LEICHTES SCHREIBEN

	Das ist die Geschichte von zwei Verliebten
	die eine Erzählung trennt
	oder genauer von dem Konflikt zwischen Fabel und Sujet in einer Erzählung
	aber auch das ist nicht ganz genau, weil der Konflikt in Wirklichkeit besteht
	zwischen Fabel und Fabel
	zwischen Sujet und Sujet
	zwischen zwischen und zwischen

	Das ist eine Geschichte mit vielen Pistolen, aber
	sie gehen alle in anderen Texten los.

	Mach mit mir was du willst sagt jemand
	vielleicht sie? vielleicht er?

	Wir beginnen von vorn.

	"Leichtes Atmen" ist eine Erzählung von Bunin.
	""Leichtes Atmen"" ist ein Essay von Wigotskij über die Erzählung von Bunin.
	"""Leichtes Atmen""" ist ein epistolares Gedicht über zwei Verliebte
	die lesen "Leichtes Atmen"
	""Leichtes Atmen""
	"""Leichtes Atmen"""
	""""""""""""""""""""

	Erster Brief. Sie an ihn:
	Sie atmet leicht, er erschießt sie.

	Zweiter Brief. Er an sie:
	Der ekelige Alte küßt sie durch das Seidentüchlein,
	sie lacht. Er erschießt sie.

	Dritter Brief:
	Der Alte ist nicht so alt, ist nicht so ekelig,
	sie küßt ihn durch das Seidentüchlein, als wäre er jemand anders,
	als hätte er keinen Bart.
	Sie beherrscht das Geheimnis der Leichtigkeit.

	Vierter Brief:
	Sie zeigt ihm ihr Tagebuch mit dem ekeligen Alten,
	er erschießt sie.
	Das Geheimnis der Leichtigkeit ist das Schießen,
	der leichte Schuß.

	Fünfter Brief:
	Sie schreibt, er erschießt sie.

	Bunin schreibt. Bunin schreibt!

	Er schreibt und erschießt sie
	Er liest und erschießt sie

	Aber was ist Fabel? was ist Sujet?
	das Sujet atmet leicht die Fabel stirbt
	Das leichte Atmen ist die Kunst des Erzählers

	Hör doch wie ich Luft hole!

	Die Klassenlehrerin mag die Luft die sie
	geatmet hat
	Aprilwind

	Der Mann und die Luft - ein solches "und" gibt es nicht
	sie atmet die Männer wie sie sich die Luft einverleibt
	nein sie lassen sich nicht atmen wie man Luft holt
	manchmal haben sie Bärte, manchmal Pistolen
	sie muß ausbreiten - aber was?
	dorthin zurückgehen wo geatmet wird
	wo die Liebe geatmet wird

	Und trotzdem mach mit mir was du willst

	Mach mit mir was du willst
	Weil ich will daß du machst
	Weil ich will daß du willst
	So ist das Sujet die Fabel
	Wenn es eine Pistole am Anfang einer Erzählung gibt
	Mach mich Töte mich Sterbe mich

	Oder noch besser gib mir die Briefe zurück.



				L'AMOUR AU FÉMININ


	welche Bedeutung hat das Organ, und doch stünde die Liebe im Zeichen des Phallus,
	von dort käme ihr Aufheulen the howl der Ekstase und des Leids
	aber es gibt andere, die aus sich selbst die Muschel des Alls erschaffen
	und durch ihre Rinnen emporfließen. Leichter luftiger als der Wind
	verschmilzt ihre durchsichtige Haut mit dem Hauch ihrer Haare
	ihre Kleider fallen von allein Luft und Feuer

	Denn wir haben der Liebe das Schönste genommen und es einzig den Frauen zugeschrieben
	sie dafür verurteilend
	wissen viele Männer heute daß sie wie Frauen lieben viele
	Männer wissen heute daß sie Lesben sind

	Was ich an ihm liebe? fragt sie mich - was zieht dich zu den Männern
	vielleicht der Geruch vielleicht der Same den sie 
	schenken vielleicht die anderen Formen
	oder vielleicht, daß sie einen Körper haben, der verschwindet der verschwinden kann
	beim Liebesakt

	Wenn der Mann einschläft, ist er tot, ist nicht mehr da
	Wenn die Frau einschläft, zittert ihre Seele wach über ihrem Kopf

	Diese Worte stammen von ihr aber sie will sie nicht aufschreiben
	die Worte sterben auf dem Papier gefesselt in ewigen Nachbarschaften
	sie rammen sich in die Erde wie Stöcke verankert in der Gravitation

