METAMORPHOSEN I
Und sie sprachen: Du wirst werden wie wir.
Doch er stand allein und nackt unter dem zerlumpten Wind,
blickte dem Leben ins Auge und sah Rost,
horchte in sein Herz und auf die verhallenden Schritte
eines, der durch leere Flure ging,
vorbei an geschlossenen Türen.
In seiner Hand ergraute eine blutbefleckte Vogelfeder.
Im Mund schluchzte die Zunge und biß sich selbst wie ein
Skorpion.
Und trübe Regen strömten
in den Mansarden des verkrusteten Gehirns,
gestützt von morschen Balken
und vor dem Nichts geschützt durch Ziegelscherben.
Und sie sprachen: Du wirst wie wir.
Er fiel aufs Antlitz - um ihre Gesichter nicht zu sehen.
Verstopfte seine Ohren mit Schmerz -
um ihre Stimmen nicht zu hören.
Fühlte den Schimmel über die Haut kriechen
und verwandelte ihn in weißlichen Stein -
außen ewig, innen hohl,
mit endlosem, im Hohlraum pochendem Echo:
Du wirst werden wie wir,
du wirst werden wie wir,
du wirst werden wie wir...
METAMORPHOSEN II
Und er sprach:
Gott, von jetzt an gehöre ich weder dir noch sonst wem,
ich habe mich aus Staub und Asche erschaffen
und mir selbst eine Seele dem Nichts entrissen;
sieh meine Augen - sie sind wie Leuchtkäfer -
sie leuchten über dieser Welt und verlöschen,
und höre mein Herz aus Durst und Lava,
mit eigenen Händen gemeißelt.
Und er sprach: Es gibt kein Netz auf dieser Welt,
dem die Fische meiner Tage in die Schlinge gehen;
sollen Lianen mit schwächlichen Nägeln kratzen -
der knorrige Baum überragt sie;
mich hält niemand auf, weder Spiegel noch Name,
mit dem andere die Dinge benennen;
ich werde meine Ferse aus dem Granit
der erstarrenden Zeit reißen.
Kriechend durch die dunklen Mäander der Zeit
bis zur Mündung, wo Ewigkeit leuchtet,
und dort angespült, wird mein letzter Atemzug
das ein- und ausgeatmete Weltall sein.
Was gewesen ist, wird in mir sein,
und das Kommende, von mir umgeschaffen,
wächst sich aus zur flackernden Doppelwelt -
jenseits und über der betrogenen Zeit
MURMELSPIEL
die dinge verstecken sich so gut in sich selbst
und jedes trägt in sich die maske seines abbilds
daß ich oft die rosenblüte mit der ausgeweideten wurzel
des gestürzten baums verwechsle
das gesagte wort
verändert die bilanzen dieser welt
mit nichts als leichtem flügelhauch
daß ich einfach glauben muß ich sei
ein ins spiel mit bunten murmeln vertiefter gott
die gesagte wurzel
das ausgeweidete wort
die kreuzigung zärtlich genagelt
und wir dürfen nicht vergessen
daß uns jemand im auge hat
damit wir unser abbild erkennen
und du, Gott
verlierst
das spiel
DER SCHATZ
wie die muschel ihre perle hütet berge ich
ein stückchen absoluter freiheit
herausgebrochen aus anderen zeiten
in denen wir nicht mehr waren
als die runzel einer wurzel ein fädchen vom libellenflügel
das ist mein anteil den ich hüten den ich bergen muß
unerreichbar
jenseits meines lebens jenseits endlos verpflichtender
markierungen
jenseits der fallen und schlingen die mein bewußtsein
täglich knüpft
bis an jenen dunklen rand von dem ich ihn schon
hinabwerfen kann
daß er unten zerschellt wie ein spröder spiegel
EROTIKA II
ich bin der sprug des eichhörnchens im dunkeln
mit einer nuß zwischen den zähnen
wird es in deine baumhöhle huschen
und der baum wird bis an die wurzeln erzittern
und in der nacht wird das harz aufleuchten
in den dunklen fältchen um die öffnung
säfte werden in den andern summen
uralte erinnerungen werden keimen
die erblühten sinne werden aufleuchten
wie eine zarte aureole
das geborgene leben erhascht sein nüßlein
und schlummert mit ihm ein im zitternden knäuel
es träumt vom urmutterleib aus dem es kam
nach endlosen sprüngen zwischen den sternen
der wache baum wird wachen erschaudernd und sanft
die wurzeln werden zu krallen die äste zu flügeln
die diese welt über dem abgrund halten
die uns hinübertragen ins jenseits
EROTIKA IV
Ein grabmal für erinnerungen
ist dein leib
in frieden ruhen darin
all die früheren männer
in prachtsarkophagen
in dunklem balsamduft
in die schärpen vergangener tage gehüllt
wenn ich dich liebe
nehmen sie dich in besitz
dringen in mich ein schichten sich auf
berühren dich flüstern
die ganze meute
lastet im bett auf dir
seltsam eigentlich
wie du das gewicht aushältst
auch ich bewohne vermutlich
tief in dir
in einer einzigen sturzflut
die früheren frauen
durch deinen durstigen körper
besitze ich wieder
unendliche schichten vergangener körper
die liebe ist spalt
und wurzel
verkrallt in den spalt
das gewesene kriecht durch ihr aderngeflecht
könnte es doch unversehens erblühen
zugleich in deiner rosse
und in meiner tulpe
Übersetzung von Klaus Detlef Olof und Valeria Jäger