ENGLISCH :


DEUTSCH :



                        DER GONG

     So viele versäumte Möglichkeiten, uns zu lieben.

     Sonnenuntergang im Hirschgeweih des Waldes - nicht für
          uns.
     Zwei in der Wiege des Laubs - nicht ich und du.
     Nächtliche Balsamstille - nicht für unsere Worte.

     So kostbare Gaben tauschten wir zum Schleuderpreis:
          Alleinsein - für Trubel,
          Küsse - für Sticheleien,
          Zärtlichkeit - für Lärm und Eitelkeit.

     So viele versäumte Möglichkeiten, uns zu lieben.

     Kann ich wenigstens einen vergossenen Mond
          zurückhaben?
     Oder wenigstens eine Waldbeere im Schatten der
          Pirinberge?
     Oder wenigstens einen Gongschlag der Kuckucksuhr?

     Neun Reiche tausche ich für eine Grille unter der Schwelle,
          die fremden Länder - für ein Alleinsein,
          die Siege - für jenen einen Blick,
          den Ruhm - für eine Liebesnacht.

     So viele versäumte Möglichkeiten, uns zu lieben.


                    
                    FALLS

 
     Wenn du zurückkehrst,
          falls du zurückkehrst -
     erst dann siehst du, daß es dich nicht gibt.
     
     Dann laufen alle Straßen
          in unzählige Richtungen,
     nur deine Richtung - gesperrt.
 
     Dein Gruß ist
          verlegen und erloschen,
     und man begegnet ihm wie einem Fremdling.
 
     Schuldbewußt betrittst du das Haus,
          siehst dich um,
     wie in einem vergessenen Haus aus deinem Traum.
 
     Und berührst mit den Fingern
          einzig deine Abwesenheit
     in den verstellten Büchern und Dingen.
 
     Und dir wird klar,
          daß etwas verstellt wurde,
     nicht nur in deinem Haus, auch in der Welt.
 
     So einfach und natürlich -
          um den Raum auszufüllen,
     den du innehattest.


   
               DIE CHINESISCHE MAUER                                                                                                                                         

  
     Schon auf den ersten Blick erkannte ich sie, und sie -                                                  
         mich.                                                                                                                                                       
     Stufe um Stufe                                                                                
     gerade hinauf                                                                                                                                                
     über das tausendjährige zinnengekrönte Mauerwerk.
     Ich brauchte keinen Führer                                                                              
     und keine Sprache zum Mißverstehen.
     Mich leitete blind
     die Urnabelschnur.

          Ich spähte durch Schießscharten.
          Jenseits
          offenbar das gleiche harmlose Gras                                                                                                                     
          und Berg und Wald und Himmel,
          doch völlig anders:
          fremd, verboten, gefährlich -
          Tummelplätze des Schreckens.                                                                      
          Die Mauer markierte                                                                                                                          
          den Grat der Angst.
  
     Lange lief ich über ihren Dinosaurierrücken,                                                            
     der sich von Horizont zu Horizont erstreckte,
     von Epoche zu Epoche,
     die Luft verstellend,
     die Landschaft ausstreichend,
     das Echo anhaltend.
     Nur die Zeit schlängelt sich ungehindert
     hindurch wie eine Blindschleiche,
     Augenblick um Augenblick,
     Krampf um Krampf,
     Jahrhundert um Jahrhundert.
 
          Vertraulich tätschelte ich die Steine
          und sagte stumm zu ihr:
          Du bist eingelassen in meine Zellen,
          noch bevor ich geboren wurde.
 
     Deine Schießscharten
     sind meine Augen zur Welt,
     mißtrauisch zugekniffen.
     Dein Gemäuer ist errichtet
     mit meinem Blut und Schweiß und Tränen,
     Stein auf Stein,
     Angst auf Angst,
     Schweigen auf Schweigen.
     Wie viele Jahrtausende Ewigkeit werde ich brauchen,
     um dich in mir niederzureißen?



                   WORTGEBÄUDE
              
                         Zum Gedenken an Pablo Neruda

     Nichts existiert,
     wenn es nicht im Wort wiedergeboren ist.

