel es im nicht auf, daß die meisten Leute mit einem Ziel 
     vorwärtskamen. Dann, als ein Platz frei wurde, setzte er sich ans 
     Fenster und sah sie. Sie waren in der Brust getroffen, und der 
     Haken zog sie vorsichtig nach vorne. Träger dickflüssiger Harz 
     strömte auf dem Draht dahin zum Ende der Zeit.
     - Kommen wir bis um fünf an? fragte das Kind.
     - Jetzt ist es fünf, sagte die Mutter.
     - Wenn wir ankommen, wird es fünf sein?
     - Jetzt ist es schon fünf, und bis dann ist noch Zeit.
     - Wird es noch immer fünf sein, wenn wir ankommen?
     Sie fuhren durch einen durchsichtigen Wald. Hier jagten die 
     Straßenbahnen einander, und zwischen den Bäumen war ein Turm aus Glas.
     Er sah, wie der Aufzug zur Spitze stieg, an der der Draht sich 
     schamlos entblößte. In dem flimmernden Ende am Rand zum Raum erkannte 
     er den Anfang des Wissens, das alles verursachte. Das Wissen strömte 
     auf dem Draht dahin, der durch die Nadelöhre der höchsten Türme 
     gezogen war. Jene, die die Spitze erreicht hatten, verschlangen es 
     mit teuflischen Augen. Als sie wieder zum Weg zurückfanden, fiel 
     ihm ein, daß er sein Gepäck an der Haltestelle vergessen hatte. 
     Und er stieg aus.
     Sein Gepäck war dort, auf der gegenüberliegenden Seite. Die Gleise 
     glitzerten belebt. Er benutzte die Unterführung. Er hatte den 
     falschen Ausgang gewählt, und die Haltestelle war weit weg. Er 
     ging noch einmal hinunter und hinauf. 
     Die Luft glühte. Vor ihm lag ein ausgetrocknetes Flußbett, das von 
     Spuren riesiger Räder durchfurcht war. Der Luftraum war mit Drahten 
     gefüllt. Eingeklemmt zwischen zwei Meerfelsen, drehte sich das Rad, 
     um das die Drahte sich wanden. Der Lebenssaft ergoß sich in seine 
     Speichen. Da bemerkte er die Wunde in seiner Brust.
     Von der eigenen Drehung benommen, ging das Rad langsam im Meer unter.

                         900 TAG DER VERBANNUNG


     Draußen vor meiner Schwelle ist die Sonne. Das Sonnenlicht ist 
     glänzendes Papier, mit dem die Straßen und Häuser beklebt sind. 
     Äußerst zerbrechlich ist die Linie der Dächer dort, wo sie die 
     bläuliche Luft berühren. An diesem Tag haben die Bäume keinen 
     Schatten. 
     Für die Zeit eines Mondes wird sich alles ändern.
     Die Erinnerung wird aus meinem Gedächtnis in die Kreise der Höhensonne 
     aufsteigen. Der Wind wird einen Gürtel aus Staub um sie legen und sie 
     fortreißen in eine andere Gegend.
     Das Stimmengewirr, das meinen Verstand bewölkt, wird abklingen und 
     sich mit dem Traum der letzten Nacht vermengen, den ich vergessen 
     habe.
     Selbst das Vergessen wird sich in den Kreisen auflösen, den der Wind 
     um meine Sonne zieht. Ich werde nichts vergessen, weil es nichts 
     gibt, das ich vergessen könnte.
     Denn nichts ist passiert.
     Ich bin der Gefangene meiner nie begangenen Tat. Meine Kette ist ein 
     Reigen aus Sandkörnern. Meine Gitterstäbe sind die einmal nahenden, 
     einmal weichenden Linien des Horizonts. Alles hier gehört mir.
     Mein ist das weite Land der Erwartung, die kein Ende hat. Mein Kerker 
     hält eine Form des Glücks für mich bereit, von der jene, die mich 
     wissentlich bestrafen, nie kosten, und jene, die mich unwissentlich 
     bestrafen, nicht einmal erfahren werden. Es ist das Glück abseits von 
     Geduld und Ungeduld. Es ist die Unmöglichkeit der Erfüllung eines 
     einzigen meiner Wünsche und die Einsicht in die Notwendigkeit dieser 
     Unmöglichkeit, die mich so unerreichbar glücklich machen.
     Und dann, als letztes Geschenk für mein preisendes Lied, die Freiheit. 
     Sie, die Umkehrung ihrer selbst, ist unendlich und unverhofft wie 
     alles, das mich umgibt. Ich werde immer hier sein und bin nie 
     woanders gewesen. Der Wind trägt meine Worte fort.

