(Ausschnitt aus dem Roman Neue Freiheitsgrade)
Die beiden durchqueren den fast menschenleeren und geisterhaft nebeligen
belgischen Park. Johann gestikuliert immerzu und redet ohne Unterlaß, während
sich Evgeni Mitev von Minute zu Minute einsamer fühlt. Sonderbar, alles
ringsumher ist neu und müßte grundsätzlich interessant sein: das
grünpatinierte Denkmal eines stolzen Reiters, die selbstbewußten
Großmütterchen, die da und dort auf den Bänken verstreut sind, Johanns
gutturale Stimme, selbst das Kaugummipapier, das auf dem Boden herumliegt -
und dennoch bleibt Evgeni all das fremd und unnahbar. Als würde er es durch
ein dickes angelaufenes Bullauge betrachten, oder genauer, als würde nicht er
es betrachten, sondern ein anderer, als erreichte das, was dieser andere
sieht, Evgeni dann in Form von Worten, verblichen, geruchs- und geschmackslos,
kastriert. Immer hatte er gedacht, das Gegenteil sei der Fall: Man nimmt die
Umwelt nur dann abgestumpft wahr, wenn Menschen und Gegenstände bekannt und
vertraut sind. Und nun stellt sich plötzlich heraus, daß das Fremde häufig
nicht nur feindlich ist, sondern auch amorph und irgendwie verwaschen. An
dieser Stelle verliert Evgeni den Faden seiner eigenen Gedanken, die ihn
eigentlich auch langweilen, und das gibt ihm einen willkommenen Anlaß, sich
für kurze Zeit in Johanns Monolog einzuschalten. Es hatte wieder zu regnen
begonnen.
"Es regnet wieder", meldet Evgeni und wickelt sich unnötigerweise fester in
seinen Mantel ein, um diese Bemerkung zu unterstreichen.
Johann fährt zusammen - die Pfade, auf denen die Gedanken seines bulgarischen
Freundes wandeln, werden ihm wohl immer unergründlich bleiben. Johann Devloo ist
Europäer, Johann Devloo ist gebildet und zivilisiert, Johann Devloo spricht
fließend vier europäische Sprachen plus Arabisch, er hat Nietzsche und Schopenhauer
gelesen, sein Großvater hatte Maeterlinck persönlich gekannt,
sein Vater andere bedeutende Europäer, und im Jahre 1962 hatte Charles de
Gaulle dem kleinen Johann Devloo eigenhändig das blonde Köpfchen gestreichelt.
In seiner Biographie war überhaupt kein Platz für Menschen, die mir nichts,
dir nichts verkünden, es habe wieder zu regnen begonnen. Denn Johann hat auch
Wittgenstein gelesen, der ja behauptet, daß Worte Taten sind. Und das Schlimmste:
Johann kommt es gar nicht in den Sinn, seiner zivilisierten Entrüstung über
solch einen Fauxpas etwa Ausdruck zu verleihen. Schließlich ist er Europäer
und Untertan des Königs Baudouin, schließlich muß er immer auf der Höhe sein.
Und Evgeni Mitev - Südslawe und Staatsbürger der Volksrepublik Bulgarien von
der Balkanhalbinsel, der seinerseits Todor Pavlov und Pantalei Zarev gelesen
und vor dem Dimitrov-Mausoleum mit Weizenähren gewinkt hatte - würde gerade
das so dringend brauchen: daß ihm jemand auf die Schulter tippt, ihn freundlich
beschimpft, notfalls sogar beleidigt ist. Wenn nur etwas geschehen würde: einer
zu Tränen gerührt wäre, der andere in Wallung geriete. Wenn nur Spannung aufkäme,
Intimität oder Feindseligkeit, damit man die Worte des anderen wirklich wahrnehmen
kann, eine menschliche Begegnung, nicht nur dieser anämischer Austausch von
gehaltvollen und neutralen Sätzen. Aber Johann hat das Visier heruntergelassen
und schreitet mit unbeugsam vorgestrecktem rundlichen Kinn und dem schweren
Schritt eines Kreuzritters durch die Pfützen: der Weg nach Jerusalem führt eben
durch die Länder diverser halbchristlicher Stämme... Evgeni weiß schon, daß nun
ein langes, bleiernes flämisches Schweigen folgen wird.
