DIE NACHT IM MITTELALTER



1. DIE ANDERE ZEIT


Eine "nächtliche" Kulturgeschichte des Mittelalters zu schreiben, wäre schon ein ziemlich 
verlockendes Unterfangen. Wie bereitwillig benutzen wir doch triviale Metaphern, mit 
denen wir diese Epoche als finstere und unaufgeklärte ausweisen, aber wie selten fragen 
wir uns, wie der Mensch des Mittelalters das nächtliche Dunkel empfunden haben mag, 
wie er sich  in dessen schier endlosen Räumen orientierte, mit welchen Geschöpfen er 
sie besiedelte, mit welchen Bedeutungen er sie füllte und wie er sein eigenes Leben 
 in der Zeit zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang einrichtete. Fürwahr, das 
Thema ist - wie auch sein Gegenstand - unermeßlich, und auch diese knappen 
Bemerkungen können nichts anderes  als ein Versuch sein, wenigstens ein klein wenig 
den Vorhang  zu jener faszinierenden Welt aufzutun, die furchteinflößend und anziehend 
in einem ist.
Vergessen wir also für einen Moment die modernen wissenschaftlichen Methoden und 
versuchen wir, uns dem Gegenstand so zu nähern, wie es der Mensch in jenen längst 
vergangenen Zeiten getan hätte. Zunächst sollten wir uns  in den Klang des Wortes 
selbst hineinhören, mit dem wir die Nacht benennen - nox. Die Namen - so 
lautet die mittelalterliche Maxime - geben den Dingen ein Wesen, und deshalb müssen 
wir in unserem Bestreben, die wahre Natur einer gegebenen Sache zu erfassen und 
deren Sinn wie Bestimmung zu entziffern, als erstes darauf hören, was ihr Name 
verkündet. Um die tiefste und höchsteigentliche Wahrheit über den Menschen zu 
begreifen, braucht es nicht erst komplizierte anthropologische Studien. Es genügt, wenn 
wir die Bezeichnung für den Menschen hören - homo - und darin - rein äußerlich, 
rein akustisch - die Klangnähe zu humus erkennen. Und schon wissen wir das 
Wichtigste über den Menschen - daß er Erde ist und zu Erde wird.
Auf solche Art deuten die großen Enzyklopädisten des europäischen Mittelalters 
den Sinn der Nacht - Isidor von Sevilla im siebten Jahrhundert, Beda Venerabilis 
im achten, Hrabanus Maurus im neunten, Thomas von Cantimpré, Bartholomaeus 
Anglicus und Vinzenz von Beauvais im dreizehnten Jahrhundert: Das Wort "Nacht" 
kommt vom Verb nocere, das bedeutet "beschädigen, schaden". In der Tat, die 
Nacht hindert zunächst die Augen, ihre Funktion zu erfüllen. Die Finsternis verbirgt 
die Farben und verwischt die Konturen der Dinge, wobei sie sie in vage, diffuse 
Schatten verwandelt, in bizarre, leblose Figuren ohne klares Relief, ohne Proportionen 
und Tiefe, ohne sichtbares Antlitz und erkennbaren Sinn. Das nächtliche Dunkel 
macht den Menschen machtlos, es raubt ihm die nötigen Orientierungen, konfrontiert 
ihn mit ungewissen Feinden. Bei Nacht wird jedes Leiden verstärkt, die Luft ist 
dick und schwer und voll von giftigen Ausdünstungen aller Art, aus dem finsteren 
Abgrund tauchen grauenerregende Phantasiegestalten auf, blutrünstige 
Nachtbestien, Räuber und Diebe streifen umher. Der Schleier des Dunkels 
verdeckt dem Wanderer den rechten Weg, dem Schiffbrüchigen das rettende Ufer. 
Die Nacht ist keinem hold.

