HINTER DEN ÄSTEN
Hinter den Ästen des Baumes sieht man ein gelbes Haus.
Dort habe ich früher gelebt, als die Möwen, die an mein Fenster
prallen, noch ungelegte Eier waren, und dort wohne ich heute noch.
Die Äste sind dürr, nicht weil es Herbst ist, sondern weil der Baum
schwach ist und stirbt.
Immer, wenn der Tag beginnt, steige ich die Stufen hinab, vorsichtig,
denn sie sind in Stein gehauen, und unten plätschert das Meer.
Ich komme bis zu den Felsen, an denen die Wellen sich brechen, und
stelle die Eimer neben mir ab.
Diese Fluten, mit welch hochmütiger Macht sie sich mir nähern, und
wie ängstlich sie zurückweichen.
Wie sie nach mir greifen, und wie sie dann verzichten.
Ich sitze ganz still, ich bin unsichtbar.
So wie ich da knie, bin ich nicht anders als eine Muschel, die ihre
hornige Hülle in einer Liebesnacht verloren hat.
Ihr denkt doch nicht an Selbstmord, wenn ihr mich so an einem
glitschigen Felsen hocken seht, bereit, ein Stück Schaum zu werden.
Nein, dazu nehme ich keine Eimer mit.
Die Eimer nehme ich mit, weil ich darin den Kot der Möwen sammle.
Herrliche Vögel, deren Schreie meine Gedanken zerfetzen, deren Kot
wie warmer Hagel auf die Steine tropft.
In den Rissen, in den winzigen Höhlen und im Moos, dessen Grün meine
Augen vergiftet, häuft er sich, und dorthin schnellen meine Finger.
Was ich nicht bekommen kann, spülen die Wellen weg.
Gefährlich, meint ihr.
Das glaube ich nicht.
Meine Füße sind Flossen, meine Arme Flügel, in mir ist keine Angst.
Ich habe so oft dagestanden, ich habe diesen Ort so oft mit vollen
Eimern verlassen, daß ich zu begreifen beginne. Nicht umsonst flattern
die Wassersprühen an mir vorbei und holen sich einen Mundvoll heißen
Kot,in dem noch der letzte Flügelschlag bebt. Nicht mich wollen die
Wellen. Mich würden sie zurückgeben, wenn ich zufällig mitginge. In
mir bebt nichts, nicht einmal die Erinnerung an eine unglückliche
Liebe oder an einen Einkaufsbummel.
Mit einem Kopf, der toll ist vom Wein, und mit zwei schweren Eimern
klettere ich hinauf und verharre einen Augenblick lang, um euch die
letzten Stücke meiner Geschichte zum Fraß vorzuwerfen.
Ich werde euch sagen, daß ich den Vogeldung den Bauern bringe, deren
Häuser auf dem Weg ins Landesinnere stehen.
Oder ich nehme euch an der Hand und führe euch die Stufen hinauf zum
Anfang meiner Erzählung. Ich locke eure Aufmerksamkeit in das gelbe
Haus, dessen Türklinke unter meiner Hand erschauert, dessen
Fensterläden gegen die Wand schlagen wie aufflackernde Lichter.
Und Angst umspielt euer Herz, genug, um euch weiszumachen, das gelbe
Haus sei eine Irrenanstalt, und ich, der ich dort wohne, ihr wißt
schon. Nun ist aber nichts ganz so, wie man es sich vorstellt, und
ein sonniger Tag kann durchaus ein Gewitter gebären.
Und es legt sich ein Nebel zwischen euch und mir und meiner kostbaren
Last.
GESPRÄCH AUF DER TREPPE
In der blendenden Landschaft war die Treppe der einzige Gegenstand
aus gelbem Glas. Der Horizont war eine schmale Schnur in den Händen
der beiden, die sich trafen. Über ihnen kreiste ein Gespräch.
Die Schnur legte die Person, die den Fehler beging, auf die Stufe
neben sich.
Von Anfang an war es ein Fehler, sich auf diese Stufe zu setzen.
Ein begangener Fehler kann nicht ohne weiteres rückgängig gemacht
werden.
Der Fehler war ein Irrtum.
Die Stufe war eine Lüge.
Im Augenblick der Begegnung ließ sich das Gespräch müde auf die
Stufen herab.
- Die Stufen führen hinauf und hinunter. Oben ist der Weg und unten
sein Ende. Man sieht, Sie kommen von weit her.
- Ich bin müde.
- Wer müde ist, verharrt zu lange auf den Stufen. Keine Kraft schleppt
ihn hinauf und zurück zum Punkt, wo der Fehler begann.
- Hinunter geht es leichter.
- Nein, so leicht geht es nicht oder doch! Seit es mich gibt, warte
ich hier auf Sie. Ich kann Fehler, die die anderen begehen, wieder
rückgängig machen.
- Ich habe mich auf die Stufe gesetzt, um mich auszuruhen.
- Die Stufe ist die Ruhe, die Lüge ist.
- Können Sie Fehler, die die anderen begehen, auch verstehen?
- Nein, ich kann sie nur rückgängig machen.
- Ich habe mich hierher gesetzt, als ich Sie gesehen habe. Ich wäre
schon damit zufrieden, daß Sie den Fehler verstehen, und würde
weitergehen. Oben ist der Weg.
- Verstehen kann ich die Fehler nicht. Ich habe auf Sie gewartet, um
den Fehler rückgängig zu machen.
- Sie sehen, das nützt mir nichts. Ein Fehler kann nicht ohne weiteres
rückgängig gemacht werden. Warten Sie an einem anderen Ort.
- Ich hatte gedacht, diese Stufen sind es, zu denen die anderen kommen,
deren Fehler ich rückgängig machen soll. Ich habe also immer am
falschen Ort gewartet.
- Ja, sieht so aus. Gehen Sie und lassen Sie mich meinen Fehler in
Ruhe begehen.
- Dann viel Glück. Auf Wiedersehen.
Die Person, die den Fehler beging, hatte sich auf die Stufe gesetzt,
um das Beschlossene zu vermeiden und das Unvermeidliche zu begehen.
So gesehen, war es kein Fehler, ein Irrtum aber war es doch.
Und die Stufe war keine Ruhe, sondern nur Lüge.
Die Antworten waren gedacht und der Zuschauer erfunden.
Nur die Schnur war echt.
RITT DURCH EINEN NÄCHTLICHEN WALD
Die Person, die ihre Meinung sagte, stand am Waldrand und wartete
auf jemanden, der sie durch den Wald begleiten würde. Gegenüber
auf den fernen Hügeln leuchteten die Häuser weiß. Da trat jemand
in das Licht des Mondes.
- Du bist es.
- Ja.
- Ich habe dich nicht kommen sehen. Mußt du auch durch den Wald?
- Ja.
- Dann können wir zusammen gehen.
- Ja.
- Bist du auf dem Weg in die Stadt?
- Ja, ich habe dort geschäftlich zu tun.
- Ich besuche meine Freunde, die am anderen Ende des Waldes leben.
Sie erwarten mich schon, denke ich.
- Ja. Hast du ein Messer dabei?
- Nein. Hast du etwa eins?
- Ja, ich bin ja geschäftlich unterwegs.
Die Person, die ihre Meinung sagte, und die andere, die immer ja
sagte und ein Messer bei sich trug, kamen voran. Die Person, die
ihre Meinung sagte, dachte, daß sie sich mit jedem Augenblick mehr
von den weiß erleuchteten Häusern entfernte, andererseits aber dem
Haus ihrer Freunde näher kam.
Die andere Person dachte dasselbe.
- Ich habe an meine Freunde gedacht und daran, daß sie sich schon
Sorgen machen werden.
- Warum sollten sie?
- Sie warten schon lange, ich habe viel Zeit am Waldrand verloren.
Woran hast du gedacht?
- Daran, was ich zu tun habe.
- Mußt du es tun?
- Ja.
- Mußt du es hier tun?
- Ja.
- Warum mußt du es tun?
- Willst du meine Meinung hören?
- Ja.
- Du bist die Person, die ihre Meinung sagt.
Die Person, die ihre Meinung sagte, und die andere, die gerade ihre
Meinung gesagt hatte, gingen nicht mehr lange nebeneinander. Der
Wald wurde dunkler, und es ist schwer zu sagen, ob die eine Person
im Wald blieb, wahrend die andere ihren Weg in die Stadt fortsetzte,
oder ob die eine zu ihren Freunden gelangte, wahrend die andere im
Wald blieb, oder ob sie beide im Wald blieben. Wer weiß schon, was
in einem nächtlichen Wald geschieht, wann die Angst begründet ist,
und wann nicht.
GRÜN
Sie stiegen weiter hinauf. Sie ließen das Grün unter sich.
- Wir lassen das Grün unter uns.
- Natürlich. Es ist heiß.
- Heißer, als ich gedacht habe. Wie lange kann es noch dauern?
- Schwer zu sagen.
- Es geht so langsam.
- Du mußt den Boden mit den Füßen treten. Du mußt die Erde mit den
Füßen wegstoßen.
Er war als Begleitung gekommen.
Der andere war hier gewesen und kannte die Gegend.
- Erkennst du etwas wieder?
- Ja, ich erkenne die Gegend.
- Woran erkennen wir ihn, wenn wir ihn gefunden haben.
- Manchmal ist er von der anderen Seite zu sehen.
- Nur daran?
- Das genügt.
- Wir gehen schon lange.
- Denkst du, er ist so einfach zu finden.
- Was denkst du, wie lange noch.
- Nicht mehr lange, würde ich sagen.
- Das sagst du die ganze Zeit.
- Es stimmt auch. Wir kommen immer näher.
Die Sonne begann unterzugehen.
Ihre Farben waren rot und gelb, und er wurde wieder fröhlich.
- Wenn ich es mir überlege, so ein Sonnenuntergang ist etwas sehr
Schönes.
- Freut mich, sagte der andere.
- Und diese welligen Hügel.
- Sie sind schön.
- Der Himmel, von einem so tiefen Blau.
- Weil es Nacht wird.
Als der Wald in seiner Dunkelheit laut wurde, fanden sie einen dritten.
Er saß an einer Feuerstelle. Als er sie sah, stand er auf und nahm
ihre freudige Begrüßung entgegen.
- Guten Abend. Ist da noch frei?
- Das Feuer gehört allen.
Sie setzten sich neben ihn, und er richtete einige freundliche
Fragen an ihn.
Der andere begann, das Proviant auszupacken.
2
- Sind Sie schon lange da?
- Seit einigen Nächten.
- Kennen Sie die Gegend?
- Wie meine Westentasche, sagte der dritte und zeigte auf eine kleine
Tasche, in der sich drei dunkelgrüne Käfer verborgen hielten.
- Sind sie die ganze Zeit allein gewesen?
- Nein, ich hatte einen Begleiter. Er ist dann gegangen. Aber auch
jetzt bin ich nicht allein, wie Sie sehen. Er schmunzelte.
- Wissen Sie, was weiter oben ist?
- Nein. Aber unten ist das Ufer.
- Der Fluß. Wir haben ihn gesehen, als wir hinaufstiegen.
- Ja.
Sie aßen schweigend. Als sie fertig waren, zündete der dritte sich
eine Pfeife an und wandte sich an den anderen.
- Sind Sie auf Ihrer Wanderung schon am Dorf vorbeigekommen?
- Nein. Warum fragen Sie? fragte der andere.
- Ich frage, weil Geschichten im Umlauf sind.
- Was zum Beispiel? Wir haben nichts gehört.
- Daß man ihn übersehen kann, zum Beispiel.
- Natürlich, sonst könnte jeder hin.
- Und daß ihn bis jetzt keiner gesehen hat.
- Kein Wunder. Er ist mit Gras bewachsen.
- Vielleicht ist er das. Vielleicht aber auch nicht.
- Was meinen Sie?
- Daß es ihn vielleicht nicht gibt.
- Unsinn. Jemand muß ihn gesehen haben. Woher wüßten wir sonst, daß
es ihn gibt.
- Sie träumen.
- Ich wünschte, das wäre so. Ich habe schon so lange nicht geträumt.
Der andere stand auf und entfernte sich einige Schritte. Er suchte
eine Stelle zum Schlafen. Er beobachtete, wie er das Laub auseinander
schob, und rückte dann zum dritten näher.
- Aber Sie kennen doch den Weg dorthin, oder? fragte er nach.
- Der Weg ist etwas anderes. Daß ich den Weg kenne, bedeutet nicht,
daß es das Ziel gibt.
- Sagen Sie mir, was Sie wissen. Es ist sehr wichtig für mich.
- Sagen Sie, junger Freund, glauben Sie etwa daran?