Und überhaupt vergeudet er vielleicht nur seine Zeit in dieser sumpfig-
munteren und ebenen Landschaft, bevölkert mit flauschigen, bequemen und
funktional definierten Gegenständen und Menschen. Er stellt sich mit
existentiellem Schaudern vor, wie er bei sich zu Hause am zerkratzten Tisch
sitzt, umgeben von den gewohnten eckigen Gegenständen (die meisten
notgedrungen multifunktionell, wie zum Beispiel der erwähnte Tisch, auf dem
man ißt, bügelt und arbeitet), umgeben vom ewigen Geruch nach Heizöl,
Bohnerwachs und türkischem Kaffee, von verschmutzten Fenstern, hinter denen
schon seit Jahrzehnten eine Baustelle ist, die eine ihrem Alter angemessene
Größe zu erreichen sucht. Um ihn herum sind natürlich auch seine Freunde -
dunkelhaarig, zäh, mit hervorstehenden Backenknochen, hart, bauernschlau,
vorsichtig und raffiniert, mit neugierigen hellen Augen und ausgebeulten
Pullovern, unrasiert und ungekämmt, mit schwarzen Fingernägeln, die nervös auf
die Päckchen mit den starken Zigaretten trommeln. Es fehlen nur die
Feuerstelle mit dem brodelnden Kupferkessel, ein paar dreibeinige Holzhocker,
in der Ecke eine Ikone mit einem ewigem Licht davor und auf dem Hof ein
gemütlich kläffender Hund: und schon sitzt der neue Jerusalempilger mit der
bernsteinenen Zählschnur zwischen den knotigen Fingern und berichtet von seiner
Reise zum Heiligen Grab. Die Zuhörer verharren in ehrfürchtigem Schweigen, nur
von Zeit zu Zeit runzeln sie die buschigen Brauen, streichen die herunterhängenden
Schnurbärte glatt, schnalzen vor Verwunderung mit der Zunge oder strecken die Hand
aus, um einem Kind über den Mund zu fahren. Was es doch auf der Welt für Wunder
gibt! Ein entführter ehemaliger Premierminister, der zwei Monate in einem
abgedunkelten Raum verbringen muß; ein Ball der Homosexuellen beiderlei
Geschlechts unter Polizeischutz; ein defekter Geldautomat, der horrende Beträge
an unbekannte Gauner auszahlt; der überraschende Besuch des Königspaars bei
einer armen Emigrantenfamilie ausZaire...
"Vergiß nicht, sie spricht nur Französisch", Johann stößt ihn leicht an.
Wahrscheinlich meint er die Ehefrau, da die beiden bereits vor der Tür der
Familie angekommen sind, die in einem halbverfallenen, dreihundert Jahre alten
Haus wohnt, das plattgedrückt zwischen zwei neueren Brandmauern steht. Das
ganze Viertel ist verschimmelt und offensichtlich weit weg vom Zentrum. Johann
scheint sich von der erlittenen Beleidigung erholt zu haben - er lächelt und
sieht seinen Freund mit hellen, durch und durch gutherzigen Augen an. Evgeni
hat plötzlich die Vermutung, daß Johann die Peinlichkeit der Situation einfach
im voraus auskostet: "Nun wollen wir doch mal sehen", scheint sein naiver
flämischer Blick zu sagen, "wie weit du bei armen, kranken und dummen Menschen
mit deinen hausbackenen Theorien kommst, noch dazu auf Französisch." Doch
eigentlich ist kaum anzunehmen, daß Johann etwas derartiges denkt, denn
immerhin ist er ja Europäer. Wahrscheinlich freut er sich einfach über diese
Chance, die höchsten Tugenden seiner Zivilisiertheit vorzuführen:
Großzügigkeit, Mitleid und die tiefe Überzeugung, daß alle Menschen gleich
sind. Das ist unfair, will Evgeni sagen, ich war nie habgierig und neidisch,
du hast kein Recht, mich in dieser Weise auf die Probe zu stellen. Und
außerdem bin ich selber arm, vielleicht auch dumm, und wenn du wirklich so
kultiviert bist, dann hab gefälligst auch Respekt vor mir, der ich kein
Afrikaner bin.