Dieses Bild der unheilschwangeren Nacht, wie es Bartholomaeus Anglicus in De proprietatibus rerum um 1240 entwirft, ist für das ganze europäische Mittelalter bestimmend, auch wenn freilich die Bewohner der mittelalterlichen Städte, der Schlösser und Klöster nicht unempfänglich für die Schönheit der stillen und erquickenden Sommernacht sind und im Grunde sehr wohl wissen, daß die Nacht ebenso wie der Tag das Werk Gottes ist . Daß es in der Wertigkeit der Zeit Diskrepanzen gibt und die Nacht hin zum Pol der negativen Bedeutungen rückt, ist zum Teil eine Folge der tatsächlichen Brutalität, mit der sie jedem menschlichen Beginnen entgegenwirkt. Doch verantwortlich hierfür ist auch das Bestreben des mittelalterlichen Menschen, die einzelnen Realien konsequent verschiedenen Niveaus in der Hierarchie des Seienden zuzuordnen, sie in ihrer Wertigkeit zu staffeln und sich bei jeder Erscheinung die Vorderseite und die Kehrseite zu verdeutlichen. In diesem Sinne kann die Nacht, auch wenn sie, vom Gott geschaffen ist, kein bedingungsloses Böses sein (denn vom Gott kommt nichts Böses), doch die "andere" Zeit, die Kehrseite der Zeit des Menschenlebens - ebenso wie das Schweigen die Kehrseite des Redens ist, das Böse - die des Guten, der Tod - die des Lebens. Die Nacht bekommt ihren Platz in der Reihe der sogenannten "negativen Universalien", d.h. bei jenen realen Dingen, die sich gerade als "Abwesenheiten" zeigen - als Nichtvorhandensein des Guten, von Laut, Licht oder Leben. Der Status solcher Realien ist ein sehr besonderer. Sie sind, ganz allgemein gesprochen, Abweichungen von der Norm des menschlichen Seins. Sie ent-menschlichen die Welt, und daher bedürfen sie eines zusätzlichen Reglements, welches ihre Existenz rechtfertigt und sie - mit einem positiven, wenn auch gemindert positiven Vorzeichen - ins Universum zurückführt. Der gute Christ bezweifelt nicht, daß es seinen Sinn haben muß, wenn Gott die Finsternis, die Plagen, das Leid und den Tod in seinem Schöpfungswerk gestattet. Doch dieser Fakt nimmt ihnen nicht das Problematische, er entläßt nicht aus der Notwendigkeit, das "Nicht-Menschliche" an ihnen zu überwinden, und letztendlich vertreibt er auch nicht die Beklommenheit und Furcht vor ihrer Unermeßlichkeit und Undurchschaubarkeit. Wenn der Mönch sich dagegen sträubt, nach Sonnenuntergang auch nur einen Schritt aus dem Schutz der Klostermauernhinauszutun, oder wenn die tapferen Ritter König Artus sich sorgenvoll nach einem Unterschlupf für die anbrechende Nacht umschauen, dann ist das keine banale Angst. Vielmehr finden wir hier die natürliche Abneigung des Menschen, aus der bewohnten (d.h. geordneten und klaren Regeln unterworfenen) Welt in den Raum des Anderenhinüberzuwechseln, wo nichts es selbst ist: das Sakrale birgt Verderben (das gastfreundliche Kloster erweist sich als Hort von Dämonen), das Beständige ist ephimer (das Schloß löst sich vor den Augen der sich ihm nähernden Reisenden auf), die Formen sind fließend (das Wesen, das im Dunkeln erscheint, nimmt abwechselnd die Gestalt eines Raben, eines Hundes, einer Ziege und eines riesenhaften Menschen an), die Worte sind unverständlich (sie kommen nicht von Zunge und Gaumen, sondern tönen aus dem