                      DIE FARBE DER ROTEN RINGE


     Die Wand hat die Farbe hoher weißer Kerzen. An ihr hängt ein roter 
     Ring. Wäre nicht die Wand, würden weiße Mäuse durch ihn schlüpfen 
     und sein Zimmer sehen, das keiner sieht. Ich stehe am Fenster, ein 
     Schatten hinter dem Vorhang, und blicke auf die Straße hinab. Dort 
     unten sind seine Kunden. Denn er erfindet Gründe. 
     Von dem Eckhaus, das keiner kennt, sieht er sie kommen, und auch 
     wenn er ihre Worte nicht hören kann, weiß er, daß es seine Worte 
     sind. Ihre Gesichter sind so ähnlich, daß sie gleich sind, wenn 
     sie im Türrahmen erscheinen, nachdem sie die Treppe erstiegen 
     haben so leise wie nur möglich, aber nicht leise genug für mich. 
     Gesichter von Leuten, die gekommen sind, eine kleine Lüge gegen 
     viel Geld einzutauschen oder gegen ein wenig Kleingeld eine ganze 
     Rettung. Ob man sein Haus verkauft oder eine Hochzeit absagt bei 
     Morgengrauen, für alles braucht man einen Grund. Die Gründe sind 
     viele, viel mehr als alle Morgen, an denen ich das der Sonne 
     gegebene Versprechen gehalten habe, ihr bei ihrem Aufgang 
     Gesellschaft zu leisten. Aber was gäbe ich darum, den einzigen 
     Grund zu finden, den ich selbst brauche, und dann auf die Straße 
     zu treten.
     So aber stehe ich hinter dem Vorhang, und hinter mir an der Wand 
     hängt der rote Ring, wie er einst in der Luft hing. Die Luft konnte 
     durch ihn schlüpfen und er durch sie, und es entstand die vollendete 
     Bewegung, die allen gefiel. Und ich erfreute mich an der Freude der 
     anderen, bis etwas geschah, das ich nicht kenne, und das der Grund 
     war dafür, daß ich den roten Ring an die Wand hängte. Dort hängt er 
     nun, und das Licht der Kerzen am Boden weist mir den Weg.
     Doch still. Ich höre Schritte. 
     Wer wird es diesmal sein.

                             REGEN


     - Und ich begann, sie zu lieben. Und den Schmerz zu lieben, denn sie 
     mir zufügte.
     - Den Schmerz kenne ich nicht.
     - Der Schmerz ist ein Messer, das sich in deinem Herz bohrt und um 
     die eigene Achse dreht. Seine Breitseite schabt die frische Wunde 
     aus, bis sie einem neuen Fischernetz gleicht. 
     In ihm verfangen sich die letzten lebendigen Gefühle, und dort trifft 
     sie die Spitze mit der Unfehlbarkeit eines scharfen Wortes. Der 
     Schmerz tanzt im Bauch, daß die Gedärme aufheulen. Er zerreißt den 
     Verstand, und die Erinnerungen zerstreuen sich wie die Boote bei 
     Sonnenaufgang. Nun bestand ich ganz aus Schmerz, denn der Schmerz 
     war überall. Und der Schmerz war nirgends, denn nichts war von mir 
     geblieben außer einer Hülse für das Messer.
     - Und dann.
     - Dann begann ich den Schmerz mehr zu lieben als sie.
     - Auch ich will den Schmerz.
     - Wenn du es willst, wirst du alles finden, wonach du verlangst. 
     Eines nach dem anderen, wenn du es verdienst. Sobald du es verdienst.
     - Und wenn ich mir einen warmen Abend wünsche, an dem ich durch einen 
     voll erblühten Wald gehe, allein?
     - Dann wirst du ihn bekommen.
     - Ich wünsche auch, zu lieben und geliebt zu werden.
     - Ich werde dich in einen Lufthauch verwandeln oder in einen 
     Wassertropfen, der nur aus Liebe besteht.
     - Geliebt zu werden!
     - Es genügt zu lieben, für den Anfang.
     - Ich dachte, es muß gleichzeitig kommen.
     - Du wirst geliebt werden. Ich sage dir, für den Anfang genügt es zu 
     lieben.
     - Ich liebe. Jeden Augenblick.
     - Ich werde dich verwandeln. Du wirst ganz Liebe sein, nicht Zeit.
                         
