DEUTSCH :DIE VERMEHRUNG DES SANDES
"... grausame Fruchtbarkeit..."
Konstantin Pawlow
Es war meine Kindheit so grünäugig voll,
dass ich weiss: wie das Kamel
ging ich durchs Nadelöhr eher als
diese Wüste Gebärmutter zu nennen.
Oh Gott der kleinen Gräser, hast verborgen dich
ins Auge des erschrockenen Strausses,
nichts siehst du mehr, nicht die Spiegel aus Luft
und wie sich vermehrt der fruchtlose Sand.
Angst hab ich, dass er zur Siedlung
macht meine Gegend, die grüne irgendwann,
zuschüttet mein Kindheitswissen.
Und nimmt er mir diese letzte Oase zuletzt,
nächtlings wird knirschen der Sand selbst,
Mütterchen, zwischen meinen Zähnen aus Milch.
(Übersetzung von Gregor Laschen)
EIN NACHRUF FAST
".. ich löse ein Rätsel. "
Alexander Gerow
Der Däne mit faulenden Lippen,
auf allen Bühnen zuhaus.
Die Vorhänge: Staub und in Fetzen;
kein Wort mehr kleckert heraus.
Doch lebt er. Was andres ist Lüge,
Provinzschauspielergequatsch.
Herr H. kommt zurück ins Theater
und kleistert den blutigen Matsch
zu grossem, zu Endzeitgeleier
mit Schlusswort, mit Fabel und Gott.
Und all die verzweifelten Schreier
im Bunker aus Sein und aus Nichtsein
erleben des Stücks letzten Akt:
die Erde, so gross, sprengt sich dänemarkklein.
(Übersetzung von Guntram Vesper)
BIENE
Dein rötliches Summen erfüllt mich, flaumbärtiger Tagelöhner.
Dein brüchiger Name wie Blütenstaub meinen Lippen.
Du fügst die Teilchen zusammen, flösst den Dingen Süsse ein,
und ich sehe dich zwischen den Ästen kreisen wie kringelndes
Sonnenlicht.
An meinen entzückten Blick bist du mit zarten Fäden gebunden
die Blütentreppe steigst du, Rosenstufe um Rosenstufe,
immer höher empor
bis an den Gipfel der selbstlosen Zärtlichkeit, nimmst Abschied
vom weissen Baum
und betrittst den stumm gewordenen Tag auf tönenden Pfaden.
Was für Schätze du hortest in deinem einfachen Wabenkorb
und dein leidenschaftliches Verlangen zu speichern, zu sammeln,
ist nie zu stillen;
dein Gelage ist nichts als tägliche Mühsal zwischen den Reben,
ein bernsteinfarbener Schweisstropfen auf einer Jantar-Traube.
Deine Flügel verbreiten den Duft von Honig und Qual
du Schwester meines Eifers, immer schwerer wird es mir,
dich zu erreichen.
Und möchte ich dich liebkosend berühren, augenblicklich,
dein Stachel stösst zu.
Wurzel meines Liedes an dich, sterbende Biene.
(Übersetzung von Friederike Mayröcker)
DIE METAFYSISCHE SCHULD
Beichte vor Iwan Radoew
Ich wollte nicht, dass sie "Die Menschenfresserin" verbieten,
auch hab ich nie gepredigt die Moral der Menschenfresser.
Als Manolow, der Dichter, seinen Hungerstreik begann,
verzehrte ich vor Angst mich um sein Leben.
Nun schäm ich mich, dass ich an dieser Zeit mich freue,
in der "wir alle Sünder sind", weil wir sie durchgestanden haben.
Der halbwegs nur Ermordete ist ohne Alibi, der Brudermörder Kain
treibt munter Abelgleiche in die Reue.
Der prompte Reim, die beiden kruden Verse schwärzend,
verschlimmert mein Gefühl von metaphysisch tiefer Schuld.
Mein Gott, dies ist wahrhaftig meine Schuld, ich weiss!
Alleine ich bin schuld an allem, mea culpa:
dem ersten Sündenfall des Menschen
und auch am Selbstmord Petja Dubarowas.
(Übersetzung von Johann P. Tammen)
SONETT FÜR ATANAS DALTSCHEW
Er kam, heraus die Kinder aus dem Sündenviertel leiten,
mit seinem Greisengang durchquerend unser Leben.
Der zum Gespräch mit dir, wenn du ihn trafst, bereit war
sprach tief und klar wie eine Fibel für Analphabeten.