- Ich glaube daran. Aber es ist schon viel Zeit vergangen.
Der andere war eingeschlafen. Durch den Schlaf hörte er die Geräusche
des Waldes.
Der dritte legte Holz nach.
3
- Zuerst müssen Sie den Weg kennen.
- Den kennen Sie.
- Gut. Dann müssen Sie den Weg messen.
- Was ist daran so schwer.
- Man muß einen Teil des Weges mit der eigenen Körperlänge abmessen.
- Auch wenn man hinaufsteigt?
- Gerade wenn man hinaufsteigt.
- Ich bin überrascht. Das habe ich nicht gewußt.
- Man muß überall etwas zurücklassen, verstehen Sie. Ohne das geht
gar nichts.
- Was wir schon alles zurückgelassen haben. Wenn ich das gewußt hätte.
Die Nacht war ausgegangen. Keiner von ihnen hatte geschlafen. Er war
nicht sicher.
- Ich bin nicht sicher. Vielleicht haben Sie Ihre Gründe, so wie er.
- Ich bitte Sie. Das ist ein Scherz.
- Auch ich muß irgendwohin gehen.
- Gehen Sie zum Fluß. Dort werden Sie etwas finden.
- Was werde ich dort finden?
- Finden. Genügt es nicht zu finden?
Der Morgen graute. Der andere wachte auf und streckte sich. Er lachte.
- Ich habe geträumt, sagte er. Hier ist Zucker zum Feiern. Ich habe
etwas geträumt.
- Kein Wunder, du warst auch eingeschlafen.
- Tatsächlich? War ich vorhin eingeschlafen? wandte er sich an den
dritten.
- Ja, sagte der dritte dienstbeflissen.
- Dann haben wir Zeit verloren und müssen jetzt gehen.
- Außer Sie wollen noch Zucker.
- Wir müssen hinauf.
- Wenn ihr wollt, führe ich euch.
- Nichts zu machen.
An der Lichtung blieb der dritte allein zurück und wärmte sich die
Hände am Feuer.
Sie gingen auf Wegen aus Harz. Dann gelangten sie nach oben.
Oben ging der Wind. Von oben übersahen sie die Ebene.
Die Sonne war schon da.
- Da wären wir also, sagte er und sah den anderen an.
- Ja, wenigstens sind wir jetzt oben.
- Von hier aus müßten wir ihn sehen, oder?
- Mal sehen.
Sie spürten, wie die Sonne stärker wurde. Die Hügel hatten auch
Schattenseiten.
4
- Wolken, ein Band, das der Fluß durch die Ebene zieht, und Hügel.
Ist es das?
- Er sieht wie ein Hügel aus. Wir müssen genau hinsehen.
- Ich sehe nichts. Siehst du etwas?
- Nein, sagte der andere. Ich sehe nichts, weil ich zu Boden blicke.
- Weil es nichts zu sehen gibt?
- Schau dir diesen Herbst an. Womit haben wir diesen schönen Herbst
verdient?
- Bitte, lenk mich nicht ab.
- Ich bin sicher, er ist irgendwo in der Nähe. Vielleicht genau vor
unseren Augen.
- Das ist ein Scherz.
- Glaubst du mir oder ihm?
- Du hast gescherzt.
Die Erde war feucht. Der andere versuchte, ihm in die Augen zu blicken.
- Ich habe gescherzt, damit es nicht langweilig wird, sagte der andere.
Wirst du jetzt gehen?
- Ich gehe zum Fluß.
- Auch ich muß irgendwohin gehen.
- Geh nach Hause. Geh schlafen.
Er wandte sich zum Gehen. Er sah die Augen des anderen. Was er sah,
bevor er ging, waren die Augen des anderen. Er ging den ganzen Tag.
Als die Nacht dann anbrach, legte sich der Wind.
Im seichten Wasser fand er aus Ton Figuren fremder Götter.
In Finsternis getaucht, war der Raum nur eine Farbe.
MASKEN
- Sie tragen Masken.
- Ihre Kleider sind schwarz.
- Komm und schau sie an.
- Was soll ich sie anschauen.
- Komm und schau.
Der Innenhof füllte sich.
Einige saßen auf den Gitterstäben.
Ein großer Mann mit gelbem Anzug bewegte sich in der Menge.
- Aufgepaßt! rief er immer wieder.
Seine Stimme war laut.
- Nicht zu früh anfangen!
Ein junger Mann mit früh ergrautem Haar löste sich von den anderen
und trat auf ihn zu.
- Wann können wir anfangen, Bartolo? fragte er weich.
Wir haben alle Hunger.
- Ich habe auch nichts gegessen.
- Das ist etwas anderes. Du arbeitest nicht.
Der Gelbe antwortete nicht.
Der junge Mann ging zu den anderen zurück.
Man sah, wie er ihnen das Gespräch mit vielen Gesten nacherzählte.
- Ich weiß, was du sagst, Maske! rief ihm der Gelbe zu.
Ohne dich zu hören, weiß ich, was du sagst. Siehst du auch mein
höhnisches Lächeln?
Als die anderen sein Lächeln sahen, stellten sie sich in zwei Reihen
auf. Sie trugen Koffer und blickten in die gleiche Richtung.
Da entstand am Ende des Hofes Tumult. Jemand bahnte sich den Weg
durch die Zuschauermenge.
Es war ein Fremder, der eine schwarze Uniform trug, aber keine Maske
hatte.
Der Fremde fuchtelte mit den Armen herum. Er war unbeherrscht.
- Was soll das! Was wird hier gespielt!
- Eine Vorstellung.
Der Gelbe antwortete ihm.
- Was für eine Vorstellung, wessen Vorstellung? Deine Vorstellung?
- Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
Die Augen des Fremden füllten sich mit listigem Mißtrauen. Er
betrachtete den Gelben aus den Augenwinkeln und näherte sich ihm.
- Ich werde dir etwas verraten, nur weil du es bist. Auch ich habe
eine Vorstellung.
- Wirklich.
2
Der Gelbe setzte ein spöttisches Lächeln auf. Aus der Ferne
beobachtete der junge ergraute Mann jede Veränderung in seinem
Gesicht.
- Ja. Ich stelle mir vor, ich bin ein Haus auf einer Klippe, unter
der ich das Meer vermute.
- Und was tust du dort?
- Ich blicke in das Wasser, auf dessen tiefem Grund eine andere Erde
ruht.
Der Gelbe sah ihn überrascht an. Seine Augen füllten sich mit Tränen.
Er suchte nach einem Taschentuch.
- Du hast dich verstellt, sagte er. Ich habe dich nicht erkannt.
- Rote Erde. Die rote Erde der Insel.
- Laß das jetzt. Komm und schau sie dir an.
- Was soll ich sie mir anschauen.
- Bist du beleidigt?
- Nein, nur traurig. Unsäglich traurig.
Die anderen streckten jetzt ihre Körper durch.
Sie machten einen Schritt vorwärts und auf die Seite.
Ihre Koffer waren alt und schwer von vielen Verstellungen.
- Von vielen Vorstellungen, scherzte der Fremde. Er saß im Türkensitz
auf dem Boden.
- Still, man muß ihre Absätze aufschlagen hören.
Die anderen bewegten sich geschlossen von einer Ecke des Hofes zur
anderen. In der Mitte blieben sie stehen und türmten ihre Koffer
aufeinander. Sie bauten einen Grabhügel aus längst vergessener Zeit.
Ein Schrei ertönte. Sie ließen ihre Koffer stehen und mischten sich
unter die Zuschauer.
Drei blieben zurück und knieten nieder.
Sie versanken in eine befremdende Anbetung.
Die schwarzen Koffer zogen die Sonnenstrahlen an.
Dann erhob sich einer von den dreien und begann, den Hügel zu
erklimmen. Er war steil, und manchmal rollten Gesteinsbrocken
hinunter.
Die Hitze hatte ihren Höhepunkt erreicht. Die beiden anderen krochen
ihm hinterher und holten ihn langsam ein.
Oben angelangt, kauerten sie auf den Koffern.
Die Landschaft, die sie umgab, war von der Sonne verbrannt und karg
bewachsen.
Kein Lebewesen war in Sicht, und die wenigen Behausungen waren bis
auf den ersten Grundstein zerstört. Da bemerkte der erste, daß er
unterwegs sein Messer verloren hatte, und sah die anderen wütend an.
Diese blickten wütend zurück.
Aus dem Inneren des Hügels kam Trommelgewirbel auf. Jemand aus der
Menge richtete einen Spiegel auf den höchsten Stein, und die
reflektierten Strahlen lösten einen Brand aus. Zuerst floh der erste,
darauf der zweite und dann der dritte.
Sofort erlosch der Brand, und anstelle der Flammen erschien eine
Flagge, auf der stand:
3
Hätte man die private Tragödie jedes einzelnen Teilnehmers gekannt,
hätte man verstehen können, warum sie sich trafen und warum sie
in so böser Ausgelassenheit auseinanderstoben.
Die Zuschauer sahen einander fragend an und brachen in Applaus aus.
Die anderen nahmen die Masken ab, putzten sie und spazierten
entspannt umher.
Der Mann, der sein Messer verloren hatte, wandte sich an den anderen.
- Adabi, wo ist mein Messer wirklich geblieben?
- Bin ich deine Mutter? Ich weiß nicht.
- Hast du es nicht genommen?
- Wozu sollte ich dein altes Messer nehmen?
- Wer sonst sollte es nehmen?
- Weiß ich's? Einer von den anderen.
Der Mann ging zur Seite und begann, bitterlich zu weinen.
Die Zuschauer wurden auf ihn aufmerksam.
Der Gelbe, der verschwunden war, tauchte wieder auf.
- Nicht zu früh anfangen, hab' ich gesagt. Hört ihr schlecht?
- Du siehst schlecht. Siehst du nicht, wie er weint.
Er sah jetzt den Weinenden genauer an.
Der gelbe Anzug war zerknittert und ausgebeult.
Man sah ihm an, daß er früh aufgestanden war.
- Verdammt, sagte er. Oder etwa nicht?
- Doch, doch. Die Zuschauer werden ungeduldig.
- Jemand muß für ihn einspringen.
- Hinunterspringen. Das läßt sich nicht vermeiden.
- In Ordnung. Übernimmst du das?
- Sein Freund soll das übernehmen. Ich übernehme mich nicht.
Der dritte, der den Hügel hinaufgeklettert war, nickte und lächelte
gutmütig. Sein Gesicht war von Freundschaft erhellt.
Er schritt in die Richtung aus, in der er die Klippe vermutete. Die
anderen sahen ihm schuldvoll nach.
- Das bricht sogar mir das Herz.
- Du hast das Herz eines Tigers, Adabi.
- Das weise ich nicht zurück. Du aber trägst die Maske des Verräters.
Denn du hast ihm das Messer genommen.
- Geendet hätte das so oder so.
4
Der dritte war nicht mehr zu sehen.
Aus der Luft über ihnen erklang Musik.
Jemand spielte Geige.
In einem Wald jenseits des Wassers heulte ein Tier gegen sein
Tiersein auf.
Der Gelbe drehte sich zu dem Fremden um, der ohne Maske gekommen war.
- Hast du jetzt Vorstellung?
- Ja. Ich bin ein gelbes Haus. Die gelbe Farbe ist mir ausgeronnen
und fließt den Hügel hinunter. Der Hügel ist ganz gelb.
- Und das Haus?
- Rot. Stell dir vor, rot.
FINDEST DU
Er kam zurück. Die anderen saßen noch da.
- Einige habe ich gefunden, sagte er.
- Warum nur einige?
- Sie waren zu weit auseinandergeflogen.
- Dazu sind sie zu schwer.
- Es ist Nacht.
- Sie leuchten doch. Oder leuchten sie nicht?
Er breitete die Hände aus. In ihnen war rotes Licht.
- Es sind Fetzen vom lachenden Feuer in einer weinenden Nacht.
- Das sehen wir selbst.
- Auf dem Weg ins Tal habe ich sie gefunden.
- Die meisten werden im Tal gelandet sein.
- Dort war ich nicht.
- Warum nicht?
Er richtete sich auf. Die anderen saßen um das Feuer herum. In ihren
Augen war dunkle Glut.
- Wo soll ich die Fetzen hinlegen?
- In unser Feuer hinein.
- Ich gehe ins Tal.
- Wir werden auf dich warten.
Er nickte und ging. Seine Gestalt versank langsam in den Wölbungen
der abwärts gleitenden Hügel. Sie sahen einander an.
- Ob er weiß, daß er nicht mehr zurückkommt?
- Es ist ihm gleich, denn er liebt.