Körperinnern des Unbekannten ähnlich wie Laute aus einem leeren Faß). Daß der Mensch die Nacht als etwas empfindet, das seiner Natur inadäquat ist, wird noch durch Analogien verstärkt, die gang und gäbe im Mittelalter sind. Die Nacht ist mit dem Tod verwandt. Sie beraubt uns buchstäblich der Hälfte unseres Lebens, indem sie uns zur Untätigkeit verurteilt. Aber auch "der Substanz nach" ist sie der Topos des Todes, denn was ist der Tod, wenn nicht die absolute Gestaltlosigkeit und Indifferenz, die völlige Reglosigkeit und Undurchdringlichkeit? Dort, wo die Nacht am dunkelsten und tiefsten ist, rührt sie an das absolute Nicht-Sein, an das Zeitlose selbst, und das ist der Tod auch. Eben darum wohl betrachtet das Mittelalter jegliche nächtliche Aktivität als etwas Sinnloses, ja sieht in ihr sogar etwas tödlich Riskantes. Die Schnitter, die sich verspätet haben, vernehmen irgendwoher aus der dichten Finsternis drohende Mahnung: "Der Tag ist euer, mein ist die Nacht." Um so beängstigender sind diese Worte, als hinter ihnen kein deutlich auszumachendes Subjekt steht. Ist es der Teufel, der da spricht, ist es einer der zahllosen Bewohner der Nacht, oder ist es der Tote, der die durchlässigen Grenzen des Dunkels überwunden hat und zurückgekehrt ist? Der deutsche Chronist Thietmar von Merseburg berichtet zu Beginn des elften Jahrhunderts von einem neugierigen Geistlichen in Deventer, der sich in der Kirche verbarg, um zu sehen, wer die geheimnisvollen Besucher sind, die dort allnächtlich die Kerzen anzünden. Es waren die Toten. Wieder kamen sie zur gewohnten Stunde, gegen Mitternacht, und sie hoben den Geistlichen mitsamt seinem Lager auf und verbrannten ihn vor dem Altar. Dies geschah - erklärt der Chronist -, weil der Unselige unvorsichtigerweise die Grenze des belebten menschlichen Raumes übertreten hatte, als er sich in die nicht dem Menschen bestimmten Gefilde der Nacht vorwagte. Diese Trennlinie ist eindeutig und kategorisch festgelegt: "Gleichwie Gott den Tag den Lebendigen, so hat er die Nacht den Toten gegeben." Die Nacht ist "die andere", die Nicht-Menschen-Zeit. Konnte sie bewohnbar gemacht, kultiviert, dem Nicht-Sein abgerungen werden? Wie brachen die Menschen des Mittelalters den Widerstand "des Anderen"? So gestellt, fordert uns diese Frage auf, auf andere Art und Weise Einblick in das Leben in dieser längst vergangenen Epoche zu nehmen. Das Leben im Mittelalter, gesehen im fahlen Licht der Nacht.

2. DIE NÄCHTLICHEN STUNDEN

Für das europäische Mittelalter ist die Nacht die "andere" Zeit - bedrohlich und unheilvoll, 
verwirrend und problematisch. Das Problematische an der Nacht rührt, neben allem 
anderen, auch aus ihrer inneren Dimensionslosigkeit her, aus dem Fehlen einer deutlichen 
inneren Struktur, wie sie für jede real existierende Sache charakteristisch ist. Wenn die 
Stunden des Tages durch die Bewegung der Sonne am Himmel klar zu erkennen sind, 
so erscheinen die Segmente der Nacht einander identisch - das Dunkel ist stets sich 
selbst gleich. Gerade dieses Uniformismus bewirkt, daß die Nacht nicht zu der zum 
Leben tauglichen Welt des Menschen gehört, zu einer Welt, die zwangsläufig geordnet 
und ermeßbar ist - zumindest nach der Norm des Seienden.