Was lasen wir im Buch: die Buchstaben? die Silben?
die Weisheit gut? die Wahrheit neu? die Sprichworte geflügelt?
er liess uns hier zurück, auf dass wir selbst den Sinn uns bilden.
und prüfend schaut durch seine Brille er zu uns herüber.
Als hätte er den schlichten Band an uns vermietet,
und wir, wir schlössen auf die Wohnung, deuteten und rieten,
bestrebt, am neuen Ort uns schnell zurechtzufinden.
Der Wirt aber ist verreist, wird nichts davon vernehmen,
und hörte er uns auch, hat er sich doch für nichts zu schämen
vor uns, vor seinen Kindern und den Kindeskindern.
(Übersetzung von Elke Erb)
DREI BRUCHSTÜCKE
DER WASSERFALL, ODER EINIGE VERSE
AUS DEM "DENKMAL FÜR DAS JUNGE WASSER"
So wahnsinnig strahlt jeder kleine Strahl,
das Wasser, in wieviel Tropfen ist's verstreut weit?
Nun Staub, hat es zuend gefühlt einmal
das Zerfallen,
den Schmerz
und die Freiheit!
FRAGMENT EINES UNVOLLENDETEN SONETTS
So blind in seinem Spiel, herrlich und bunt,
ritt auf die Ameise das Kind nicht achtend -
das Leben, es verbirgt an seinem Grund
Tod, ziellos, einem Rätsel gleich, einem sachten.
Und mitten da in Blühn und Faltertanz,
den Melodien eines Vogelsanges -
rinnt, für die Erde unerklärlich ganz,
die eine Träne von der Wange.
STÜCKCHEN EINES ZERBROCHENEN POEMS
ODER NACHTGERAUNE
- Auf diesen Hügeln, voll vom Klingen,
was suchst du hier herum, mondsüchtig?
- Die Grille, sieh, ist dort zerbrochen,
ich brauch sie morgen ganz, bei Sinnen.
- Der Weg hört auf hier, halte inne,
noch weiter ist kein Mensch geflüchtet!
- Zwei Wege mittnachts werden einer
Beenden wird sogleich Beginnen.
(Übersetzung von Stefan Döring)
TRÄGE EWIGKEIT
Hätte der Herr die Eintagsfliege mit menschlicher Phantasie
beschenkt (geschlagen?), hätte sie wohl plötzlich, im Nu des
Erkennens eine auch für die Schildkröte lesbare Formel für
Leben gefunden: träge Ewigkeit, besonders schwer zu tragen
in den späten Nachmittagen der Jahrhunderte.
ZEIT UND UNZEIT ZUGLEICH
Weisser Kummer für den Dachs, dass die Trägheit
des Winters auch die Nester derer besetzt hat,
die anders denken im Wald. Aber ist es nicht Zeit, dass
die schwarze Krähe die Grabrede auf die Hoffnung, das
Tauwetter singt? Hört das Paradox: die weisse
Zensur fesselt die schwarzsehenden Federn! Unter
der Glocke aus Schnee bleibt dunkel, ob die Ausnahme,
die weissen Krähen, nicht die Regeln des endlosen, des
totalitären Winters bejahen. Wahres Zeichen für den
kommenden Frühling wird wohl das Erscheinen
der weissen Schwalbe sein. Aber ist eine genug?
(Übersetzung von Gregor Laschen)
TETRAPTYCHON - TAFELBILD MIT FLÜGELN FÜR EINEN BAUM
I.SPEUZWORT UND FLAMMENPADDEL
"aus dem entlössten Punkt" (mit wurzelfäden - blau - zur erde und
oben - rot - behelmt du stirbst und weisst es nicht, purpur -
elektrode, genetisch in buhnen des nichtseins gepümpelt.
gepfaucht, klickst deine pollen ein, böllerpollen samensprung,
("ich bin dein zeuge")
schon ist die nacht von dir besät; pümmling mit dem plusterlohen
pulk im pfauchsang-pott der dimensionen eins-zwei-drei zum mann -
pansenkind von feuerstein und eisen! (du erhebst dich, springst in
plauzenpsalmen blitzschnell durch dunkle posaunen, seelenpfannen,
polderloh ein liebesleidenschaftspusteln mit einem spänchen
gehaspeltem hass in der flanke)
inspiriert von velimir perun flatterst du flinker als ein gedanke.