                              LEMBERG


     Ist es dieser Herbst aus zerstreuten Blättern oder die erste 
     Feuchtigkeit auf den unebenen Straßen, die in mir jenes letzte Gefühl 
     erweckt, mit dem ich weggefahren bin, bewußtlos von seiner 
     zerbrechlichen Schönheit.
     Oder ist es dieses Zimmer, in dem die Elemente meiner Seele 
     ausgestellt sind, die hier kristallisieren wie in jenem Zimmer, in 
     dem die Einsamkeit einen Sinn hat, das mich zurückbringt, wohin ich 
     nicht mehr zurückkehren werde.
     Sie selbst hat mir erlaubt, mich ihm zu nähern, dem Unnahbaren, 
     Unverständlichen und grenzenlos Entblößten, der zum Maß für alle 
     anderen Männer wurde, in der herbstlichen, immer herbstlichen Stadt 
     an der Grenze zum Nichtsein.
     Erfundene kleine Stadt, aus schwangerem Irrsinn geboren, noch immer 
     benommen von der Erwartung des Unerträglichen, kleine Stadt, die 
     sich nie selbst bemitleidet und schon deshalb phantastisch ist und 
     jenseits. Für immer bin ich verfangen im Anblick der stillstehenden 
     Straßen, was sage ich, ich komme aus der Vergangenheit, um ihn 
     wieder in mich aufzunehmen, um ihn zuzulassen wie den Liebhaber 
     von der Ecke, an der er steht und bettelt.
     Irgendwo ist das Tagebuch meiner Aufenthalte verschwunden, die 
     Chronologie der wahnwitzigen Begegnungen, der Türen öffnenden Leute, 
     der Versuche, sie bis zum Ende zu beschreiben, sie in einen 
     Tintenfleck zu ergießen.
     Namenloses Bedürfnis nach dem Pflaster, auf das ich meinen Schritt 
     setze, nach der Luft, aus der ich den Saft verregneter Blätter 
     trinke, nach dem Raum zwischen zwei Ecken, wo ich auf den 
     Spaziergänger mit dem geisterhaften Blick stoße.
     Mein Unnachahmlicher, niemand ist so ungehorsam und verlassen wie du, 
     niemand ist so wortlos gekreuzigt an dem Punkt, an dem sich der 
     Körper, der Raum ist, mit dem Geist, der Zeit ist, kreuzt.
     Ich sehne mich danach, deine Nähe zu spüren im Vorraum der Hölle und 
     zu sehen, wie im Morgennebel sich die Silhouette des altertümlichen 
     Bahnhofs erhebt, an dem niemand aus einer solchen Ferne ankommt wie 
     ich.

                     DAS ENDE EINES SOMMERS


     Er mischt sich die Farben selbst an. 
     Die blaue Farbe ist ihm bis zum Horizont ausgeronnen. 
     Dort, wo sie seine Füße noch berührt, ist sie durchsichtig. 
     Sobald sie ihre Durchsichtigkeit verliert, gewinnt sie einen goldenen 
     Schimmer.
     Dann wird das Blau dunkler, und smaragdenes Grün kommt dazu. 
     In der Tiefe fließt Rot in das Wasser und färbt es violett. 
     Als es schwarz wird, entzieht es  sich  seinem Blick. 
     Die  Wasserfläche wiegt sich in der leichten Brise. 
     Das Plätschern ist gleichmäßig wie der Atem eines Schlafenden. 
     Eine einzelne Möwe kreist im Licht des späten Nachmittags. 
     Aus ihrer Höhe sieht das Meer wie die Pupille eines blauäugigen Wals 
     aus. 
     Sie späht zum Strandgut, das die Ebbe offengelegt und zurückgelassen 
     hat. 
     Glitzernde Muscheln, farbige Steine, gläserne Salzkörner und tote 
     Krabben liegen im Sand. 
     Die Flut hat begonnen, sie zu sich zu holen, und nach und nach 
     ergeben sie sich ihr. 
     Auf ihnen ausgestreckt schläft ein Mann. 
     Ein Schrei der Möwe würde ihn wecken. 
     Andere Möwen haben das Ufer mit ihren kreuzförmigen Zeichen übersät. 
     Das Wasser greift um sich und zieht das Land in sich hinein.
     Schon ist der muschelbedeckte Sandstreifen verschwunden. 
     Das Meer kriecht an den Schlafenden heran und wagt eine erste 
     Liebkosung.
     Langsam tastet es sich zu ihm vor, bis es ihn umzingelt hat. 
     Die Möwe wartet ab, bis sich das Wasser als Decke über ihn legt. 
     Dann wendet sie mit Kreischen nach Osten.
     Wenn er aufwacht, wird alles um ihn herum blau sein.

                              NACHT


     - Was bietest du dafür?
     - Ich werde es dir zeigen. 
     Die Frau zog eine Schachtel hervor.
     - Stücke von einem Herzen, sagte die andere.
     - Von meinem. Ich hatte sie an andere vergeben.
     - Sie gehören anderen.
     - Sie haben anderen gehört. Jetzt ist alles für ihn. Er wird es nicht 
     ablehnen können.
     - Er wird es auch nicht annehmen.
     - Ich habe sie von den anderen eingesammelt.
     - Gib sie den anderen zurück.
     - Jetzt brauche ich sie ohnehin nicht mehr.
     Zwei schwarzweiße Katzen lagen neben ihnen. Die eine wiederholte die 
     Bewegungen der anderen spiegelverkehrt. Als die Frau aufstand, stellte 
     sich die andere vor sie hin.
     - Wenn du ihn willst, biete ihm nicht dein Herz. Biete ihm ein Stück 
     von dir, das du nie angeboten hast. Gib ihm, was niemand in dir 
     kennt, und das nur bei großer Gefahr erscheint oder bei großer Liebe. 
     Es ist das verkehrte Spiegelbild von dem, was du in dir kennst, und 
     von dem du glaubst, daß es du bist. Gib es ihm, und er wird dir 
     gehören, was nichts anderes ist, als daß er dir erlaubt, ihm zu 
     gehören.
     - Wird er annehmen?
     - Er wird nicht ablehnen können.
     Die Frau entfernte sich. Allein geblieben, wandte sich die andere um.




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