Andererseits aber gibt es in Gottes ganzem majestätischem Weltgebäude kein einziges 
Element, das sich dem göttlichen Plan völlig entzöge. So sehr die Lebenstauglichkeit 
der Nacht auch gemindert ist, so minimalisiert auch jede menschliche Präsenz in ihr 
sein mag, die Nacht ist doch das Werk Gottes, und das heißt - ein bewohnter und 
belebter Raum, der aus ebendiesem Grunde auch seine unausbleibliche innere 
Strukturierung hat. Je rarer und je weniger greifbar die Zeichen der nächtlichen 
Ordnung sind, um so mehr Aufmerksamkeit legt der Mensch des Mittelalters 
auf sie. Je machtvoller die natürliche Urgewalt der Finsternis ihm entgegentritt, 
um so geflissentlicher sucht er ihr die Zeichen seiner eigenen Anwesenheit 
entgegenzusetzen. 
Das Zeichen der menschlichen Präsenz in der Zeit ist die Stunde. Das europäische 
Mittelalter kennt verschiedene Systeme, um die Nacht zu messen. Zunächst wäre 
da die "natürliche" Einteilung der Nacht in sieben Teile, die in hohem Maße relativ 
sind und von subjektiven Eindrücken, von den Besonderheiten der Landschaft 
oder der geographischen Breite abhängen: Dämmer, Abend, Nachtschweigen, 
Mitternacht, Zeit des Hahnenschreis, Morgengrauen, Morgenröte. Dieses Schema, 
vorgeschlagen von Isidor von Sevilla im siebten Jahrhundert und so in den 
Enzyklopädien des frühen und Hochmittelalters immer wieder abgerufen, beruht auf 
einer eigenartigen - einer natürlichen, aber auch symbolischen - "Qualifikation" der 
einzelnen Segmente des nächtlichen Raumes. So ist zum Beispiel die  
Dämmerstunde der dogmatisch-moralische, jedoch ganz allgemein auch der 
existentielle Indikator für alle Ungewißheit des Lebens, für das Zweifelhafte in 
unserem Tun, für die Doppeldeutigkeit unserer Worte, Begegnungen und Gesten. 
Die mittelalterliche Mentalität sieht sehr wohl eine Entsprechung zwischen dem 
Ereignis und der Qualität des "Chronotops", sprich von Zeit und Ort, wo es sich 
zuträgt. Von daher werden solche Gestalten, die sich nur schwer identifizieren lassen, 
in der Regel namentlich zur Dämmerstunde auftreten, also in der Zeit des trügerischen 
Zwielichts. Es war im Abenddämmer, daß vor den Einsiedler die Versucherin trat; 
und als er sich ihrer  auf ihren Bericht hin erbarmte - wie sie vom Wege abgekommen 
war, wie sie sich vor den Wölfen gefürchtet hatte, wie sie schon ganz durchfroren und 
hungrig war -, als er sie darauf also in seine Klause ließ, da begann sie, ihre Beine und 
Schenkel zu entblößen, so daß der heilige Mann, um nicht der Versuchung zu erliegen, 
gezwungen war, seine Finger an der Flamme des Ewigen Lichtes zu brennen, denn 
es würde ihn sonst, wie er sagte, die lodernde Gehenna mit noch viel grausameren 
Flammen quälen.

