EIN GROSSVATER BEWEINT SEINE ENKELIN
Dieses Frühjahr kamen die Vögel mit Halmen aus Ägypten.
Kein gutes Omen, die alten Weiber spuckten über die Schulter.
Die Sonne hat deine Schulter verbrannt, Kind,
und Salz trat aus deinen harten Hügeln.
Schmetterlinge flattern in den Bäuchen,
wir gingen in die Kneipen, um sie zu wässern.
Schlechtes Jahr, mein Kind,
auch die Freier haben dich verlassen,
und alles ging den Bach hinunter.
Mit den Halmen stachen wir den Brüdern die Augen aus,
die Väter banden wir an die Balken.
Die Vögel setzten ihre Nester in Brand.
Ich weiß, Kind, du weinst,
weil Gott mit dem Finger auf uns gezeigt hat
und wir zum Gespött der Leute geworden sind,
weil unsere Hähne eingingen und die Hennen nicht legen,
daher pecken wir zu Ostern nicht mit Eiern, sondern mit
Steinen.
Und statt Kohle
lutschen wir jetzt unsere faulen Zähne.
Es sei denn, wir fahren auch im Herbst nach Ägypten.
Kindeskind,
weine um uns,
jetzt
und in der Stunde unserer Rettung.
NATURGESCHICHTE DER GERINGEREN BRÜDER
Die Welt kannte die Geringeren Brüder nicht
und wollte nicht einmal über sie reden.
Wahrscheinlich
weil es nur wenige Lebende gibt,
die ihre Nester gesehen haben.
In finsteren Sümpfen und wilden Morasten,
in samtenen Nächten,
in Lagunen, wo
wie eine Lilie über den Wassern
die Sonne nie in Wut gerät.
Ja, solche Länder haben nur wenige bereist.
Der Geringere Bruder fährt auf Exkursion
mit auf dem Kofferboden gefaltetem Nachthemd.
Ihr könnt ihn auch daran erkennen,
daß er die Suppe vor dem Kompott ißt
und nur selten umgekehrt.
Papst Pius III. sagt von selbigen,
sie seien der himmlische Mörtel
im Turm Jesu Christi.
Sie haben ein Fell, sanft beim Berühren,
und braun beim Betasten,
wie der Nachmittagsschlaf eines Opossums.
Sie paaren sich bedeckt,
manchmal auch in den Wolken.
(Ihre Federn sind ein einträgliches Geschäft,
mit ihnen füllt man Kissen und Mäntel.
Der König sandte eine ganze Brigantine
für die Damen an Weichsel, Mesta, Düna,
Kom und an weitere gottverlassene Orte.)
Sie sind die Form, die
um die verlorene Ganzheit trauert.
Nirgends ist zu erkennen,
was sie denken,
außer an ihren Augen,
wenn sie geschlossen sind.
DAS DRITTE WASSER
Das Mädchen, das
seine Oma in der Sonne laust
und auf das Dritte Wasser wartet,
sieht nicht
das Erste Wasser, das safrangelbe,
mit hauchzartem, zimtenem Nebel,
das Erste Wasser,
Bambusstengel und Orchideen überflutend,
die rissigen Lippen der Manguste benetzend,
die schlammigen Ufer zerfressend,
die mit Tierspuren bestickten,
in denen Flußschnecken nisten -
das Erste Wasser, wo
der Stein, bevor er erwacht,
ein nachdenklicher Knabe oder Buddha ist.
Es sieht auch nicht
das Zweite Wasser, das kobaltene,
das in den Tiefen trauert
um den Norden und seine verschneite Kindheit,
um die hohen Fjorde Norwegens
und die Bootsstupfer,
das traurige Wasser, das leidenschaftliche,
das ungeduldige und strenge,
das Wasser, das sich erinnert
an Gravüren und Hugenotten,
an Dämme, geschnitzte Betten,
Leintücher, tief in ihrer Kühle,
ans Blut,
das nur eine Richtung kennt.
Das Mädchen ist jetzt allein,
es sieht nur
das Dritte Wasser, das eiserne,
Wasser, das wie Finsternis aufsteigt,
Wasser wie ein Dröhnen oder ein Vogel,
dessen Schrei
die Nächte der Ungeborenen aufstört.
Das Dritte Wasser, das
mich gebären wird,
oder das Wasser,
das niemals kommt.