Mitev könnte diese imaginären Dialoge, die einfach nur eine Kompensation
für seine mangelnde Kommunikationsfähigkeit sind, noch ewig fortsetzen, denn auch
der Besuch bei der afrikanischen Familie zieht sich qualvoll in die Länge. Mit
gespieltem Interesse betrachtet er einen Haufen Fotos und Zeitungsausschnitte
(das Thema: Menschenrechtsverletzungen in Zaire), die ihm der Hausherr
großzügig auf den Schoß gepackt hat, gibt von Zeit zu Zeit undefinierbare
Geräusche von sich, die Interesse und Anteilnahme ausdrücken sollen, starrt
zum verschmierten Fenster, an dem Windeln aufgehängt sind, und verscheucht
möglichst taktvoll einen übermütigen dunkelhäutigen Jungen, der ihn offenbar
mit einem rituellen afrikanischen Messer tätowieren möchte.
Maria (so heißt die Hausfrau), die eine Kette mit einem silbernen Kreuz am
Hals trägt (wahrscheinlich ist das Christentum bei den Intellektuellen in
Zaire en vogue, denkt Evgeni) schenkt ihm gerade Rotwein aus einer
angebrochenen Flasche ein und versucht verlegen, sich fester in das bunte
Leinentuch zu hüllen, das ihr als Gewand dient. Wieder zieht Johann ganz leicht
die Augenbrauen hoch (oder ist das nur ein nervöser Tic?). Diesmal schließt sich
Evgeni aber der europäischen Empörung an: Rotwein am hellichten Tage, und noch
dazu aus einer schon geöffneten Flasche - was sind denn das für Sitten...
Soweit er sich im frankophonen Gespräch zu orientieren vermag, geht es
darum, daß Maria und ihr Mann schrecklich arm und unglücklich sind. Er arbeitet
den ganzen Tag illegal auf einer Baustelle und sie sitzt zu Hause, weil sie Angst
hat, aus dem Haus zu gehen, und außerdem muß sie sich ja um die Kinder
kümmern. Mit einem Wort - Finsternis. Es ist die Rede von billigen
Einkaufsmöglichkeiten, Sonderangeboten, kleinen Tricks, um Geld zu sparen.
Johann erklärt ihnen, wie sie kostenlos Medikamente bekommen können und wo es
preiswerte Tapeten gibt, in der Zwischenzeit breitet der Zairer eine zerlegte
Armatur und Teile einer Dusche auf den zerkratzten (was für ein beleidigender
Zufall!) Tisch aus - lauter Sachen, die aus dem Müll gerettet wurden -,
während seine Frau eine riesige Plastiktüte mit Kinderkleidung anschleppt -
ein Geschenk einer Wohltätigkeitsorganisation. Johanns Augenbrauen stehen
jetzt permanent beinahe senkrecht, seine langen Finger mit den sauberen,
kurzgeschnittenen Nägeln befühlen vorsichtig die immer neuen Gegenstände, mit
deren Hilfe die Afrikaner das Königreich Belgien zu kolonisieren gedenken: ein
altes Radio, eine Kaffeemaschine, ein Babypflegeset, einen Quarzwecker, ein T-
Shirt mit Webfehler, Hochglanzplakate mit riesigen Kathedralen, Biergläser mit
dem Logo einer Brauerei, leere Gewürzdosen mit bunten Etiketten, eine
Spiegelscherbe, eine Handvoll Glasperlen, einen langen silberfarbenen Dolch...
Natürlich sind da keine Glasperlen und keine Dolche: die rosigen Handflächen,
die in den Gegenständen wühlen, das Weiße in den Augen wie ein Lichtreflex auf
ausgehärtetem Asphalt, die lautlos sich bewegenden fleischigen Lippen und das
prähistorische Profil des kleinen Jungen, der verzückt vor dem sich verdunkelnden
Fenster steht - all das weckt in Evgeni längst verschüttete Assoziationen, plötzlich
riecht es rings um ihn herum nach Sandsturm und verbrannter Erde, die Windeln am
Fenster bauschen sich wie Segel, Johanns windumwehtes Gesicht mit dem
rötlichen Bart wird hart wie Stahl, unterm Tisch ist das Knarren von
kalbsledernen Stiefeln zu hören, die Afrikaner lächeln naiv, der Junge zeigt
freundlich die Perlenkette seiner regelmäßigen weißen Zähne, und das
Segelschiff, das im Kanal vor dem Fenster vor Anker liegt, gibt einen
Kanonenschuß ab.