- Er hätte sich weigern können.
- Nein, nur wenn er nicht zurückkommt, wird die Nacht zu einer
weinenden werden.
- Wie soll aus unserem Feuer ein lachendes werden?
- Wir werden lachen.
- Worüber?
- Darüber, daß er nicht geliebt wird.
- Weiß er es?
- Er hat doch die Fetzen erkannt.
Sie standen auf Von dieser Höhe aus sahen sie, wie im Tal rote
Lichter einander jagten.
- Hört ihr das Schluchzen?
- Und wie dunkel es ist!
- Ich höre auch Gelächter.
- Das sind wir.
- Dann ist es soweit!
- Fetzen vom weinenden Feuer in einer lachenden Nacht.
- Umgekehrt.
- Es verlangt viel Mühe dafür, daß es so kurz dauert.
- Und das Geld, du vergißt das Geld.
- Ein schöner Scherz.
Sie begannen einzupacken. Einer von ihnen stimmte ein Lied an, und
die anderen fielen in die Melodie ein.
Findest du Fetzen
Vom lachenden Feuer
In einer weinenden Nacht
Findest du Fetzen vom weinenden Feuer
In einer lachenden Nacht.
Von irgendwo kam wieder Licht, ein anderes Licht, das Licht des
beginnenden Tages.
ZWEI BLAUE DREIECKE
Zwei blaue Dreiecke, das eine aus Eis, das andere aus Atem. Das ist
das Bild aus dem Fenster, vor dem ich stehe, in dem ich mich sehe.
Ich wohne in einem Loch.
Hier vergeht die Zeit in kleinen staubigen Sonnenteilchen. Vom
Horizont, an dem sie als Silhouetten weißer Segel erscheinen, sehe
ich sie kommen und an mein Fenster prallen. Sie schmiegen sich an
das Fenster und schauen in mein Zimmer herein.
Eine Ecke meines Zimmers wird vom Ausblick auf das Meer gebildet.
Sind sie blind, daß sie das Fenster nicht sehen. Sie werden so
leicht von ihrem Sonnentanz abgelenkt, daß ich staunen muß. Wie
oft habe ich versucht, durch den Staub hindurch zu blicken und
sie zu überraschen, sie bei dieser Ruhepause zu ertappen. Wie oft
habe ich versucht, mich hinauszulehnen, ohne Bedenken, einer
kleinen weißen Fliege gleich.
Ich weiß nicht, was ich am anderen Ende sehen werde.
Die Lichteinstellung letztes Jahr war ein versprochener Regenbogen.
Nicht, daß mir das sonderlich geholfen hätte. Von einem Tag zum
anderen hörte der Regen auf, gab die Berge frei. Für kurze Zeit
wurden die Berge vom Blickpunkt der schlafenden Meeresoberfläche
sichtbar. Der Schleier hob sich und hinterließ ein Bild mit
zerfließenden Grenzen. Man muß sich das vorstellen. Ich weiß, daß
man sich in jeder Farbe auflösen kann. Aber warum gerade Aquarelle.
Das Boot wohnt im Wasser.
Ich ging hinunter und sah es. Ungläubig zuerst, zum ersten Mal. Es
war das erste Mal, daß ich hinunterging und es sah. Unter meinem
Fenster. Keiner hätte das leugnen können. Ich berührte es, und es
antwortete mit einer Bewegung. Den ganzen Nachmittag war ich außer
mir vor Freude. Geschwächt, natürlich, und stets am Rande zum
Weinen.
Hätte ich damals jemanden gekannt, hätte ich es ihm sofort erzählt,
hätte mich mitgeteilt, ohne Rücksicht auf die Folgen. So aber mußte
ich mich allein wähnen, im weißen Sand daneben.
Ich sehe, daß sich der Horizont lichtet. Ist es die Nacht, die vorbei
ist.
Wieder ein Morgen. Gestern Abend bin ich vor dem Fenster gesessen.
Ich bin lange aufgeblieben, und in der Nacht habe ich dann viel
geträumt. Man könnte sagen, ich hatte beschlossen, alles zu Ende
zu träumen. Als ob das so leicht wäre. Wer kennt die Länge des Weges,
den man im Traum zurücklegt. Ich versuche jetzt, das Gesetz
herauszubekommen. Eine Vermutung habe ich schon. Ich warte nur auf
die Sonnenwende, um sicherzugehen.
2
Um sicherzugehen, warte ich ab, bis sich der Wind wendet und die
Wellen von einer anderen Seite sichtbar werden. Bis sie sich von
einer anderen Seite zeigen. Das kann mir keiner so leicht nachmachen.
Ich warte. Ich warte im Schlaf. Ich bin ein Stein.
Verstehe das einer. Es ist nicht eingetroffen. Das Gesetz ist nicht
aufgangen. Ich bin aufgeblieben, habe aber nicht viel geträumt. Und
nur Dunkelheit. Ich muß von vorne anfangen. Gewiß, ich blicke
angestrengt und sehe daher nicht. Gestern war heute, da bin ich
sicher. Irgendwo habe ich etwas verloren. Vielleicht habe ich es
unten liegenlassen, bei dem Boot. Ich träume jeden Tag von neuem.
Das erfüllt mich mit Ärger.Bin ich am Ende blind. Sie verspotten mich.
Sie tanzen an mir vorbei und sind nicht allein.
Wer sind sie. Und warum sehen sie mich nicht.
Ich habe ihn gesehen. Den Mann mit den Schwimmflossen. Gestern habe
ich ihn gesehen, an der schmalen Stiege, am schmalen salzigen
Geländer. Hände voller Rost und Augen aus Sonne. Ein Schleier aus
Salz in seinen Augen blendete mich zutiefst. Das erinnerte mich an
das Glück. Daß ich das erleben durfte. Aber etwas anderes beunruhigt
mich. Zweifel schleicht sich herein, schleicht herum, sucht nach
einer Ecke, um sich niederzulassen. Ich frage mich, durch welche
Öffnung er immer hineinkommt. Ich schließe Türen und Fenster und sehe
mich ihm gegenüber. Zweifel daran, ob ich es erlebt habe.
Blaue, grüne Hügel. Bewegte Welt. Das, was ich sehe. Das, was ich
umgibt.
Der Zweifel war wieder da. Inmitten vom Glück. Jetzt, wo ich endlich
Glück habe. Der Zweifel hat alles zerstört und hat mich wütend
gemacht. Nur kurz, versteht sich, aber so kenne ich mich nicht.
Ich habe das Fenster aufgerissen und die Lichttropfen zerschlagen.
Sie fielen in winzigen Splittern herab, in den Sand unter meinem
Fenster. Als ich sah, was ich getan hatte, versuchte ich, sie
schnell aufzufangen. Einige liegen jetzt in meinem Teller dort.
Wie konnte ich das nur machen. Aber im Fenster war ein Loch.
Was sehe ich. Was versuche ich, am anderen Ende zu erblicken. Was
ist dort zu sehen.
Heute hat es sich wiederholt. Heute ist alles noch einmal geschehen.
Wieder Splitter, und das Loch im Fenster wird größer. Bald wird
alles nur ein Loch sein. Nicht auszudenken, was dann sein wird,
und wo ich wohnen werde.
Ich werde nirgendwo wohnen.
Das Boot ist weg. Warum kommt alles zusammen. Heute Morgen, als ich
aus dem Fenster geschaut habe, habe ich gesehen, daß das Boot weg
war. Genauer gesagt, ich habe nicht gesehen, daß es da ist. Und das
jetzt, wo der Wind sich dreht. Der Wind wendet sich, und
3
mir sind die Hände gebunden. Wenn doch alles so wäre wie früher. Wenn
ich doch einen Augenblick lang allein wäre.
Ich bin jetzt nicht mehr allein.
Ich habe mich gesehen. Im Fenster. Ich habe auch hinausgesehen. Himmel
und Meer berühren sich. Ganz leicht, aber doch. Es ist nicht so, wie
wenn sie sich nicht berühren würden. Sie berühren sich, und das gibt
mir eine neue Überlegenheit. Ein kleiner Vorsprung, um die Zeit
einzuholen. Sie ist angeschwemmt worden, nach dem Gewitter gestern
Abend, daß ich dachte, ich komme nicht mehr heraus. Sie verstellt mir
ein wenig die Sicht, natürlich, aber auch ich habe sie ein wenig
verstellt, unmerklich, unbemerkt.
Die Sonne. Es wird die Sonne sein.
Es ist nicht die Sonne. Es ist dieser Hügel, der vor meinem Fenster
wächst. Ich sehe mich.
Das vertraute Bild verschwimmt. Alles fließt. Ich weiß nicht, was ich
sehen soll.
Es wird anders. Es ändert sich von Minute zu Minute. Ich zähle die
Stunden nicht mehr. Ich sehe immer weniger. Ich sehe immer mehr.
Heute zeigte sich mir die Insel von einer anderen Seite. Ich sehe
nichts mehr. Ich sehe nicht mehr das, was war. Was sein wird.
Letzte Morgen. Letzte Abende. Erste Versuche, das zu verstehen.
Erinnerungen, wie es früher war. Türme aus Erinnerung umgeben mich.
Wer bin ich. Bin das ich, oder bin ich ein anderer. Ich werde heute
hinuntergehen und nachsehen.
Und dann der Wind. Er hat sich gewendet. Ich sehe es nicht, ich spüre
es. Er weht hierher.
Ich gehe jetzt hinunter.
Der Mann mit den Schwimmflossen erwartet mich.
GELB
Ein Straßenbild erklärt sich von selbst. Das weiß jeder, der an einer
Straße wohnt. Und seit heute weiß ich es. Pekarska ist nur für meinen
Gang gestern Nachmittag gelegt worden. Das ist die Straße, auf der er
wohnt.
Gestern ist er gekommen. Es war am Nachmittag. Die Nachmittagssonne
warf Schatten von Fanfaren auf die Straße. Und dann kam er herein.
Ich wollte aufstehen, als ich seinen Namen hörte. Doch ich blieb vor
dem Bild sitzen.
Er betrachtete das Bild und dann die Straße. Ich war erstarrt.
- Was malen Sie da, fragte er endlich.
- Ein Straßenbild, antwortete ich. Ich war überrascht.
- Malen Sie schon lange?
- Sehr lange. Ich nickte. Alles war wieder beim alten.
- Und wann wollen Sie fertig sein?
Ich lächelte unbeholfen. Ich wünschte, er hätte mich verstanden.
Er trat ans Fenster und zündete sich eine Zigarette an. Dann wurde
die Tür geöffnet, und der Besitzer erschien. Sie begrüßten sich
herzlich und setzten sich in die Ecke. Dort tranken sie, rauchten
und sprachen über Balzac. Er sprach über Balzac wie über sich selbst.
Bevor sie gingen, kam er noch einmal zu mir.
- Weiter so, sagte er.
- Es ist bald fertig, beeilte ich mich zu sagen.
- Ich komme ohnehin wieder. Da sehe ich es mir an.
- Aber da wird es ganz anders sein, widersprach ich mit Recht.
Er sah mich länger an. Sein Blick kam von weit her, von einem fernen
Hügel.
- Natürlich. Ich komme bald.
Er ging und hinterließ mich mit gepreßtem Herzen. Lange saß ich vor
dem Bild und wußte nicht, wie es weiter gehen sollte. Dann erinnerte
ich mich, und es ging weiter.
Es ist eine gläserne Stadt. Stehengebliebene Springbrunnen, eine
Luft,wie man sie sich nur wünschen kann, feucht und klar, alles,
wie es sein soll. Es bereitet Vergnügen, in ihr spazieren zu gehen,
und es befreit von Sorgen. Frisch, das ist das Wort. Wenn er das
nur auch so sehen würde. Ich weiß nicht, wann er wieder kommt.
Gestern kam er wieder. Er kam noch einmal zurück. Er hatte seinen
Notenständer vergessen. Er kam gerade, als ich einen Brief an ihn
schrieb. Ein Notenständer ist in meinem Zimmer vergessen worden,
schrieb ich. Bitte lassen Sie mich wissen, wohin er zu schicken wäre,
oder ob jemand ihn hier abholen wird. Ich schrieb es mit Malfarben
aus, als
2
er kam und den Notenständer holte. Er sah die Schrift und lächelte.
So konnte ich nicht böse sein, daß ich alles umsonst geschrieben
hatte. Und als er gegangen war, ging ich auch. Ich machte mich
auf den Weg dorthin, wo er wohnt. Der Weg an sich hätte schon
genügt. Da war eine Brücke, die über Zuggleise führte. Auf der
Haltestelle warteten Menschen in Mänteln. Ich spürte die Kälte
nicht. Dann war die Vostadt zu Ende, und es begannen die kleinen
verwinkelten Gassen mit hohen Fenstern. Und mit dem Straßenbild
änderte sich gleich die Jahreszeit.