ICH FÜRCHTE
ich bin der Schwarze Christus
in der Kirche meines weißen Körpers,
der ohnmächtige Bräutigam,
der die Augen der Sirene
mit Wachs verstopft.
Ich frage mich, ob mein Platz
nicht für einen anderen bestimmt ist.
Für einen, der
von unten her aufsprießt
und eines Tages das verführte Ithaka
mit seinem Zorn erfüllen wird.
Warum werde ich so geliebt
von meinen Knochen, von der Milz,
vom Blut, von der Lymphe,
von den Trauben der reifen Zellen?
Ist Penelope blind?
Oder erwartet sie ihren Gatten scheinheilig,
während man mich -
wie einen sinnlosen Hauch -
in die Nacht des Nordens
auf Wanderschaft schickt.
ABSTIEG NACH ÄGYPTEN
Die Kühe Abessiniens qualmen.
Welches Stöhnen, welches Kichern,
welches Behagen
(und Vollmond)
in dieser heiligen Lasterhöhle meiner Ahnen,
in diesem Brunnen der umgestülpten Himmel ?
Du hast dich
gesetzt
gelegt
gestellt
eingerollt, hast
geschrien
geniest, bist
geflogen, hast
geschmatzt
geblitzt
geglänzt
auf der Zimbel gespielt
geregnet, bist
geströmt, hast
geschneit
gebaut und bist
gestorben -
und was hast du bewirkt?
Was für ein Brot war das,
das du so lange bukst,
das nie aufging,
das immer bitter schmeckte
und das du vor Wut
nicht einmal den Hunden vorwarfst -
O sag mir, Weinender im Gram,
was tatest du mit deiner Jugend ?
Siehe:
Deine Trauern trotten wie müde Büffel,
die sich am Fluß der Seele drängen.
Nimm uns wenigstens die Körper!
O Vater Nil, hörst du -
nach diesem Lied sehnt sich die Seele.
Wenn du kannst, überschwemme uns,
wenn nicht - schweig, sinke zurück.
HOMER-GLOSSEN AUS BACHKOVO (18.JH.)
Ohne Geschichte ist der Nagel nur ein Nagel
und sonst nichts
Aischylos
ODYSSEUS erzählt auf seinem Lager
Ich lebte im Gras, über mir flogen Vögel und Halme.
Rosenfingrig suchten Kühe nach den Nesten der Akriden,
und unter mir spie das Meer Schaum und geborstene
Anker
Ich lag mit ragenden Fersen und liebte mich mit der Erde.
PENELOPE
Du alter geiler Bock, hattest du an Kalypso nicht genug?
Schande für Ithaka, deine Geilheit ist eine Schande für
Venus!
ODYSSEUS schweigt
Die Erde ist alt und wahrhaftig.
Die Erde ist voller Knochen und Knorren.
Was ist die Frau - ein Sack aus Fleisch, Galle und Gerede
Heute hier, morgen dort.
PENELOPE erneut
Du Schuft, habe ich deshalb auf dich gewartet?
KÖNIGSSOHN MARKO
Penny hat es dir aber gegeben, Gevatter Odysseus!
Die Frauen lügen, so ist es,
heute hier, morgen fort,
aber wo soll man das Kroppzeug suchen, diese ousia,
die echt wahr sind und dazu noch lebendig?
Ich bin jung, doch wie ein Alter sag ich dir -
eine Scheißarbeit ist die Ontologie, Gevatter Odysseus!
ODYSSEUS aufgerichtet
Die Geschichte ist die Geliebte des Mannes.
Die fremde und dreckige und geheime Geschichte.
Die Frucht, fingerbetastet,
der stinkende Fisch,
den Ring im Maul ...
Die Schönheit ist in Runen und Ruinen.
Der Rest ist Unzucht und Christentum!
KÖNIGSSOHN MARKO die Wasserpfeife schmauchend
So ist es, so ist es...
Gibts keine Epiphanie - streichen wir sie!
Doch was, wenn Gott es nicht zuläßt?
Zorla güzellik olmaz - Mit Gewalt geht gar nichts !
Was soll ich tun, wenn jeder Witze reißt
und mir ins Gesicht spuckt?
Wo ist die Geschichte, wo?
PENELOPE deckt ihren Mann zu
und richtet für Marko ein Lager im Stall
Übersetzung von Klaus Detlef Olof und Valeria Jäger