     Nicht existent die Gegenwart,
     wenn sie nicht im Wort greifbar wird.

     Nicht existent die Vergangenheit,
     wenn sie nicht im Wort bewahrt ist.

     Nicht existent auch die Liebe,
     wenn ich nicht jeden Tag "Ich liebe dich" höre.

          (Eine Präzisierung:
          Lebenswichtig ist für mich, daß ich es höre
          nicht nur aus deinem Mund,
          sondern auch aus meinem, denn
          das Wort, einmal ausgesprochen,
          kehrt zu seinem Aussprecher zurück
          mit der ausdrücklichen Klarheit des Gesagten.)

     Nicht existent auch ich, absolut,
     wenn ich das Wort nicht ein- und ausatmen kann.

     Das Universum meldet im Sternen-Morse
     zur Erde: "Am Anfang war das Wort."

     Und die Erde erwidert den Sternen mit atemlosem Echo:
     Und am Ende - Wortlosigkeit                                                                          
     
     Die Wortwürger greifen
     nach dem Sein selbst.

              

                  - ST -
                                                                                                                                                                          

     Ich lebte im goldensten Zeitalter,
     in glücklichster Gesellschaft,
     im gerechtesten System,
     unter der weisesten Lehre,
     mit der höchsten Moral,
     unter der ewigsten Freundschaft,
     der lichtesten Zukunft zugewandt.

     Ich übersprang den Komparativ
     und landete direkt im - Superlativ.
     Immer hatte das Lächeln
     das seligste zu sein,
     der Augenblick - der historischste,
     die Feier - die feierlichste,
     der Fortschritt - der fortschrittlichste.

     Ich glaubte mit dem reinsten Glauben
     und loderte mit der loderndsten Lohe.
     Und stellte mich oft auf die Zehenspitzen,
     um die Latte zu überspringen: das -st!
     Nur weiß ich nicht, warum
     meine Gedichte am traurigsten klangen
     und immer trauriger gegen den Schluß.



                   DAS KAMEL

  
     Ich bekam einen Kamelgang.
     Ich versinke langsam im Sand.
     Durst halte ich aus -
     ich trinke vom eigenen Schluck.
     Und wenn er versiegt - von den
     bitter-salzigen Tränen, sie erfrischen
     und machen den Durst noch größer.
     Ich trage Trugbilder der Zärtlichkeit
     auf entzündeten Lidern.
     Die Palme - mein Mast, mein Traum.
     Und irgendwo oben - ein Flugzeug-Schwert,
     in die Wolken gestoßen.
  
     Ich gehe langsam, aber stetig.
  
     Mit der Stirn aus nächster Nähe - in die Ferne.
     Beim Taifun flüchte ich nicht
     in unzählige, von Angst
     markierte Richtungen.
     Zweihöckrig stelle ich mich in den Wind.
     Die Sande verschütten mich
     bis zu den Knien, bis zur Kehle, bis an die Spitze
     (meine Spitze - zweifach - ist der Höcker).
     Ich verschmelze mit der Wüste
     und bilde eine zweigeteilte Düne.
     Ich presse den Mund zusammen, und
     zwischen meinen Kiefern knirschen die Sandkörner
     wie eine Beschwörung.
     Ich atme Erinnerung an Luft.

     Und sage mir leise: - Bis morgen,
     entweder das Kamel oder der Kameltreiber! -
     Wenn der Himmel aufklart
     (früher oder später klärt sich alles auf),
     gerät die Düne in Bewegung
     und durchbricht die gerade Linie                                                                              des Horizonts mit Doppeldeutigkeit.                        
     Aufbegehren, Zweispitzigkeit. Erneut.                       
     Ich gehe durchs Nadelöhr.
     Und der Sand, von meinen Tritten                                     
     geprägt, läuft mir nach.
     Die Wüste erwacht zum Leben
     (auch vom Bellen der Hunde der Karawane nach).
                                                                 
     Stetig, aber langsam.