Es war Frühling statt Herbst, und auf dem Pflaster lagen
aufgeschlagene grüne Nüsse. Ich war vorsichtig, ich wollte nicht
zu weit gehen.
Ich sah sein Fenster. Immer diese Fenster. Die im ersten Stock sind
verhangen, und in die oberen sieht man nicht hinein. Es ist oft so,
wir gehen an Fenstern vorbei. Und wir wissen nicht, was dahinter ist.
Aber diesmal war es anders. Ein Schmerz ergriff mich. Auch ich könnte
oben sein. Wenn ich oben wäre, könnte ich ihn sehen, sehen, was er
macht, begrüßen. So war ich auf der Straße, sonst gar nichts. Was für
ein Unterschied. Ich zog es vor zu gehen. Aber seit heute weiß ich
es sicher. Pekarska ist nur für meinen Gang gelegt.
Auch damals war Sonnenschein. Wenn ich gewußt hätte, was für Folgen
es haben würde, wäre ich umgekehrt. Die Straße war voll von seiner
Anwesenheit. Die Straße füllte sich mit ihm. Ich ging vorbei, ich
war ein Nichts. Nicht vorhanden. Ich eilte in das Zimmer, die Stufen
hinauf, atemlos. Nur ein Bild konnte helfen.
Das Bild hat sich verändert. Von irgendwo sind diese Blautöne,
Grautöne hergezogen. Am Anfang war es gelb. Man hätte sagen können,
einfach gelb.
Das hat sogar ihn überrascht. Er kam durch die Tür und sah als erstes
dieses Gelb, das ihn erwartete. Erster Augenblick, großer Augenblick.
Er war davor stehengeblieben. Dann hörte ich seine Stimme.
- Haben Sie das schon irgendwo gesehen?
- Oft, sehr oft. Ich breitete die Arme aus. Es ist Sonnenschein.
- Malen Sie immer, was Sie sehen?
- Ich versuche es. Ich kann es Ihnen erklären.
- Nicht nötig. Das Gelb erklärt sich von selbst.
Ich hatte das Fenster geöffnet und lehnte mich hinaus. Ich wollte
Ihm zeigen, was ich gemalt hatte.
- Vorsicht mit dem Fenster, sagte er. Wir sind hier nicht im ersten
Stock.
- Ich wollte Sie fragen, ob Ihnen das Bild gefällt.
- Doch, schon. Wenn das Gelb nicht wäre. Ich habe gern klare Farben.
3
Später ist daraus die glasklare Stadt geworden. Was soll ich tun.
Manchmal frage ich mich, ob ich nicht das mache, was er will. Aber so
muß es sein, denke ich. Wie soll man sonst wissen, ob etwas gefällt.
Es war nicht leicht. Am Anfang war es nicht leicht, das Gelb zu
entfernen. Innerlich, meine ich. Auf dem Bild war es dann gleichgültig,
alles war in mir gestorben. Es war auch mit Sorgen verbunden. Ich
hatte nur Gelb im Zimmer. Suchen, Fragen, das gehört dazu.
Wenn ich so dastehe, sehe ich einen Reigen. Jetzt ist es nicht mehr
aufzuhalten. Jetzt geht alles seinen Lauf, auch ich. Ich bemühe mich,
nicht zu warten. Nicht nach draußen zu spähen, nicht das Ende der
Straße zu erfassen, dort, wo sie in eine Kreuzung mündet. In eine
Begegnung mit anderen Straßen, und ich bin nicht dabei. Jetzt heißt
es, das hier fertigmachen, und dann kann ich wieder hinaus.
Doch diese neuen Töne verstehe ich nicht. Woher sind sie gekommen,
und wann. Im Schlaf, im Traum. Ich habe meine Gedanken vergessen.
Verloren, auf dem Grund des Traums. So geht es nicht. So kann ich
ihm nicht begegnen, das spüre ich. Ich muß ihn überraschen können.
Überraschen. Es war, als es rot war. Ich war leicht erregbar, etwas
angegriffen, verständlich zum Zeitpunkt dieser Trennung. Noch waren
wir nicht ganz getrennt, noch konnte ich nicht auf Gelb verzichten.
Da kam er mit dem Besitzer. Sie lachten, hatten vor kurzem etwas
erlebt, waren abgelenkt. Nur aus Freude am Spaß blickten sie zu mir
her, ich weiß es. Der Besitzer versuchte, ernst zu reden.
- Du wandelst dich. Sieh mal, er wandelt sich.
- Tatsächlich. Er trat näher heran. Warum haben Sie das Gelb
aufgegeben?
Ich war überrascht. Hatte er das Gespräch vergessen.
- Ich habe mich davon getrennt, sagte ich schließlich.
- Schade. Es hatte so etwas Eigenwilliges. Bleiben Sie jetzt bei
Rot?
- Nicht lange. Über Violett werde ich zu Blau und Grau gelangen.
- Sehr wechselhaft also.
- Erinnerst du dich nicht mehr, mischte sich der Besitzer ein. Du
hast mit ihm gesprochen.
- Sie haben das doch nicht wegen mir geändert, wandte er sich zu
mir. Er war fast erschrocken.
- Ganz sicher hat er das.
- Das wollte ich nicht. Bitte lassen Sie es, wie es war.
- Aber gefällt es Ihnen nicht? fragte ich mit bangem Herzen.
- Es gefällt mir. Es gefällt mir wirklich. Lassen Sie es so.
Mir wurde warm ums Herz.
- Sie werden sehen, es wird sich noch mehr ändern, sagte ich stolz.
4
Alle Unruhe war von mir gewichen. Man hörte mich, man verstand mich.
- Wie Sie es wollen. Auf Wiedersehen.
- Es genügt nur, daß Sie kommen. Veränderungen kann man nur sehen,
wenn man kommt.
- Ich werde oft kommen. Auf Wiedersehen.
Seitdem ist er nicht gekommen. Außer gestern. Aber das war aus
Versehen. Dennoch muß ich ausharren. Ich versinke immer mehr in der
Stadt. Ich kenne ihre winzigen Brücken, die klärende Reinheit ihrer
Luft, ich weiß, was es heißt, dort am frühen Abend anzukommen.
Klirrend, so ist sie. Ich male sie aus Glas. Meine Striche zerkratzen
die noch glatte Oberfläche, und ich lerne sie kennen.
Wann wird Sommer sein. Das frage ich mich. Im Winter ist es leicht,
im Winter ist Nacht. Wird die Dunkelheit mich ganz umgeben. Manchmal
vergesse ich ihn. Danach erinnere ich mich umso mehr. Mit der Kraft
des Vergessens.
Das stimmt nicht. Er ist noch einmal gekommen. Außer gestern. Ich
habe das vergessen, weil es so schön war. Ich malte gerade an einigen
Tränen aus Glas. Der Besitzer war nicht da. Er hatte sich verspätet.
Als er kam, war ich allein. Ich versuchte erst gar nicht, die Tränen
abzuwischen. In diesen Dingen soll man alles zeigen. Aber er sah sie
nicht. Er setzte sich mit einer Zeitung in die Ecke. Zuerst dachte
ich, er wartet ab, bis ich fertig bin. Aber als die Zeit verging,
wurde ich unruhig. Was, wenn er geht, ohne etwas gesehen zu haben.
Da bemerkte ich mit Freude, daß er die Zeitung zu Ende gelesen hatte
und weglegte. Er sah sich um und kam mit großen, ausholenden
Schritten her.
Meine Erwartung war zu groß. Ich merkte, meine Erwartung war zu groß.
- Sie malen und malen, sagte er versöhnlich. Machen Sie keine Pause?
- Zwischen den Blicken. Während das Bild sich wendet, atme ich durch.
- Bewundernswert, Ihre Ausdauer.
Nein, so war es nicht. Ich spürte, ich wußte genau, das war nicht
das echte, das wirkliche Wesen der Dinge. Ich mußte wagen.
- Versuchen Sie, mich zu verstehen, sagte ich.
Versuch mich doch zu verstehen, dachte ich. So schwer wird es doch
nicht sein. Wo ich mich doch selbst verstehen kann.
Ich weiß nicht, ob er etwas hörte. Meine Gedanken oder meine Worte.
Sein Gesichtsausdruck veränderte sich, die Farbe, er wurde rot, sein
Blick wurde feucht und klar. Es war wie Tränen.
- Werden Sie es versuchen, nutzte ich den Augenblick.
- Ich werde es versuchen, sagte er. In diesem Augenblick kam der
Besitzer herein. Er kam wieder von draußen.
- Wie geht es dir? fragte er ihn. Wie ich sehe, in guter
Gesellschaft.
- Ja, in sehr guter sogar. Wo bist du geblieben.
- Gehen wir.
5
Sie gingen. Hätte ich das Fenster aufgemacht und hinuntergeschaut,
ihnen auf der Straße nachgeschaut. Aber das Fenster ging nicht auf.
Ich versank in einen Schlaf. Ich wachte auf, als es Nacht war. Ich
blickte hinaus und bemerkte die vielen Pappeln, die ein Mondbad
nahmen. Wie wunderbar das war. Das beruhigte mich, und ich schlief
wieder ein.
Seitdem schlafe ich. Wenn ich nicht male, schlafe ich. Das Draußen
ist außerhalb vom Zimmer, hier ist nichts, was mich stört.
Die Farben vermischen sich. Sie benehmen sich wie Wolken, ziehen her,
ziehen davon. Auch das ist jetzt unwichtig.
Wichtig ist jetzt, tiefer zu versinken. Straßen, Plätze mitzunehmen
in die Versunkenheit.
Alles muß sich in Wasser auflösen können, auch der Schmerz. Der
Schmerz besonders.
Gestern bin ich noch einmal aufgewacht. Es war der Sonnenschein, der
an mein Fenster klopfte. Draußen ein Bild, aus Sonne gegossen. Du
kommst zu spät, dachte ich. Trotzdem, ganz leicht war es nicht.
Das Fenster von innen zu schließen. Wenn das nur ginge.
Wird dort, wo ich hingehe, auch Sonne sein. Wenn ja, dann werde ich
sie einholen.
Mir kommt der Verdacht, daß alles von neuem beginnt. Wenn das so ist,
dann finde ich das nicht sehr rücksichtsvoll. Nicht sehr gewitzt.
Ich versinke. Ich merke es genau, jeden Tag mehr. Ich schaue nur
noch zu.
Ein letzter Gedanke. Es war immer nur die Sonne.
Ich versinke. Bald werde ich versunken sein.
21 JULI
Als es dunkelte, wurden die Lampen im Park angezündet, und das Licht
ergoß sich über sein Gesicht, dessen Unbeweglichkeit aus Bronze war.
Er stand neben einer Rosenhecke.
Sie zog ihren Blick zurück. In diesem Augenblick bemerkte er, daß sie
ihn ansah, und seine Augen wurden zu zwei schwarzen Punkten, die ihre
Bewegungen lenkten. Ihr Herz schlug schneller, und ihr Blütengewand
rauschte.
- Wie schön Sie sind und wie eitel, sagte er.
- Wie schön und wie ernst Sie sind.
- Sie stehen in höchster Blute.
- Ich bin zu prächtig.
- Ihre Pracht entzückt alle.
- Aber Sie nicht.
- Doch.
- Sie zeigen es nicht.
- Ich kann nicht. Ich kann weder meine Haltung ändern noch meinen
Ausdruck.
- Ich gefalle Ihnen?
- Ja.
- Was ist es, das Ihnen am meisten gefällt an mir?
- Daß Sie mich berühren.
Sie lachte leise. Sein unmerkliches Lächeln galt jetzt ihr. Sie
schüttelte den Kopf, und zu seinen Füßen fielen Rosenblätter.
- Daß Sie mich ansehen.
- Wenn der Wind geht, wie fürchte ich da, daß Sie vom Sockel stürzen
und in Scherben zerfallen.
- Daß Sie meinen Namen flüstern.
- Und wie ich den Stein hasse, der Sie bannt.
- Daß Sie immer zuhören, außer im Augenblick.
- Ich höre Ihnen zu, und ich höre heraus, daß Sie an sich selbst
Gefallen finden, nicht an mir.
- Sie wollen mich verletzen.
- Würde Ihnen das auch gefallen?
- Nein.
- In mir lieben Sie nur sich selbst.
- Ich habe nicht gesagt, daß ich Sie liebe.