bausch, psalm-bö, pausback, pfriem. unter deinem backenstreich
peilen einander und platzen heimliche ängste und schattenbrecher
kopflos um die wette (du pfropfst gebackene kartoffeln auf kinder,
winde auf witmen und den spiessgesellen des bäckers auf gerötete
fässer)
lass mich mich wärmen an deiner plause. dann will ich mich trollen,
ein blasebalg und weise-auf wiedersehn, brückenbaum schlagbaum,
vergiss mich nicht. pelzflockig im flaum-vlies hat der unbehauste
nichts. doch wenn er ein haus braucht, pflockt er es aus
prasselnden blössen und nennt es dir zu ehren bresche, pfeifsang,
feuerstätte, herd, pritsche, pferch, pirol
II.HÜGEL MIT BAUM
Immer dies: ein Baum auf einen Hügel, ein
Hügel mit Baum drauf -
irgendwo im Gedächtnis, irgendwo
draussen, gebannt: Baum Namenlos mit Namen,
Freund Namenlos in Abenden, die bevorstehen,
Baum wie Hügel, Hügel wie Baum.
Mich namenlos zu mahnen
wie einst im Gras mit Augen
wie unbehaust in tiefer Nacht
die Grillen klingend aufgebracht
den einen Baum am Hügel.
Der mir nicht aus dem Sinn geht, der
Getreue, weil er mich namenlos liebt, den
ich benenne Geduld, Freund Stille, Grün.
Ein Baum wie ein Hügel, einge -
fleischt meinem Denken, steht auf dem
Hügel wie ein Baum, er fliesst zusammen mit den
Wolken, er lauscht den dunklen Märchen die
mit den Winden kommen.
III. MISMUS
Ist was passsiert. Was ist passsiert. Es flüstert. Aber was.
Was ist das für ein Rauch. Glost da ein Flächenbrand?
War es der Blitz. War's Zunder. Oder war es das Gras.
Hat etwa etwas dem Förster die fromme Seele verbrannt?
Nicht dass der Waldschrat kokelt, vielmehr Gerüchte sind's
dass um die Mitternacht der Schnaps sich hochgehn liess -
Narren haben einen Mistral entkorkt, lauter Dschins
sind ausser Rand und Band, unaufhaltsam rast das Paradies.
Selbst des Philosofen Aussersichsein soll durchs Fensterglas
ausgerastet bis zur Nachtigall gefackelt haben
wo nicht einmal Gott bzw. das Erkenntnisinteresse blass
einzuleuchten wär imstande beim Gekrächz der Raben!
Verdachtsmomente für und für - jemand, sagt man hat Oleander
mitgehnlassen und die Statuen sind jetzt hinterm Räuber her,
während stadtbekannte Taschendiebe, mit dem Fall betraut, einander
fragen: aber wo bleibt auf dem Passwort der Erzeuger?
Zwischen den verschiedenen Versionen spuren Trassen
untergraben vom Verdacht der ausgestreuten Schicksen.
Wie man so hört habe selbst ich den Zweifel fahren lassen,
trau keinen Tatbeständen nicht - ich geh sie knipsen.
IV. GUTEN MORGEN UND ADIEU
Wie ich zu ihm sagte: Guten Morgen, guter Baum!
Wie ich ihm dabei die Absolution gab
und seine Blessuren gütig verband
mit einem Handschlag der ihn entlaubte
Wie ich den Geleimten gleich in Besitz nahm
und gurrend Vogelkolonien auf ihm gründete
am Tropf von meinem grünen Blut -
er aber Hörner mir entgegenstreckte
Wie er es doch eilig hatte und gebeugt zur Neige
ging weil er schon Kuckuckseier brüten
hatte an der Wurzel seiner Existenz
aus ränkeschmiedender Verzehrung
Wie er gegenwärtig fast vertrocknet nicht mal Brenn-
holz für ein Abschiedsfeuer hergibt - ach, a-
dieu mein Freund, perdu, vorletztes Leben,
guten Morgen und auf Wiedersehn sogar bis bald
Wie ein anderer da bereitsteht mit dem Fallbeil ein-
zuspringen - und ich glosen werde für ein Weilchen
ausgebrochen weinend; wie das knackt wenn in mir
Pöenix bäumend sich zum Baum erlischt.
(Übersetzung von Oskar Pastior)
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ENGLISCH :
AN ARCHAEOLOGICAL SITE
to Ivan Teofilov
In the center of town, on the small square
facing the mosque,
the stream of people stopped and pickaxes
started clanking
- a new sewer maybe?