	Für immer neben dir? O Graus! - das sagen sich die Worte
	Sie brauchen nicht in den Reihen der Alphabete zu marschieren um sich
	in den Zellen der Hieroglyphen einzuschließen
	Was ist auf diesem Blatt? Spinnen! sie kriechen und weben!
	Die Worte müssen ausgeatmet verstreut werden
	damit tausend lebendige Herzen sie aufsaugen
	Das Leben ist das Schöne an mir nicht die Züge nicht die Formen
	das sagen die Worte vielleicht sagt sie das
	vielleicht umfaßt mich sein rechter Arm

	Schöner als die Worte gaben sie mir ihre Körper

	ich nahm was ich konnte



			SEMIOTIK


	Im letzten Gedicht aus diesem Zyklus -
	wenn du und ich es schaffen, dort anzukommen -
	werden wir an einem regnerischen Tag die Autoroute du soleil überqueren.
	Das wird in den Neunzigern geschehen, am Ende des Jahrhunderts,
	wenn der Kommunismus schon den besseren Teil der Menschheit erfaßt haben müßte,
	die wunderbaren Männer und besonders Frauen von Ivan Efremov
	müßten aus dem "Andromedanebel" herabgestiegen sein
	und auf der wie ein betäubter Tiger gebändigten Erde schreiten
	unter flammenden Himmeln über Trassen zu den Quantillionen und Quintillionen.

	Andromeda wird in diesem möglichen Gedicht in Form eines Hotels erscheinen,
	mit einer Sternkarte im Foyer.
	Auf der Autobahn der Sonne wird es dämmrig sein
	unter den üppigen orangenen Lampen Belgiens,
	und der Mann, der das Auto fährt, wird in irgendeiner Sprache sagen meine Liebste
	und wird seine Hand zwischen die Beine der Frau stecken, ohne sie zu fragen,
	und die Frau neben ihm wird antworten mein Liebster, aber wird in ihrer Sprache denken
	Hure, Flittchen, Schengener Fotze.

	Sie wird ihn auch anfassen, wo sie will,
	und er wird sich auch denken, was er will.
	Im übrigen wird ihr Verlangen nach ihm nichts daran ändern,
	wie sie über die Männer denkt.
	In Wirklichkeit werden sie beide Frauen sein,
	oder sie werden beide Männer sein, schwule Schwestern,
	sie wird sein butch sein, er wird ihre femme sein,
	gender trouble: she likes her girls to be boys.
	Ihre Körper werden ständig in ihr Gegenteil katapultieren,
	ohne daß noch jemand wüßte, was das Gegenteil ist,
	wegen ihrer strengen Verurteilung werden
	die Richtungen der Welt diese Funktionen auf sich nehmen müssen.

	Ende des Jahrhunderts, fin de siècle, the end mit einem Wort Schluß, Ende,
	während wir auf Englisch kommen, ist das orgastische Ende auf Bulgarisch,
	in Augenblicken der Ekstase wird er sagen hurt me, kill me,
	in Augenblicken der Ekstase wird sie sagen das Schönste ist daß du mich nicht verstehst
	das Schönste ist daß Verliebte sich noch nicht einmal
						an ihren Wunden und blauen Flecken berühren
	das schönste ist daß die Dichtung keine Grenzen überschreitet
						nicht mal ihre eigenen
	das Schönste ist daß sie niemand mehr liest
	das Schönste ist daß sie die spiralförmige Galaxis
	ohne Punkte und große Buchstaben an die fernen Ränder des Unmöglichen bringt
	und uns auf unseren Autobahnen an unseren Grenzen läßt
	damit einige sie überqueren andere an ihnen warten dritte weiterkriechen
	unter ihnen unter den orangenen Lampen unter den Lastwagen
	unter der Europäischen Union selbst. Das ist das Schönste my love amore mio
	auf der autoroute du soleil.
	Bei einbrechender Dunkelheit werden sie von der autoroute der Sonne abbiegen,
									auf unbeleuchtetem Weg,
	ganz eng unter nackten Bäumen, verwurzelt in der Zeit vor den Autobahnen.
	Ein trockenes Blatt wird vor den Scheinwerfern vorbeifliegen -
						zusammengerollt, von den Schatten vergrößert.
	Eine Kröte - wird er sagen. Eine Kröte!
	Sie hatten sie als Aphrodisiakum benutzt.
	Dann wird er sehen, daß es ein trockenes Blatt ist, was soll eine Kröte im Dezember.
	Er wird auch sehen, daß sie gesehen hat, sie wird sehen, daß er
	gesehen hat, er hat gesehen, daß sie gesehen hat, daß er gesehen hat.

	Schweigend werden sie fortfahren.


                                   Übersetzung von Gabi Tiemann 




Zurück zum: HEFT 1

******************************

Zurück zum: LITEOS MAGAZIN

******************************

Zurück zum: LITEOS WELCOME