Ein Mann und eine Frau näherten sich der Rosenhecke. Er wurde still
und zog seinen Blick zurück, in dem der Schmerz wieder erstarrte.
- Was für herrliche Rosen, sagte der Mann.
- Warum tanzen Sie nicht, Aristide?
- Was wäret Ihr Tänzer ohne uns Zuschauer?
- Tanzen Sie, und ich werde Ihnen Zuschauerin sein.
- Sie sind die bessere Tänzerin und.
- Und Sie der bessere Zuschauer, natürlich.
Die Nacht war blau geworden.
Die blauen Säulen am Ende der dritten Nacht
Am zweiten Tag, als die Dämmerung fiel, fand er den Weg. Er folgte
ihm, und die Spuren, die er hinterließ, füllten sich mit grünem
Schlamm. Blasse Zuckerrohrstäbe wichen ihm aus, und die Frösche am
Wegrand waren aus Bienenwachs. Am Ende des Weges war die Lichtung
eine gestrandete Höhensonne. Er näherte sich dem Zentrum.
I
Das Gebäude stand da, in frostiges Licht gehüllt. Er wandte sich
an den Wächter.
- Wie finde ich den Eingang?
- Er ist durch eine Tür gekennzeichnet.
Die Schwelle war ein Gitter, durch das er das untere Geschoß sah.
In den hell erleuchteten Hallen unten erkannte er sein Ziel. Er
schritt den Gang entlang. Der Boden war aus Parkett und warm. Die
Gänge teilten sich, und zunächst bereitete es ihm Vergnügen,
willkürlich nach rechts und links einzubiegen. Hinter einer Kurve
kam ein junger Mann hervor und huschte an ihm vorbei. Aus einem
Zimmer trat eine Gruppe von Leuten heraus, und eines der Mädchen
ging in seine Richtung, bis es an der nächsten Ecke verschwand.
An einer Stelle, wo mehrere Korridore sich trafen, blieb er stehen.
Er bemerkte, daß ihn von einem Türpfosten aus ein goldgrüner Käfer
beobachtete. Die Wand flackerte weiß von den vielen Lampen. Er sah
zum Käfer, der seine Flügel aus Blattgold nicht spreizte. Nun
erblickte er über der Tür die Aufschrift INSEKTA. Über einer
anderen Tür las er MENSA und trat ein.
II
Er befand sich in einer Küche für Dienstboten, hinter der sich eine
leere Schulklasse öffnete und noch weiter eine verschlossene Tür,
hinter der das Geräusch einer vollen Schulklasse hervorquoll. Ein
Mann stand am Herd und versuchte, ihn anzuzünden. In Mehl gewendet,
lagen aufgeschlitzte Fische da.
Geschickt fing der Mann seinen Blick auf.
- Besuch, sagte er. Besuch ist das Beste.
Der Besucher lächelte und kam näher.
Seine Hände zündeten das Feuer an, und seine Augen streiften die
Fische.
- Die Augen, sagte der Mann. Die Augen sind das Beste.
Die Fische hatten bunte Mosaiksteine als Augen und eine zarte
Mehlhülle als Leichengewand. Als das Fett heiß wurde, stieg
Meeresgeruch aus der Pfanne auf, und aus der verschlossenen Tür
stürzte die Lehrerin heraus. Mit leisem Kreischen betrachtete sie
die Küche und setzte dazu an, die Fische zu entfernen.
Der Mann hielt ihren Arm fest.
- Besuch, sagte er.
Sie bemerkte jetzt seine Anwesenheit und lenkte unwillig ein.
Kraftlos ging sie in ihr Klassenzimmer zurück und schloß die Tür.
Der Mann ging in das leere Klassenzimmer und deckte den Tisch.
In diesem Augenblick läutete die Glocke, und kleine Kinder strömten
aus dem Nachbarzimmer hervor. Von irgendwo tauchte eine Gruppe
junger fleißiger Mädchen auf. Die Lehrerin erblickte den gedeckten
Tisch und schrie auf. Im Nu waren die Mädchen bei ihr und hatten
den Tisch aufgeräumt. Er stellte fest, daß sie Macht hatte, und
da sein Gastgeber die Küche verlassen hatte, verließ er sie auch.
Draußen vor der Tür stand der Mann mit den Fischen.
- Wie finde ich den Abgang ?
- Die Augen, sagte der Mann.
III
Diesmal geleiteten ihn die vorbeiziehenden Augenpaare zu einem Flur,
an dem das Parkett von Marmor abgelöst wurde. Hier trafen sich beide
Stockwerke in Form eines Fensters. Er konnte sehen, wie das Trinkglas,
das die Welt draußen war, gekippt wurde, und die Nacht aufstieg,
während der Tag sich senkte. Der Flur wurde von einem schwarz
polierten Konzertflügel bewohnt. Er fuhr mit den Fingern die
Klaviertasten entlang und die Tonleiter hinunter, und als der tiefste
Ton erklang, erreichte er das untere Geschoß. Auf einem Vorhang aus
unsichtbarem Regen stand die Aufschrift MUSIKA.
Eine einladende Frau erschien, streckte ihm die Zunge heraus und
lachte.
- Haben Sie die Flaschen mitgebracht ?
Er verneinte. Die unsichtbaren Regentropfen waren hängende Messer.
- Dann treten Sie doch ein, sagte sie und lachte.
Das Gewölbe war aus weißem Marmor, durch das hellblaue Adern
sickerten. Durch die Seiteneingänge kamen Hirsche und Rehe herein.
Gewaltsam drang Gelächter an sein Ohr. Ohrensessel voller Nacken
säumten seinen Weg zur Bühne. Vom anderen Ende der ineinander
überschwappenden Säle winkte ihm eine lächerliche Gruppe von
Leuten zu.
Er kam herbeigewunken.
Ein Mann mit besorgtem Gesicht kam auf ihn zu und fragte nach seinem
Platz. Er zuckte die Achseln, und der Mann ging besorgt weiter. Da
entstand Bewegung auf der Bühne, und aus dem dort aufgebauten Zelt
sprang ein zittriger Mann auf einem Pferd hervor. Die Leute rannten
auseinander und versteckten sich in den Seiteneingängen. Nur einer
blieb in seiner Nähe und nickte ihm eifrig mit dem Kopf zu. Da nichts
geschah, verbeugten sich Reiter und Pferd und wurden vom Zelt
verschluckt. Die Leute kamen mit enttäuschten Gesichtern wieder
hervor und sahen ihn vorwurfsvoll an. Der Mann, der eifrig genickt
hatte, nahm ein Messer von der Wand, erstach ein Reh und warf das
Messer weg.
- Der Griff ist aus Schildkrötenpatt, falls du es nicht weißt,
sagte der Mann.
Und heute ist der dritte Tag, falls du es noch nicht weißt.
Die Menge hatte sich inzwischen auf eine neue Erwartung vorbereitet.
Auf die Bühne wurde nun eine in schwarzes Segeltuch gehüllte Maschine
aufgefahren, und gleichzeitig prasselten Fingerhüte herab. Ein großer
Mann, der am Verhungern war, stampfte auf die Buhne mit schiefem
Lächeln. Während er ihn betrachtete, hörte er Flüstern. Ein anderer
Mann, alt und klein, war an ihn herangetreten und flüsterte.
- Es sind durchwegs junge Leute, sagte er.
- Zauberei ! rief der Mann auf der Bühne.
Spiel und Spaß und viel Harmonie !
Theater in den blauen Jagdgründen !
Die Menge klatschte anerkennend. Aus irgendeinem Fach zog der Mann
ein Beil heraus, auf dem der Rost ziegelfarben glänzte.
- Das Beil, das ich schwinge, ist dasselbe, mit dem ich mich ums
Leben bringe.
Sein Kopf flog weg und landete auf einer Luftmatratze, die mit bunten
Eiscremeschirmen übersät war. Der Mann hörte nicht auf zu flüstern.
- Junge Leute, wisperte er. In diesem Haus weiß man die Schönheit zu
schätzen.
Er entfernte sich einige Schritte. Der alte Mann kam ihm humpelnd
nach.
- Übrigens, sagte er, ich weiß nicht mehr, was Sie gesagt haben.
- Ich habe nichts gesagt.
- Nicht jetzt, sagte der alte Mann und schneuzte sich. Damals, vor
vielen Jahren.
Er wollte etwas erwidern, als der Strahl vom Scheinwerferlicht ein
gleißendes Loch in die Bühne sprengte, das ein Neuankömmling für
seinen Auftritt nutzte. Der Neue war klein, rund, mit Glatze,
Schnurrbart und Brille. Sein Hinterkopf war vom eitlen Schein umgeben.
Er stolzierte auf der Bühne auf und ab, ohne dabei auf die Grimassen
zu vergessen, die das Publikum aus der Fassung brachten. Dann fuhr er
in seine Hosentasche, zog eine Taschenuhr heraus und schob sie dem
blinden Messerschleifer vor die Nase. Dieser formte sein Gesicht zu
einem Ausdruck der Hilflosigkeit, und der Eitle machte einen
triumphierenden Abgang und überließ den Raum einer jaulenden Menge.
Der alte Mann war verschwunden, und die Leute um ihn herum sahen ihn
mit nunmehr unverhülltem Arger an. Jemand warf ihm einen riesigen
gelben Ball zu.
- Auf und ab! schrie jemand.
Tag und Nacht!
Alle lachten, und de Ärger schien geschwunden. Da wurde die Bühne
erneut in Scheinwerferlicht getaucht, und der Eitle rannte heraus,
seine Rückkehr mit ausgebreiteten Armen unterstreichend. Die Menge
verhielt sich mißtrauisch. Die spöttischen Gesten des Eitlen aber
brachten sie wieder auf, und dieser wurde von der Bühne gejagt. Die
Wut der Leute nahm bedrohliche Ausmaße an. Fast jeder hatte schon
ein Tier geschlachtet, und die Hirsche waren wie immer in der Überzahl.
Nachdem einige Augenblicke vergangen waren, begann sich die Wut zu
lichten, und ein entspanntes Lächeln erschien auf den Gesichtern.
Und wirklich sauste der kleine eitle Mann noch einmal auf die Bühne,
rannte kopflos hin und her, stolperte und grinste völlig unbeherrscht.
Diesmal spürte er, wie jemand ihm eine Pistole in die Hand drückte,
und er hob den Arm und schoß. Ein Wasserstrahl trat aus der Pistole,
dann ein zweiter und ein dritter, er ließ die Wasserpistole fallen
und riß seiner Nachbarin die Pistole aus der Hand. Der kleine Mann
eilte zum Bühnenausgang, doch die Kugel erreichte ihn und streckte
ihn nieder. Er hielt die Pistole noch in der Hand und den Arm zum
Ziel erhoben, als die Menge ihn in ihre Mitte nahm.
Die heiße Brandung zerrte ihn vom Ufer weg, und nachher tat der Kopf
so weh. Auf ihren Schultern trugen sie ihn davon durch andere Säle
in andere Säle, bis sie im Saal der Belohnung angelangten. Da ließen
sie ihn zu Boden gleiten und räumten sein Blickfeld. Jemand faßte
ihn am Kinn und zeigte ihm die Richtung.
Er sah einen klaren Teich und ihm pfaublaue Säulen.
Seine Augen weiteten sich, und sein Atem wurde ruhig.
Mit verändertem Ausdruck drehte er sich zu dem Mann hinter ihm.
- Wie finde ich den Ausgang?
Der Mann deutete Verstehen an. Die Menge ergriff ihn wieder. Einige
Stufen wurden erstiegen, dann erfolgte ein Stillstand. Er befand
sich vor einer Drehtür, und auf dem Türbalken las er SCENA. Er wandte
sich an seinen Nachbarn.
- Was für eine Bühne ?
- Nicht doch, nicht doch.
Der Druck von hinten wurde immer größer. Endlich gab die Drehtür nach,
und er platzte auf die Bühne.
Zu seiner Überraschung sah er die Menge, die er hinter sich vermutete,
vor sich.
Die Hirsche, nun allein geblieben, traten heraus statt herein,
und am anderen Ende des Saals erblickte er die Aufschrift AKISUM.
- Musika, sagte er.
Dann war die Nacht zu Ende.
BLICK IN DAS ZIMMER VON ANNE CLEAR
Eine
weiße
Spirale
schwebte
mitten
im Raum.
Ihre
Weiß
war
die Abwesenheit
von Spuren.
Wenn
man hinaufklettern konnte, so führte sie irgendwohin. Beim Betreten
der ersten sichtbaren Stufe verspürte man Hunger und bei der zweiten
Durst, bei der nächsten Angst und bei der übernächsten Schmerz. Man
konnte auch hinunterklettern.
