WIEGENLIED
Schlaf - schlaf ein,
sei still und
horch, es regnet -
tropf...tropf...tropf...
Traurig klagend
pfeift ein Zug,
dann ist Stille,
klebrig finster.
Schlaf - schlaf ein,
wer flüstert da -
jemand lispelt,
kläglich jammert,
der Wind weint
und flieht und fragt,
kleiner Rappe
wiehert, trabt,
blasser Ritter
ist sein Reiter,
über Meere
springt er weiter,
dich entführt er,
streichelt dich,
und dich küsst er,
liebt dich sehr,
ihn zu sehen
verlange nicht,
fest die Augen
kneife zu.
Horch, er kommt,
schlaf - schlaf ein,
schlafe lange,
bis es tagt...
DER KLEINE PRINZ UND DIE KLEINE PRINZESSIN
Sie ähneln sich in ihrer Ungewöhnlichkeit:
Wie sie erscheinen,
wie sie sprechen,
wie sie bezaubern,
auch in ihrer Beziehung zu den Rosen -
vertrauensvoll
und liebevoll
und ihnen treu.
Gleich sind auch die kleinen Planeten,
auf denen sie herrschen -
einzeln,
ernst,
getrennt von Abgründen aus Einsamkeit.
Er ist der Prinz und sie Prinzessin -
Ein grosser Unterschied,
doch unbemerkbar,
wenn jemand von den beiden
gebeugt vor Trauer auf ewig
sich in die Ödigkeit entfernt.
* * *
Eine Nacht mit dunklen leeren Sternen,
in einer langen Nacht mit Beigeschmack von Tränen,
mit ausweglosen Händen und mondlosen Haaren,
mit einem Todeshauch hinter den blinden Augen,
erkannte ich die Trauer. Das war sie,
sie küsste mich mit fiebrig-feuchtem Munde,
und saugte atemlos sie meine Seele fort -
ich wurde eine leere Frauen-Hülle.
Sie nahm und tötete mir alle Sehnsüchte,
liess mir die nackte, kalte Brust,
dann erbarmte sie sich, und bedeckte mich
mit einem Leichentuch aus aschgrauen Träumen...
DAS KOPFKISSEN DER HOFDAME
Weiss und jungfräulich
Wie die Wolken,
dünn und fein
wie ihre Haare,
das Kopfkissen saugte auf die Tränen,
die über ihre traurigen Wangen rannen.
Am kühlen Morgen
Ging die Sonne auf,
und jeder konnte,
wenn er wollte, lesen
die Geschichte ihrer Liebe
auf dem feuchten Linnen.
INTERJEKTIONEN
Blau-weisse, gelbe Schmetterlinge
In einem Rosengarten.
Mal setzen sie sich, mal fliegen auf zu den Wolken.
Liebesträumereien.
Vertrauensvolle Augen,
sanfter Atem,
der Samt von warmen Lachen.
Sonnenveilchen.
Kehliges Saxofon
Mit Synkoppen-Puls
schmiegt sich an die Mädchen-Hüfte.
Midnight-Blues.
Weisse Stiefmütterchen
Und Gift-Kräuter
Im Silberkelch des Abendmahls.
Mädchen-Liebe.
Männer-Herz - gefährlich Pulver.
Alter Baum pflanzt sich leichter,
grüner Zweig kann es noch nicht.
Desto grösser die Begierde.
Über den Bergesrücken
Wie über Rutschbahn rutscht die Sonne.
Die Strahlen sind verschüttet, sie versinkt.
Geht unter.
Ampeln mit roten Augen
Ragen reglos im Nebel,
schauen in den sinnlosen Verkehr der Wagen,
und es ist, als riefen sie um Hilfe.
ARABESKE
Die Fäden alter Teppiche
Flechten Ornamente
Aus fehlenden Farben
In der Wüste -
Fantasien,
wie Blumen zärtlich
und wie Worte
mächtig-stark,
sie werden Märchen weitergeben
über den blau-weissen Kontrast,
der sein Zelt
aus Seide
über Dächer und über den Himmel
gespannt hat,
und die blau-weisse Harmonie,
die ihre Falten ausgebreitet hat
wie weicher Turban
in der Spanne
zwischen de Morgen und dem Abend -
Fantasie,
bestickt mit Ornamenten -
geheimnisvoll wie Augen
und wie Liebeslieder herzlich,
Poesie aus Arabesken,
eingeflochten in den Epos
alter Teppiche.
KLINISCHER FALL
In der U-Bahn überfällt mich Panik
vor den Mitfahrenden,
vor diesen Ankömmlingen von irgendeinem
unbekannten Planeten in der Ferne.
Sie sind mir völlig fremd,
ich hab sie nie gesehen auf den Straßen,
in Geschäften, im Theater.
Wo waren sie mit ihren undurchdringlichen Gesichtern,
mit diesen angehäuften eckigen Verschiedenheiten
aus Unzugänglichkeit und Unbekanntheit?
Es zucken ihre Muskeln beunruhigt,
daß ihre Masken des Unbeunruhigtseins fallen könnten,
daß sich die Schicht erfrorner Banalität bewegen könnte
und die trüben Tränen der Häßlichkeit die dünne Haut
der Gleichgültigkeit überströmen.
Gezwungen eng nebeneinander zu stehen,
hintereinander den Geruch des anderen einzuatmen,
eingepfercht in ungemütlichen Entfernungen,
einander angeglichen doch ganz verschieden,
in voller Isolation und Unzulässigkeit,
vor mir und neben mir, die Blicke weichen aus
ausdruckslos,
und meine Augen schreien
vor Unerträglichkeit, die Form ihrer Schädel
zu begreifen.
STILLEBEN
Fischaugen gerahmt in Gold
genau umrissen
unbeweglich
auf dem Hintergrund essbarer Üppigkeit
glitzernd Schuppen
vergangener Farben.
Durch die Kiemen alle Meere ausgeatmet
liegt nun das Leben still
und glotzt uns zeitlos an,
wir spüren dann die Anziehungskraft
der Erde, die uns erdrückt
mit jahrhundert-schwerer Last.
In Luft ertrunken und in Licht
getauft träumen die Wasser,
unaufhaltsam, kühl,
den Weg schon hinter uns
trauern wir mit gierigen Augen
der Ewigkeit nach.
* * *
Wenn Weise nach Einsamkeit streben
so tun sie's der Seelenruhe wegen,
Philosophieren in Versenkung
ist ein kostspieliges Geschenk,
des Tages schwere Last und Mühsal
ist schwerer mit Geduld zu tragen,
und wenn die Zeit nicht reicht zum Grübeln,
so ist der schlichte Reim nicht übel,
wenn nicht gar Berge zu versetzen,
doch einfach so als Dank zu setzen,
daß man noch leben, atmen, singen,
daß man es noch zum Lachen bringe.
Hier würde jeder unbezweifelt meinen,
die Eingebung gehe neben leichtem Leben,
doch wär es so, der heitre König habe
die unbezweifelt rare poetische Gabe -
da dies nicht so gar leicht und rar
ist Dichten doch so wunderbar.