Eigentlich kommt er von der städtischen Kanone. Sie donnert täglich um fünf
Uhr, eine Ehrenbezeugung für einen Helden, der vor Jahrhunderten etwas
Bedeutendes für die Stadt getan hat. (Wäre Magda hier, würde sie mich bestimmt
mit detailierten Angaben zu der fraglichen Heldentat überschütten, denkt sich
Evgeni, geordnet wie auf einem Stundenplan.) Von den Gegenständen (der
westliche Mensch verwendet im Laufe seines Lebens an die 10 000 Gegenstände,
erinnert sich Evgeni an die nächste Kuriosität, die er irgendwo gelesen hat)
ist das Gespräch nun wirklich nach Afrika übergesiedelt. Maria und ihr Mann
schenken abermals Wein ein - aus einer neuen Flasche (diesmal eine andere
Sorte) - und reisen mit Johann zusammen nach Kinshasa, besuchen Freunde in
Gabun, werden in einem Strohhüttendorf von der Nacht überrascht, weil ihnen
das Benzin ausgegangen ist, flüchten vor Elefanten - kurzum, eine Erregung hat
von ihnen Besitz ergriffen, die sie veranlaßt, sogar dem schüchternen Bulgaren
Beachtung zu schenken.
"Gibt es in Bulgarien Elefanten?", fragt Maria ganz im Ernst, ohne daß ihre
dicken Lippen imstande wären, das anmutige französische "E" wirklich über sich
zu bringen.
"Nur im Zoo", scherzt Evgeni, der bereits Erfahrung hat: ähnliche Fragen hat
er mehrmals in bezug auf Tiger, Pythons und sogar Vulkane beantworten müssen.
Als nächstes ist sicherlich der Löwe auf dem Wappen der Volksrepublik
Bulgarien an der Reihe.
"Tanzen Sie gern?", fragt seinerseits ihr Mann, nachdem er eine Musikkassette
mit langgezogenen Frauenstimmen und dumpfen Trommelschlägen eingelegt hat.
Evgeni versucht zu erklären, aber sein angeborener Respekt vor den Tatsachen
zwingt ihn zuerst zu einer Reise in die Zeit des Twists (der einzige Punkt, wo
seine Biographie ein kurzes Tête-a-tête mit der Tanzkunst hatte) und führt ihn
weiter in das Labyrinth irgendwelcher unwesentlicher Präzisierungen über
diverse musikalische Stilrichtungen. Sein narratives Pathos und das
Desinteresse für das Thema gehen eine unselige Verbindung miteinander ein, mal
springt er zur bulgarischen Folklore (von der er keine Ahnung hat), mal zu den
Fêten seiner Jugendzeit, bei denen die Schulband aufspielte. Gott weiß woher
sich dazu auch die Spartakiaden gesellen mit ihren bänder- und
teppichklopferschwingenden Formationen, und da verlieren die Afrikaner
natürlich irgendwann den Faden und beginnen ihrerseits von
Fruchtbarkeitsfesten und rituellen Regentänzen zu erzählen, wieder tauchen
Elefanten auf, einer stampft Marias Vetter zu Brei, und am nächsten Tag wird
der Nachbar dieses Vetters verurteilt, weil er sich in der Nacht in einen
Elefanten verwandelt und vorsätzlich seinen Rivalen zertrampelt habe, der mit
ihm um das Herz der Dorfschönheit konkurriert hatte.