Draußen lag ein Garten. Ein breiter und glatter Weg zum Ausgang bot
sich an. Durch offene Glastüren kam die Sonne in den Raum hinein.
Die Spirale entrollte sich im Raum. Auf den ersten vier Stufen waren
Spuren. Um zur fünften zu gelangen, mußte man sie noch einmal
betreten. Auf der fünften Stufe verschwand der Schmerz, dann die
Angst, danach der Durst und endlich der Hunger. Auf der neunten
Stufe verspürte man Lust zu lachen, auf der zehnten Lust zu weinen,
auf der elften Lust zu schreien und auf der zwölften Lust zu
schlafen. Verharrte man hier länger, so schlief man ein und rollte
hinunter.
Der Boden war in schwarze und weiße Quadrate geteilt. Im Garten war
Gras.Anfang und Ende der Spirale verschwanden in der Sonne. Die zwölf
Stufen waren nicht mehr weiß.
Auf der dreizehnten Stufe verspürte man Entschlossenheit, auf der
vierzehnten Zweifel, dann die Sicherheit, daß alles begann, und
darauf die Sicherheit, daß alles zu Ende war. Auf der siebzehnten
empfand man das Bedürfnis zu fragen, auf der achtzehnten zu
antworten, dann bekam man die Einsicht, daß alles einen Sinn hatte,
und schließlich die Einsicht, daß nichts einen Sinn hatte. Wenn
nichts einen Sinn hatte, so hatte auch der Aufstieg der Spirale
keinen Sinn, und man konnte umkehren.
Unten war alles unverändert. Der Weg zum Ausgang war hell, der Garten
grün, die Luft durchsichtig und bläulich.
Die Leichtigkeit des Anblicks gewährte wohlwollendes Verständnis.
Auch wenn der Aufstieg der Spirale keinen Sinn hatte, führte er
irgendwohin. Zwanzig Stufen waren schwarz.
Von der einundzwanzigsten Stufe aus konnte man sehen, daß die Spirale
unendlich viele Stufen hatte. Von der zweiundzwanzigsten aus sah man,
daß die Stufen nicht mehr zahlreich waren. Die dreiundzwanzigste
Stufe fehlte. Dort, wo sie hätte sein sollen, verspürte man Fehlen.
Man hatte einen größeren Schritt zu machen und die vierundzwanzigste
Stufe zu nehmen, auf der man Erwartung zu spüren begann.
Fünfundzwanzig, sechsundzwanzig und noch zwei, drei, vier Stufen
lang fühlte man nichts als Erwartung. Die Erwartung hielt bis zur
zweiunddreißigsten Stufe an, auf der sich nichts änderte, und man
fühlte Enttäuschung und stieg herab.
Von unten sah man nur noch schwarze Stufen. Der Blick erreichte die
dreiunddreißigste Stufe nicht mehr. Wieder bot sich der Weg zum
Ausgang an, und gerade als sein Angebot angenommen wurde, schnellte
ein Gedanke zurück in den Raum. Die Empfindung auf der
zweiunddreißigsten Stufe war keine von der Spirale ausgelöste,
sondern eine eigene und somit ungültig. Wenn man jetzt den Garten
verließ, dann nur für kurze Zeit, um noch ein letztes Mal die
Neugierde zu befriedigen.
Die dreiunddreißigste Stufe brachte tatsächliche Enttäuschung, die
nächste Stufe Hoffnung, ihr folgte Vergessen und dann wieder Erinnern.
Auf der siebenunddreißigsten Stufe herrschte das Bewußtsein, daß man
siegen, auf der achtunddreißigsten, daß man verlieren wird. Auf der
neununddreißigsten verspürte man Mut, dann Müdigkeit, auf der
einundvierzigsten Neugierde, tatsächliche und nicht eigene, dann
Langeweile. Auf der dreiundvierzigsten vergaß man, wie viele Stufen
man bisher gezählt hatte, auf der nächsten hörte man zu zählen auf,
daraufhin zu wissen und schließlich zu denken.
Man hörte das Geräusch einer voreiligen Uhr, bis es verschwand. Das
Licht ging aus, und man sah Anfang und Ende der Spirale, dann ging
es an, und man sah ihre Weiße und ihre Schwärze. Das Bedürfnis,
sofort hinunterzurennen, quer durch alle Windungen hindurch, entstand,
begleitet von dem Begreifen der Unmöglichkeit, es zu diesem
fortgeschrittenen Zeitpunkt zu befriedigen. Auf einer der letzten,
doch nicht auf der vorletzten Stufe, empfand man Lust zu leben und
auf der ihr folgenden Lust zu sterben. Die Entscheidung, ob man zu
der vorherigen Stufe zurückkehren sollte oder zu den wenigen
übriggebliebenen aufsteigen, dauerte länger.
Im Garten ließ nichts daran denken, was im Raum war.
Das Gartentor war offen. Jemand war durch den Garten gegangen.
ACHT
Die Sonne hängt hoch im Himmel. Die weiße Wand reflektiert die
Sonnenstrahlen. Auf dem Randstein saßen sieben Männer ohne Gesicht.
In der Mitte war ein leerer Platz. Einer fehlte. Er ging an ihnen
vorbei die Straße hinunter. Die Wege waren aus Sand.
Auf dem großen Platz atmete die Stadt die Luft ein und ihre
Menschenmenge aus. Der erste lehnte mit verschränkten Armen an der
Mauer. Als er ihn kommen sah, sprach er ihn mit unmerklichem Gruß
an.
- Eine schöne Bücherei, bitte.
- Ich kenne keine.
- Warum nicht? Weil du nicht von hier bist?
- Nein.
Der Mann richtete seinen Blick auf die Zeiger der Stadtuhr, und er
ging weiter. Vor ihm teilte sich die Menge entzwei, und diejenigen,
die sich kannten, lenkten nach rechts ein, während die, die sich
nicht kannten, links blieben. Plötzlich tauchte vor ihm ein kleiner
Mann auf, der nicht wußte, wohin er gehörte.
- Wo ist der Unterschied? flüsterte er und berührte ihn scheu.
- Ich suche den einen.
- Die Wüste, deine Schwester.
- Kannst du etwa Gedanken lesen?
- Aber nur die gewöhnlichen.
In seinem Rücken öffnete sich eine tiefe Seitengasse. Dunkelrote
Ziegelhäuser mit eingesunkenen Portalen drückten ihn an sich. Blendend
farbige Marktstände reihten sich auf beiden Seiten und glänzten in
der Sonne. Dahinter saßen Männer mit schwarzen Maschen und weißen
Handschuhen. Unter ihnen waren viele Raubtiere mit ausdrucksvollen
Gesichtern und andere, die Hüte trugen und den Passanten nicht
bemerkten. Einer lachte so ansteckend, daß er nicht anders konnte
und vor ihm stehenblieb. Sofort hörte der Mann zu lachen auf und
zeigte auf ein Schild mit der Aufschrift TRAUER.
-ÜBERRASCHUNG, was, sagte der Mann, als er die Überraschung in
seinem Gesicht sah.
Nein, das haben sie gegenüber. Aber mein Schild stimmt trotzdem.
Er wandte sich um und las auf dem Schild gegenüber GELÄCHTER. Da
begann der zweite wieder zu lachen.
- LÜGE, was.
Auch das haben sie, nur ein Stück weiter.
Der Nachbarstand war leer, doch mit einem schiefsitzenden Schild
versehen, auf dem HÖFLICHKEIT stand. Der Lachende, der ihn
aufmerksam beobachtete, unterbrach sein Gelächter.
- Der erste ist nicht da, er ist unterwegs.
Warten Sie ein wenig, er kommt jeden Augenblick. Doch auch ich kann
höflich sein.
- In diesem Fall sagen Sie mir, wo ich den finde, den ich suche. Ich
verspüre bereits Durst.
- DURST, was?
Der Mann zeigte mit der Hand und brach in Gelächter aus. Vor einem
anderen Stand erblickte er eine riesige Warteschlange. Von Zeit zu
Zeit streckte der Verkäufer seinen Kopf heraus, fuchtelte mit den
Armen und wiederholte heiser.
- Auf dem Rückweg! Kommt auf dem Rückweg vorbei!
Es ist genug für alle da!
Während er überlegte, ob er warten sollte oder den Rückweg antreten,
zog ihn jemand am Ärmel. Es war ein Mann mit Kennermiene.
- Ich möchte Ihnen, wenn es geht, nur raten, nicht an meinen Stand zu
kommen, wenn möglich.
- Warum nicht?
Der Mann duckte sich. Er blickte gerade in seine Augen.
- Tut mir leid. Kommen Sie bitte nicht an meinen Stand.
- Woher soll ich wissen, welcher der Ihre ist?
- Der siebente. Meiner ist der siebente.
Der Mann verschwand. Er vergaß, warum er gekommen war, und begann zu
suchen. Zu seiner Überraschung fand er ihn sofort. Der Mann saß da,
in ein Buch vertieft. Er sah zu ihm auf und schüttelte mißbilligend
den Kopf.
- Ich habe Sie doch gewarnt.
- Sie haben kein Schild.
- Doch, aber ich zeige es nicht her. Ich halte es versteckt.
- Bitte zeigen Sie es mir.
- Das werde ich sicher nicht tun.
- Zeigen Sie es mir doch.
- Na gut. Aber nicht, daß Sie dann beleidigt sind.
Er langte unter die Lade und zog das Schild GEHEIMNIS hervor. Mit
Kennerblick las er im Gesicht des Kunden.
- Hab ich es doch gesagt, daß Sie beleidigt sein werden.
- Das haben Sie absichtlich gemacht.
- Unsinn.
Mit beleidigter Miene wandte sich der Mann wieder seiner Lektüre zu.
Er ließ sich von der engen Gasse hinausgeleiten. Am letzten Stand
saß ein Maler und porträtierte. Als er vor ihm stand, hob der Maler
die Augen. Furcht, Eingebung, Entzücken und wohlwollende
Gleichgültigkeit wechselten auf seinem Gesicht.
- Nein, nein, lächelte der Maler.
Ich zeige nur, was ich kann.
Er holte einen Taschenspiegel heraus und hielt ihn ihm vor. Im
fehlenden Gesicht im Spiegel erkannte er den fehlenden Mann. Er
machte sich auf den Weg aus Asche. Die Sonne hatte ihren Stand
geändert, aber die Männer saßen noch immer dort. Er setzte sich in
ihre Mitte, und der Schatten der weißen Wand legte sich vor sie hin.
EIN FENSTER
Die Stadt zu seinen Füßen ist eine offene Wunde, die sich in der Nacht
schließt. Blut, Eiter und Schweiß sind in den grünen Fluß geflossen
und rekeln sich in den Lichtern der Großstadt. Seine Gedanken sind
die Vögel, die über dem Wasser durstige Kreise ziehen, und die Vögel,
die, frei von der Fähigkeit zu fliegen, zwischen den Parkbänken
einem vergeblichen Hunger frönen. Angeregt von gleichgültigen
Gesprächen und stets an der Kippe zum Mittelmaß, lustwandeln dort
die anderen und atmen die Luft ein, die er ausatmet. Er infiziert sie
mit der Suche nach Liebe in Form von Glück und beläßt sie im Glauben,
daß ihre fortschreitende Krankheit die Nähe des Ziels verheißt.
Über den Dächern der Stadt steht er, ein Abbild unendlicher und
abstoßend vollkommener Schönheit. Seine Augen sind voll von Meer,
seine Augen sind zwei Zimmer, in denen das Meer eingesperrt ist.
Auf meinem Weg sehe ich, daß die Bewohner der Stadt an einer
unsichtbaren Leine geführt werden, und wenn ich sie bis zu ihrem
Ursprung verfolge, begegne ich seinem Blick. Auf meinem Weg sehe
ich, daß es alles, woran die anderen denken, wirklich gibt, aus
Glas oder aus Samt. Ich sehe einen Radfahrer in den Fluß stürzen
und einen Hund einen Zweig seinem Herrn bringen. Eine Schaukel
pendelt, als wäre sie vor kurzem verlassen worden, und eine
Zypresse verdeckt den Flaggenmast über einem offiziellen Gebäude,
so daß der Stoff, von niemandem gehalten, im Wind flattert. Die
Spiegelungen der Bäume im Wasser sind sumpffarbene Schatten, in
deren Duft ich den Geruch der baldigen Verwesung und der sicheren
Auferstehung erahne.