Before the passersby's astonished gaze, stone
steps and bleachers
emerged day by day.
At first we`d stare at them in silent
wonderment -
centuries ago, the gladiators' blood
flowed scarlet on these stones!
What dramas were once played out here...
But when our curiosity was quenched,
the small square turned back into an arena
of provincial, rainbow-colored life,
untroubled by the ghosts of history.
The ice-cream vendor repitched his pavilion,
and once again a joyful crowd rushed and
clamored
with childish disrespect for the ancient.
Sic transit gloria mundi - thus the world`s
glory passes,
said the Romans themselves, with a smile.
Only the quotidian is eternal, it seems.
Are the living to blame because breathing
intoxicates them?
A procession of baby strollers makes its way
past the stadium's magnificent ruins,
and I hear the town echo with the triumphant
cries
of Little warriors who, this spring day, came
and saw and conquered.
___________________
NOTE: The ruins of this Roman stadium are a famous landmark in
Plovdiv. Only a small section of it could be unearthed to avoid
tearing up a major downtown intersection; even so, part of the
modem commercial district was rerouted to accommodate it.
BEE
Red-headed laborer streaked with soot, your buzzing
fills my ears,
Isn't your fragile name like pollen stuck to lips?
You unify the particles, breathe sweetness into things,
and I see you circling between branches like a pensive
ray of light.
Bound by the finest thread to my delighted glance,
you climb higher and higher, each flower a step for
you;
the ultimate selfless caress, you say good-bye to the
white tree,
you cover the silenced day on your tiny humming path.
What treasure do you guard so zealously in your
simple hive,
with your urge to hoard that's never satisfied?
I know your banquets are your hardest workdays
among the vines,
you tawny sweat-drop oozed from the amber grapes.
Your wings, sister of my diligence, spread the scents of
honey
and hurt a1l around, and it's becoming ever harder to
reach you;
if I should try to stroke you, you jab your stinger
instantly -
and it's the rootlet of a song for you, falling bee!
CRICKET
Your tune trickles on as it has always done,
and along the July cart-tracks, though the chapped
grass
your unnamed path cuts across the yellow stubble-fields
(and who knows where it leads).
Seeds and clods trip you, but absorbed in yourself,
you play for summer's banquet. And each evening my
sated soul
is lifted on high by your fixed song,
before falling sound asleep.
But in your orphan's dress, sewn from dusk and dew,
why do you live always in the dark, hidden from all
people's eyes?
in your unpitying, helpless voice.)
- I can't stand words. As soon as you're asleep in your
bed,
I exit the night... I listen to its moments ring.
And everything I see through the slits of the stars,
day slashes with a golden scythe.
FINE DAY
What have you kept looking for
in the dark, what lost thing,
while so many years passed by,
as though slept through,
in a windowless house?
But a child came and called you:
Come back to life's warmth, look
how many laughters
are chasing each other in the sky,
when you've had your fill of gloom
you'll come along with me,
and we'll go count the rays
in the sunflower field.
KOPRIVSHTITSA
When we'd climbed the panting hill
and the tiny church at last opened
its carved gates before us,
the icons' eyes burned in the half-dark.
And it seemed to us that coolness wafted
from their severe, self-absorbed glances,
and their silver-chained hands,
in dumb accusation, invited us to kneel.
We became silent, suddenly estranged.
Then the shrine spoke up; we heard a voice
(heavenly? earthly? spirit or man?
determined to reconcile, through words, life
and saintliness) tell us:
"...these are the very saints who
once, that memorable, mad April,
removed their halos and donated them
to the saints' conspiracy..."1
Hadn't we just heard the most Bulgarian of secrets?
In this enfevered land even prayers
taste of uprising, and flamboyant deacons
climb to heaven from the gallows 2;
the monastery was once a rebels' inn ,
and onto the icon stands and carving sifts
the dust of unbridled roads.
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NOTE: Koprivshtitsa, an historic town in the Balkan mountains, is now
preserved as an architectural museum.
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1.In the "April Uprising" of 1876, the Bulgarians attempted to overthrow
the Turks, who had occupied Bulgaria for five centuries. The reprisal
was a massacre that led to the Russian-Turkish war in 1878, in which
the Turks were finally expelled and the Bulgarian state restored.
2.Ex-deacon Vassil Levsky, hero of the struggle for national liberation,
was hung by the Turks in 1873.
Translations: G.Belev & L.Sapinkopf
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