"Aber die Reichen in den Städten haben ein Interesse daran, das Volk in
Unwissenheit zu halten", erklärt Marias Mann hitzig. "Sie verkaufen die
Reichtümer des Landes zu Schleuderpreisen, bauen Paläste, häufen Gold und
Edelsteine auf, während die Menschen an Krankheiten zugrunde gehen oder gar
Hungers sterben. "
Bei uns bauen sie zwar auch Paläste, aber wenigstens befaßt die Justiz sich
nicht mit magischen Metamorphosen, will Evgeni bemerken, verzichtet aber
darauf. Sein Verstand versucht einen qualvollen Spagat zwischen müden
Assoziationen über das Leben in Afrika und den vertrauten Kenntnissen vom
Leben in Bulgarien. Die Spartakiaden sind natürlich ein ausgemachter
Schwachsinn, aber vielleicht war das ja auch ganz lustig, man aß
Schokowaffeln, es roch aufregend nach verschwitzten Mädchenkörpern, und in den
Pausen... Ausgerechnet ihm wollen sie ihre Regengebete und Tamtamrituale
verkaufen, ihm, der das doch alles kennt. Und gleichzeitig vernimmt er sofort
die Dissonanzen, wenn jemand sich wegen der Edelsteine, des Hungers, der
Armut, der Luxuslimousinen und Spartakiaden zu ereifern beginnt. Heimat bleibt
Heimat, wie der Sumpfbewohner aus einer bekannten bulgarischen Anekdote
(stolz?) zu sagen pflegt. Vor kurzem hatte er mit Johann eine Veranstaltung
über die Probleme der Dritten Welt besucht, und als sein Freund danach zum x-
ten Mal seine Reiseeindrücke aufzusagen begann, war in seinen Worten mehr
Ironie als Anteilnahme zu vernehmen. Etwas anderes haben wir wohl nicht
verdient, denkt in einem Anfall von Selbsterniedrigung Evgeni, der ohne es zu
bemerken die Grenze zwischen Afrika und Bulgarien verwischt hat. Sonderbar,
mir sind diese Menschen näher und verständlicher als den Westeuropäern, doch
sie interessieren mich nicht, hier aber beachtet sie jeder, wenn auch nur pro
forma. Ich verstehe zum Beispiel ihre Ehrfurcht vor glänzenden Gegenständen
und ihre Sehnsucht nach den schäbigen Straßen Kinshasas, ihren Wunsch in den
Regen hinauszugehen, bis zur Erschöpfung über Verwandte und Freunde zu
erzählen, ja sogar ihr falsches Dissidentenpathos gegen Mobutu verstehe ich,
und trotzdem (oder gerade deswegen?) langweile ich mich zu Tode.
Inzwischen hat sich die Situation wie in einem Seminar über literarische
Schreibtechniken entwickelt. Große Tränen tropfen auf die Schokoladenbacken
von Maria, die alle paar Sekunden den Kopf zurückwirft und jaulend in die
Musik aus dem Kassettenrekorder einstimmt. Das nasse Baby weint auf Johanns
Schoß, er aber in seinem gnadenlosen Humanismus bleibt ungerührt und füllt mit
großen Buchstaben die ihm von den Gastgebern ausgehändigten Asylformulare aus.
Die dritte Flasche ist geleert, der Zairer raucht eine süßlich riechende
selbstgedrehte Zigarette und kratzt sich gedankenverloren die getrockneten
Betonspritzer aus den Locken, und das blutrünstige Kind mit dem Messer scheint
unterm Tisch eingeschlafen zu sein. Plötzlich herrscht Alltag, die drei
verschiedenen Kulturen leben in Frieden wie auf einer Insel mitten im Ozean
und nur Evgenis unruhige Seele scheint automatisch weiter Fragen ohne
Antworten zu produzieren: Einerseits - andererseits. Warum? Wieso? Gerade wir
lernen doch schon im Kindergarten von den weißen, gelben und schwarzen
Kinderlein, von der Gleichheit und Brüderlichkeit, gerade wir haben doch mit
Feuereifer Losungen gegen den Diktator Battista geschrieben, haben Rotkreuzmarken
gekauft und zornige Telegramme an die Marionettenregime geschickt, warum ist dann
ausgerechnet Johann imstande, viele Stunden von seiner Zeit damit zu vergeuden, daß
er den Leuten umständlich und ausführlich die banalsten Dinge erklärt, Geld spendet,
sich mal wundert und mal nicht, und sich nicht ekelt vor dem vollgepißten Baby auf
seinem Schoß, das ich nicht mal zu streicheln wage? Warum war er in Afrika und ich
nicht? Und warum kommen die Afrikaner hierher, wo sie verachtet und herumgestoßen
werden, und nicht zu uns, wo alles dreckig und zerkratzt ist, wo es auch Häuptlinge,
Aufmärsche und Schamanen gibt, wo die Menschen auch am hellichten Tage Wein
trinken und Zigeunermusik hören, ansonsten aber einen tiefen Abscheu vor
Zigeunern, Negern,Häuptlingen und Schamanen haben und keinen Augenblick zögern
würden, den eigenen Nachbarn, wenn schon nicht von Elefanten zertrampeln, so
doch von Panzern niederwalzen zu lassen, wenn ihnen die Häuptlinge und Schamanen
sagten, er sei Türke?
Als er ein wenig später mit Johann im Alternativen Café zum Abschied noch
einen trinkt, recyclet Evgeni aus Langeweile einen alten Witz:
"Weißt du, zwei Dinge kann ich nicht ausstehen: den Rassismus und die
Neger."
Sein Freund nickt höflich: er hat ihn schon wieder nicht verstanden.
Aus dem Bulgarischen: Valeria Jäger