An der Ecke, wo eine Straßenbahn gerade einen Passanten überfahren
hätte, spielen schlafende Musikanten. Von hier aus erblicke ich
ihn hoch oben am Fenster und verirre mich in den Windungen seines
plötzlichen Lächelns. Meine über Jahrtausende hinweg angesammelte
Vernunft verliert sich in den Kurven seines violetten Gehirns. Er
hat mich kommen sehen, noch bevor ich mich auf den Weg zu ihm
gemacht hatte, und um zu ihm zu gelangen, werde ich eine schwarzweiße
Katze aus ihrem sonnigen Schlaf wecken und in Gedanken töten müssen.
Autos fahren auf der Brücke, und würden sie in die entgegengesetzte
Richtung fahren, würde es nichts ändern.
Die Straßenlampe, deren Existenz, wie die der anderen, auf die
Hälfte der Zeit beschränkt ist, sollte während der anderen Hälfte
dematerialisiert werden. Die Zeit ist ein Ergebnis seiner genauen
Gestik, und da er im Augenblick unbeweglich ist, steht sie still.
Er lehnt an seinem ungeheuerlichen Werk. Die Welt ist eine violette
Kugel, die an der Schnur in seinen Händen tanzt. Die Lichtsprenkel
auf den Blättern der Bäume sind Farbtupfen von seinem Pinsel. Jetzt
bin ich genau unter ihm, und sein Wohlwollen verdeckt den letzten
Sonnenstrahl für diesen Tag. Nur eine Wendeltreppe trennt mich von
seiner Anwesenheit. Wenn er mich morgen wieder in die Welt der
Lebenden entläßt, werde ich das als Mensch maskierte Werkzeug seines
Geistes sein, das ich schon heute sein will. Und da er seine
Phantasie nie verschwendet, werde ich das Produkt meiner eigenen sein.
DIE TAGE DES FREMDEN SCHÜTZEN
Der Mann, den sie gerufen hatten, war jung. Mit sauberem Schritt
durchmaß er die fünf Räume und kam zu ihnen zurück.
Seine Augen hatten einen fremdartigen Schnitt.
- Vier Tage brauche ich, sagte er.
- Schneller geht es nicht?
- Um einen Tag weniger als die Räume.
Das Fenster war offen und mit Frühling verhangen. Er spürte den Duft
von Bäumen und staunte jedes Mal, wenn er auf die leere Straße
blickte. Wenn die Blumen irgendwo im Zimmer wuchsen, würde er sie
finden.
Der erste Raum war klein und rosa. Die Wände waren so weich, daß sie
die Fähigkeit, Schmerz zuzufügen, verloren hatten. Rückgratlose Möbel
luden ihn ein, bequem auf ihnen Platz zu nehmen. Er tat, als wurde
er die Teppiche übersehen, und verließ den Raum. Zu wenig Sonnenlicht
kam herein, als daß hier etwas wachsen könnte.
Am zweiten Tag erschien die Frau.
- Guten Tag. Kommen Sie voran?
- Ich bin im zweiten Zimmer.
- Welche zwei Räume gedenken Sie an einem Tag zu beenden?
- Ich werde sehen.
Seine Stimme war ein schmaler Pfad, den zu betreten sie versucht war.
Das Gestrüpp zerrte an ihren Händen, und die Brennessel hinterließ
auf ihnen fremdartige Narben.
- Ich gehe ein Medikament holen, sagte sie. Bis morgen.
- Auf Wiedersehen.
Der Raum war maßlos hoch. Durch die verglaste Decke strömte Licht
herein und sammelte sich zu verspielten Strahlenbündeln. Er machte
einige verwirrte Schritte und hielt ein.
- Ich tanze.
Er durchquerte den Raum und hinterließ einen sich windenden Pfad aus
Freude. Er näherte sich dem Fenster. Auf der Straße standen keine
Bäume.
- Im Tanz gibt es Schritte, die nur den Tänzer angehen.
Das Zimmer war leer, und er beschloß, es für den nächsten Tag zu
lassen.
Als er kam, war sie schon dort und wartete.
- Hat man Ihnen den Balkon schon gezeigt?
- Ich habe ihn noch nicht gesehen.
Die Flügeltür aus dunklem Holz spaltete sich und öffnete sich von
selbst. Ein Flugzeug hatte im Himmel eine Wäscheleine hinterlassen.
Der Raum war in Rot gehalten.
- Rot ist eine Lieblingsfarbe, sagte sie.
- Ich werde mich beeilen müssen.
- Warum?
- Die Sonnenstrahlen haben den Winkel des fallenden Pfeils.
- Tatsächlich.
Der weite Saal hatte Wände aus rotem Samt und eine tief hängende
Decke, die er anzusehen vermied. Von der fernen Couch aus beobachtete
sie ihn bei der Arbeit.
- Wissen Sie schon, welche zwei Räume Sie an einem Tag abschließen
werden?
- Ich weiß es.
- Welche?
- Was glauben denn Sie?
- Den vierten und den schwarzen. Stimmt das?
- Sie werden sehen.
Warme duftende Luft war in den Raum hineingekommen und zögerte, ob
sie bleiben sollte. Auf dem Geländer des Balkons hatte er sein Hemd
ausgebreitet.
Als er es anzog, begriff sie, daß der Tag zu Ende war.
- Gehen Sie?
Er beschloß, mit einem Lächeln zu antworten. In ihren Händen
erklangen eilige Schlüssel. Sie stellte sich vor die Tür.
- Ich weiß mehr, als Sie vermuten, sagte sie.
- Sie müssen alles, was Sie wissen, weit hinter sich lassen.
Sie sah ihn an. Seine Augen hatten einen fremdartigen Schnitt.
- Aber es tut weh, sagte sie.
- Behalten Sie diesen Schmerz gut in Erinnerung.
Im vierten Raum waren die Möbel aus den anderen Zimmern aufgetürmt.
Sie waren braun, schwarzbraun, und er begann zu weinen. Er weinte
bis zum Tagesende, als sie kamen. Durch die Tränen sah er ihr
Erstaunen.
- Und den fünften Raum, machen Sie ihn morgen fertig?
- Morgen kann ich nicht mehr kommen.
- Aber Sie haben nicht alles beendet.
- Jetzt ist das ohne Bedeutung.
Ihr Blick begleitete ihn hinaus und kam dann zur Ansicht aus dem
Fenster zurück.
DIE FLUCHT
In den ersten Tagen war der Raum, den er bewohnte, das Produkt aus
Feuchtigkeit mal Finsternis mal Furcht. Später hörte er das Wasser.
Dann sah er es. Und schließlich spürte er es. Die Wände, mit antiker
Fäulnis verhangen, multiplizierten das Geräusch von rennenden Ratten.
Im immer schwarzen Schatten der Mauer kauerte sich ein Ausgang, durch
den eines Tages ein Mann erschien.
- Ich habe den Ausgang als Eingang benützt, um dir auszurichten, daß
das Signal bald kommen wird.
- Wie werde ich es erkennen?
- Ich weiß nicht, aber Signale erkennt man immer. Was ist das für ein
Lärm?
- Die Ratten rennen. Klingt wie die Schläge vom Zepter eines
Taubstummen.
- Oder vom Stock eines Blinden! Und daß du den Ausgang nicht zweimal
verwendest. Für jeden ist ein Ausgang und ein Eingang da.
- Ich weiß. Ich begleite dich hinaus.
Am Ausgang blieb der Mann stehen.
- Zögerst du, ob du nicht bleiben willst?
- Nein, ich versuche mich einfach zu erinnern, ob ich den Ausgang
nicht schon einmal benutzt habe.
- Kaum. Mach dir keine Sorgen. Nimm einige Hoffnungsschimmer für
unterwegs.
- Danke. Wir sehen uns.
Er ging zurück an seinen Platz. Die Worte des Gesprächs liefen an den
Falten der Fäulnis herunter. Es gelang ihm, einige mit dem Mund
aufzufangen, und ihr Saft reichte bis zu dem Tag, an dem etwas Neues
geschah. Er saß am Rand des Kanals, in tiefer Erwartung versunken,
als aus dem Wasser vor ihm eine Schlange auftauchte. Sie schluckte
sein Erstaunen und glitt stromabwärts. Nach einigen Stunden zeigte
sich am Ende des Tunnels eine zweite Schlange und zog in der Haltung
eines Rettungsrings an ihm vorbei. Vom Vergleich ermutigt, stellte
sein Gedanke schnell die Verbindung her.
- Das Signal, dachte er.
Er stürzte zum Ausgang. Das Rennen der Ratten war ein Getrommel.
- Ob wir nicht zusammen fliehen?
- Nein, nein, der Ausgang ist nicht für Menschen und Ratten, beeilte
sich der Gedanke.
An der Schwelle stand in unbeschreiblicher Erwartung der freudige
Augenblick. Er wollte sich in seine Umarmung sinken lassen, als der
Gedanke ihn noch einmal zurückhielt.
- Und was, wenn es nicht das Signal ist, und ich den Ausgang umsonst
verwende.
Jetzt erschien eine dritte Schlange, und die Strömung, deren Ungeduld
gestiegen war, trieb sie ans Ufer.
- Das Signal, das Signal! Fast hätte sie mich davongetragen!
Er überrannte den Ausgang und fand sich auf dem Territorium der
getroffenen Abmachung. Der freudige Augenblick übergab ihn sofort
an den nächsten, und er sah sich von der Flucht umgeben, ohne zu
wissen, wie er dorthin geraten war. Er beruhigte sich, als er
bemerkte, daß er nicht allein war, und seine Ruhe verging, als er
feststellte, daß er die anderen nicht kannte. Sie flogen in einem
Korb, vor den statt einem Ballon eine Vogelschar eingespannt war.
Die Vögel schrien einander in einer fremden Sprache zu. Durch eine
Öffnung oben sah er die unaufhörlich schlagenden Flügel und atmete
ihre gewaltige Geschwindigkeit. Ein Blatt Papier fiel herab und
verdeckte die Öffnung, dann ein zweites und ein drittes. Neben ihm
fingen sie zu schreien an.
- Man sieht nichts!
- Gebt diese Blätter weg!
Er streckte die Hand aus. Die Blätter klebten fest.
- Es geht nicht!
- Mit dem Messer geht es!
- Nimm das Messer!
Dunkelroter Kirschensaft strömte hervor und gab die Öffnung frei.
Die Geschwindigkeit ließ nach, und der Korb, der seine Flügel
offenbar verloren hatte, hielt in der Luft. Jetzt konnte er auf
seinem Grund eine Landschaft erkennen, die von einer romantischen
Dämmerung erleuchtet wurde. Einige Menschen, viel kleiner als die
anderen, lagen mit dem Gesicht zur Erde.
- Das sind die, die geschrien haben.
- Vielleicht sollte ich versuchen zu fliehen, dachte er.
Der Korb bewegte sich wieder.
- Wir fahren los! Nimm sie schnell!
Seine folgsame Hand ergriff die kleinen Menschen und legte sie an
die Stelle der unausgeführten Entscheidung. Mit einem Ruck setzte
sich der Korb in Bewegung, und die Schreie der Vögel erklangen
über ihm. Er sah, daß die Öffnung zugeflickt war. Nur ein
unscheinbar winziges Loch war geblieben, durch das sein Gedanke
entfloh.
DIE STRAßE
Zuerst fiel es im nicht auf, daß die meisten Leute mit einem Ziel
vorwärtskamen. Dann, als ein Platz frei wurde, setzte er sich ans
Fenster und sah sie. Sie waren in der Brust getroffen, und der
Haken zog sie vorsichtig nach vorne. Träger dickflüssiger Harz
strömte auf dem Draht dahin zum Ende der Zeit.
- Kommen wir bis um fünf an? fragte das Kind.
- Jetzt ist es fünf, sagte die Mutter.
- Wenn wir ankommen, wird es fünf sein?
- Jetzt ist es schon fünf, und bis dann ist noch Zeit.
- Wird es noch immer fünf sein, wenn wir ankommen?
Sie fuhren durch einen durchsichtigen Wald. Hier jagten die
Straßenbahnen einander, und zwischen den Bäumen war ein Turm aus Glas.
Er sah, wie der Aufzug zur Spitze stieg, an der der Draht sich
schamlos entblößte. In dem flimmernden Ende am Rand zum Raum erkannte
er den Anfang des Wissens, das alles verursachte. Das Wissen strömte
auf dem Draht dahin, der durch die Nadelöhre der höchsten Türme
gezogen war. Jene, die die Spitze erreicht hatten, verschlangen es
mit teuflischen Augen. Als sie wieder zum Weg zurückfanden, fiel
ihm ein, daß er sein Gepäck an der Haltestelle vergessen hatte.
Und er stieg aus.