                  Übersetzung von Klaus Detlef Olof und Valeria Jäger





ENGLISCH :




                MOTHER TONGUE
      

      My mother lost her words.
           The world grew dumb.
           And something's dying to be said.
    
      She gropes around -
           they were at hand.
           Now nowhere! nowhere!
    
      Choking with the effort
          she must speak
          or else she'll die.
     
      Lord, my mother has lost
          her words in the dark.
          I'm at a loss myself.

      Lean on my shoulder, mother;
          we have borne so much; now
          we must silence it out.



            NIGHTLIGHT: EYE OF AN OWL                                        


     At midnight, I creep in on pain
          tiptoeing like a thief.
          An old kettle whistles and boils
          inside her head.
     I wake her from another century
          to give her medicine.
          With effort, her eyelids lift
          two stones of light.
     She looks so startled - who
          are you? I shudder.
          Mother, don't you know
          your daughter?
     Don't you remember this, of aIl
          the faces, so much like your own?
          Who can I lean on, then,
          in the general amnesia?
     (It's like my motherland,
          when I reach to stir her
          gently from her sleep...
          And mother nature too,
     with its night bird's eye,
          demanding, when I want
          a breath of air. Who do
          you think you are?)
     Forgive me, mother I did not intend
          to think about myself again.
          Just recognize my self-regard
          and let me tuck you in.



                 DIDACTIC


     Everything about you was didactic,
     mother; I was sick of it.
     You were my warden, sleepless, strict.
     Who could listen, while you nagged and preached?

     I could never fool you, either;
     you could spot a lie.
     Like the teacher you were, you had
     a threatening finger, hawk of an eye.

     I was a chuckle-head, a feather-head,
     I had a knack for wasting golden days;
     you fretted and you fumed, you rubbed it in.
     Remember this, you said. Remember that.

     How painful now to see you, out of it -
     conciliatory, sleepy, meek -
     neither mother nor moralist any more,
     your own best opposite.

     And yet, just yesterday, perhaps by force
     of habit, her shadow
     knocked its way inside my door
     to teach another lesson:

     "My forgetfulness is a reminder
     of what memory is:
     the spine of spirit. Just remember
     every day we get

     another dose of our oblivion.                                         
     Remember there is helplessness
     in people, in a people..."
           On and on it goes.



                THE ROAD
                (Version 1)



     When the road dips down;
     into shadows and doubts,
     it seems exitless.                                   
     When upwards it swerves
     so steeply breath grows short
     an expanse opens up.
     But at the crest I am dazed                                     
     by the rhythm of farther ridges,                             
     by the blue hypnosis                                            
     of ever new distances.


                                           
                    THE ROAD 
       (Version 2, with echoes of Emily Dickinson)


     When downward dips the roadway 
           In valleylike recess, 
     The shadows darken doubtfully, 
           Appearing exitless.

     But when the road, relenting,
           All upward swiftly flies,
           Expansiveness too open
                 Confounds my eyes.

     Retreating ridges' rhythm
           Then mightily renews
     The distances and distance's
           Hypnotizing blues.



             LULLABY FOR MY MOTHER


     At night I make her bed
     in the folds of old age.
     Her skinny hand
     pulls mine into the dark.

     Before her dreams begin,
     from a brain erased of speech,
     a small cracked voice call mama
     and I become my mother's mother,

     and am jolted
     as if the earth's axis tilted
     and the poles reversed.
     Where am I?
     I have no time for speculations.

     Flustered, I wipe her dry
     just as she once taught me.
     Mama, she whispers
     worried at being naughty.
     A draft streams from the window.

     Heating pad. Glass. The pills.
     I tip the lampshade back.
     Mama, don't leave ne alone
     all by myself in the dark.

     She chokes her sobs
     as I take her in my arms
     so heavy with pain and fear.
     She or me? In cold winter
     a double cradle breaks.
                                                                       
     Please wake me early. 
     I need an early start. 
     Is anything left to do? 
     Which of us left work undone?

     Mama, my child, sleep.                                  
     "Little baby bunting..."                                  





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