Sein Gepäck war dort, auf der gegenüberliegenden Seite. Die Gleise
glitzerten belebt. Er benutzte die Unterführung. Er hatte den
falschen Ausgang gewählt, und die Haltestelle war weit weg. Er
ging noch einmal hinunter und hinauf.
Die Luft glühte. Vor ihm lag ein ausgetrocknetes Flußbett, das von
Spuren riesiger Räder durchfurcht war. Der Luftraum war mit Drahten
gefüllt. Eingeklemmt zwischen zwei Meerfelsen, drehte sich das Rad,
um das die Drahte sich wanden. Der Lebenssaft ergoß sich in seine
Speichen. Da bemerkte er die Wunde in seiner Brust.
Von der eigenen Drehung benommen, ging das Rad langsam im Meer unter.
900 TAG DER VERBANNUNG
Draußen vor meiner Schwelle ist die Sonne. Das Sonnenlicht ist
glänzendes Papier, mit dem die Straßen und Häuser beklebt sind.
Äußerst zerbrechlich ist die Linie der Dächer dort, wo sie die
bläuliche Luft berühren. An diesem Tag haben die Bäume keinen
Schatten.
Für die Zeit eines Mondes wird sich alles ändern.
Die Erinnerung wird aus meinem Gedächtnis in die Kreise der Höhensonne
aufsteigen. Der Wind wird einen Gürtel aus Staub um sie legen und sie
fortreißen in eine andere Gegend.
Das Stimmengewirr, das meinen Verstand bewölkt, wird abklingen und
sich mit dem Traum der letzten Nacht vermengen, den ich vergessen
habe.
Selbst das Vergessen wird sich in den Kreisen auflösen, den der Wind
um meine Sonne zieht. Ich werde nichts vergessen, weil es nichts
gibt, das ich vergessen könnte.
Denn nichts ist passiert.
Ich bin der Gefangene meiner nie begangenen Tat. Meine Kette ist ein
Reigen aus Sandkörnern. Meine Gitterstäbe sind die einmal nahenden,
einmal weichenden Linien des Horizonts. Alles hier gehört mir.
Mein ist das weite Land der Erwartung, die kein Ende hat. Mein Kerker
hält eine Form des Glücks für mich bereit, von der jene, die mich
wissentlich bestrafen, nie kosten, und jene, die mich unwissentlich
bestrafen, nicht einmal erfahren werden. Es ist das Glück abseits von
Geduld und Ungeduld. Es ist die Unmöglichkeit der Erfüllung eines
einzigen meiner Wünsche und die Einsicht in die Notwendigkeit dieser
Unmöglichkeit, die mich so unerreichbar glücklich machen.
Und dann, als letztes Geschenk für mein preisendes Lied, die Freiheit.
Sie, die Umkehrung ihrer selbst, ist unendlich und unverhofft wie
alles, das mich umgibt. Ich werde immer hier sein und bin nie
woanders gewesen. Der Wind trägt meine Worte fort.
DIE FARBE DER ROTEN RINGE
Die Wand hat die Farbe hoher weißer Kerzen. An ihr hängt ein roter
Ring. Wäre nicht die Wand, würden weiße Mäuse durch ihn schlüpfen
und sein Zimmer sehen, das keiner sieht. Ich stehe am Fenster, ein
Schatten hinter dem Vorhang, und blicke auf die Straße hinab. Dort
unten sind seine Kunden. Denn er erfindet Gründe.
Von dem Eckhaus, das keiner kennt, sieht er sie kommen, und auch
wenn er ihre Worte nicht hören kann, weiß er, daß es seine Worte
sind. Ihre Gesichter sind so ähnlich, daß sie gleich sind, wenn
sie im Türrahmen erscheinen, nachdem sie die Treppe erstiegen
haben so leise wie nur möglich, aber nicht leise genug für mich.
Gesichter von Leuten, die gekommen sind, eine kleine Lüge gegen
viel Geld einzutauschen oder gegen ein wenig Kleingeld eine ganze
Rettung. Ob man sein Haus verkauft oder eine Hochzeit absagt bei
Morgengrauen, für alles braucht man einen Grund. Die Gründe sind
viele, viel mehr als alle Morgen, an denen ich das der Sonne
gegebene Versprechen gehalten habe, ihr bei ihrem Aufgang
Gesellschaft zu leisten. Aber was gäbe ich darum, den einzigen
Grund zu finden, den ich selbst brauche, und dann auf die Straße
zu treten.
So aber stehe ich hinter dem Vorhang, und hinter mir an der Wand
hängt der rote Ring, wie er einst in der Luft hing. Die Luft konnte
durch ihn schlüpfen und er durch sie, und es entstand die vollendete
Bewegung, die allen gefiel. Und ich erfreute mich an der Freude der
anderen, bis etwas geschah, das ich nicht kenne, und das der Grund
war dafür, daß ich den roten Ring an die Wand hängte. Dort hängt er
nun, und das Licht der Kerzen am Boden weist mir den Weg.
Doch still. Ich höre Schritte.
Wer wird es diesmal sein.
REGEN
- Und ich begann, sie zu lieben. Und den Schmerz zu lieben, denn sie
mir zufügte.
- Den Schmerz kenne ich nicht.
- Der Schmerz ist ein Messer, das sich in deinem Herz bohrt und um
die eigene Achse dreht. Seine Breitseite schabt die frische Wunde
aus, bis sie einem neuen Fischernetz gleicht.
In ihm verfangen sich die letzten lebendigen Gefühle, und dort trifft
sie die Spitze mit der Unfehlbarkeit eines scharfen Wortes. Der
Schmerz tanzt im Bauch, daß die Gedärme aufheulen. Er zerreißt den
Verstand, und die Erinnerungen zerstreuen sich wie die Boote bei
Sonnenaufgang. Nun bestand ich ganz aus Schmerz, denn der Schmerz
war überall. Und der Schmerz war nirgends, denn nichts war von mir
geblieben außer einer Hülse für das Messer.
- Und dann.
- Dann begann ich den Schmerz mehr zu lieben als sie.
- Auch ich will den Schmerz.
- Wenn du es willst, wirst du alles finden, wonach du verlangst.
Eines nach dem anderen, wenn du es verdienst. Sobald du es verdienst.
- Und wenn ich mir einen warmen Abend wünsche, an dem ich durch einen
voll erblühten Wald gehe, allein?
- Dann wirst du ihn bekommen.
- Ich wünsche auch, zu lieben und geliebt zu werden.
- Ich werde dich in einen Lufthauch verwandeln oder in einen
Wassertropfen, der nur aus Liebe besteht.
- Geliebt zu werden!
- Es genügt zu lieben, für den Anfang.
- Ich dachte, es muß gleichzeitig kommen.
- Du wirst geliebt werden. Ich sage dir, für den Anfang genügt es zu
lieben.
- Ich liebe. Jeden Augenblick.
- Ich werde dich verwandeln. Du wirst ganz Liebe sein, nicht Zeit.
LEMBERG
Ist es dieser Herbst aus zerstreuten Blättern oder die erste
Feuchtigkeit auf den unebenen Straßen, die in mir jenes letzte Gefühl
erweckt, mit dem ich weggefahren bin, bewußtlos von seiner
zerbrechlichen Schönheit.
Oder ist es dieses Zimmer, in dem die Elemente meiner Seele
ausgestellt sind, die hier kristallisieren wie in jenem Zimmer, in
dem die Einsamkeit einen Sinn hat, das mich zurückbringt, wohin ich
nicht mehr zurückkehren werde.
Sie selbst hat mir erlaubt, mich ihm zu nähern, dem Unnahbaren,
Unverständlichen und grenzenlos Entblößten, der zum Maß für alle
anderen Männer wurde, in der herbstlichen, immer herbstlichen Stadt
an der Grenze zum Nichtsein.
Erfundene kleine Stadt, aus schwangerem Irrsinn geboren, noch immer
benommen von der Erwartung des Unerträglichen, kleine Stadt, die
sich nie selbst bemitleidet und schon deshalb phantastisch ist und
jenseits. Für immer bin ich verfangen im Anblick der stillstehenden
Straßen, was sage ich, ich komme aus der Vergangenheit, um ihn
wieder in mich aufzunehmen, um ihn zuzulassen wie den Liebhaber
von der Ecke, an der er steht und bettelt.
Irgendwo ist das Tagebuch meiner Aufenthalte verschwunden, die
Chronologie der wahnwitzigen Begegnungen, der Türen öffnenden Leute,
der Versuche, sie bis zum Ende zu beschreiben, sie in einen
Tintenfleck zu ergießen.
Namenloses Bedürfnis nach dem Pflaster, auf das ich meinen Schritt
setze, nach der Luft, aus der ich den Saft verregneter Blätter
trinke, nach dem Raum zwischen zwei Ecken, wo ich auf den
Spaziergänger mit dem geisterhaften Blick stoße.
Mein Unnachahmlicher, niemand ist so ungehorsam und verlassen wie du,
niemand ist so wortlos gekreuzigt an dem Punkt, an dem sich der
Körper, der Raum ist, mit dem Geist, der Zeit ist, kreuzt.
Ich sehne mich danach, deine Nähe zu spüren im Vorraum der Hölle und
zu sehen, wie im Morgennebel sich die Silhouette des altertümlichen
Bahnhofs erhebt, an dem niemand aus einer solchen Ferne ankommt wie
ich.
DAS ENDE EINES SOMMERS
Er mischt sich die Farben selbst an.
Die blaue Farbe ist ihm bis zum Horizont ausgeronnen.
Dort, wo sie seine Füße noch berührt, ist sie durchsichtig.
Sobald sie ihre Durchsichtigkeit verliert, gewinnt sie einen goldenen
Schimmer.
Dann wird das Blau dunkler, und smaragdenes Grün kommt dazu.
In der Tiefe fließt Rot in das Wasser und färbt es violett.
Als es schwarz wird, entzieht es sich seinem Blick.
Die Wasserfläche wiegt sich in der leichten Brise.
Das Plätschern ist gleichmäßig wie der Atem eines Schlafenden.
Eine einzelne Möwe kreist im Licht des späten Nachmittags.
Aus ihrer Höhe sieht das Meer wie die Pupille eines blauäugigen Wals
aus.
Sie späht zum Strandgut, das die Ebbe offengelegt und zurückgelassen
hat.
Glitzernde Muscheln, farbige Steine, gläserne Salzkörner und tote
Krabben liegen im Sand.
Die Flut hat begonnen, sie zu sich zu holen, und nach und nach
ergeben sie sich ihr.
Auf ihnen ausgestreckt schläft ein Mann.
Ein Schrei der Möwe würde ihn wecken.
Andere Möwen haben das Ufer mit ihren kreuzförmigen Zeichen übersät.
Das Wasser greift um sich und zieht das Land in sich hinein.
Schon ist der muschelbedeckte Sandstreifen verschwunden.
Das Meer kriecht an den Schlafenden heran und wagt eine erste
Liebkosung.
Langsam tastet es sich zu ihm vor, bis es ihn umzingelt hat.
Die Möwe wartet ab, bis sich das Wasser als Decke über ihn legt.
Dann wendet sie mit Kreischen nach Osten.
Wenn er aufwacht, wird alles um ihn herum blau sein.
NACHT
- Was bietest du dafür?
- Ich werde es dir zeigen.
Die Frau zog eine Schachtel hervor.
- Stücke von einem Herzen, sagte die andere.
- Von meinem. Ich hatte sie an andere vergeben.
- Sie gehören anderen.
- Sie haben anderen gehört. Jetzt ist alles für ihn. Er wird es nicht
ablehnen können.
- Er wird es auch nicht annehmen.
- Ich habe sie von den anderen eingesammelt.
- Gib sie den anderen zurück.
- Jetzt brauche ich sie ohnehin nicht mehr.
Zwei schwarzweiße Katzen lagen neben ihnen. Die eine wiederholte die
Bewegungen der anderen spiegelverkehrt. Als die Frau aufstand, stellte
sich die andere vor sie hin.
- Wenn du ihn willst, biete ihm nicht dein Herz. Biete ihm ein Stück
von dir, das du nie angeboten hast. Gib ihm, was niemand in dir
kennt, und das nur bei großer Gefahr erscheint oder bei großer Liebe.
Es ist das verkehrte Spiegelbild von dem, was du in dir kennst, und
von dem du glaubst, daß es du bist. Gib es ihm, und er wird dir
gehören, was nichts anderes ist, als daß er dir erlaubt, ihm zu
gehören.
- Wird er annehmen?
- Er wird nicht ablehnen können.
Die Frau entfernte sich. Allein geblieben, wandte sich die andere um.
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