Sinnträchtig sind auch die horae canonicae, die kanonischen Stunden, die die Zeit des Stundengebets festlegen. Auf das westliche Mittelalter sind sie aus der Vierteilung der Nacht überkommen, die für den Wachdienst im alten Rom galt, wo die Wachmannschaften jeweils zur dritten, sechsten und neunten Stunde antraten. Allerdings nimmt das Mittelalter hier eine wesentliche Veränderung vor. Die Minimalisierung weltlicher Aktivität zur Nachtzeit führt gemäß dem ziemlich intensiven Nachtleben in den Klöstern (Nachtwachen, Nachtgebete, nächtliche Gebetsversammlungen) dazu, daß die Verantwortung für das Registrieren und Verkünden der nächtlichen Zeit ganz natürlich auf die Institution der Kirche übergeht. So eignet sich die Kirche nach und nach die Funktion eines Regulators des Lebens an, und zwar vor allem dort, wo die Orientierung an natürlichen Zeichen erschwert oder gänzlich unmöglich ist. Zu Beginn des siebten Jahrhunderts ordnet Papst Sabinianus an, die nächtlichen Stunden mit dem Läuten der Kirchenglocke anzuzeigen. Die Zeit selbst wird vornehmlich an Geschehnissen aus der Heilsgeschichte festgemacht und erstarrt quasi im Rhythmus des liturgischen Zyklus. Die kanonischen Stunden strukturieren die Nacht gerade mit Blick auf die gottesdienstlichen Verrichtungen der Mönche und Kleriker, wobei erst als zweites auch die zahlreichen profanen Tätigkeiten in den festgesetzten Rhythmus mit einbezogen werden. Das Christentum ergänzt die einfache gleichmäßige Konstruktion der alten Römer, indem es zwei neue Stunden einführt und so das Verhältnis zwischen dem lichten und dem dunklen Teil eines Tagganzen so ausbalanciert, daß die Nacht ausreichend Zeit für Gebet und Wachen besitzt. Noch im fünften Jahrhundert wird zwischen Morgenandacht und dritter Stunde die Prim, die erste Stunde, untergebracht, die etwa um den Sonnenaufgang liegt. Damit wird der morgendliche Gottesdienst in den Raum der Nacht zurückgedrängt, was natürlich auch den Rhythmus der Gebete verändert. Die Nachtmesse (Matutin, Vigilien), die traditionell gegen Mitternacht oder zur Zeit des ersten Hahnenschreis begann, verschmilzt allmählich mit der Morgenandacht (Laudes) zu einem liturgischen Ganzen, das etwa zwei Stunden nach Mitternacht einsetzt und bis zu den ersten schwachen Anzeichen des neuen Tags dauert. Am Tagesausklang, mit dem Beginn der Abenddämmerung, wird das Abendschlußgebet (Komplet) gehalten, wodurch sich der Abendgottesdienst (Vesper) wiederum nach vorn in den Tag verlagert. Die der Rhythmik des liturgischen Zyklus folgende Einteilung der Nacht hat die Bestimmung, diesen Abschnitt eines Tagganzen in einen Raum zu verwandeln, der für den Menschen bewohnbar ist, ihn also aus seiner Leere und Inhaltslosigkeit zu erlösen. Eine Unterteilung ist jedoch auch rein quantitativ möglich - durch die schlichte Abfolge von Stunden, die einander in ihrer "Qualität" gleich sind. Hier haben wir allerdings zu bedenken, daß das Mittelalter zwei Arten von Stunden kennt - die gleichförmigen, die man erhält, wenn man ein Tagganzes in 24 einander gleiche Abschnitte zu je 60 Minuten teilt, und die veränderlichen. Eine Zeiteinteilung nach veränderlichen Stunden gibt es bei vielen alten Völkern. Lichter Tag und dunkle Nacht haben hier die gleiche Anzahl von Stunden, zwölf, und die Dauer einer solchen Temporärstunde variiert mit der zunehmenden oder abnehmenden Zeitspanne zwischen Sonnenaufgang und -untergang in den verschiedenen Jahreszeiten. So "schrumpft" im Sommer die nächtliche Stunde bis auf 40 Minuten, während sie im Winter 80 Minuten erreicht.

Die vielfältigen Formen, in denen die Vermessung der Nacht erfolgt, verlangen notwendigerweise nach einer einigermaßen aussichtsreichen Methode zur Festsetzung der nächtlichen Stunden. Die Möglichkeiten hierzu sind wahrlich begrenzt. Die nächtliche Zeit kann entweder natürlich gemessen werden - mittels naturgegebener regulierender optischer oder akustischer Zeichen (Sterne, das Krähen des Hahns) -, oder aber mechanisch - mit Uhren, deren Funktionieren nicht vom Sonnenlicht abhängt. Die erstgenannte Möglichkeit ist hauptsächlich für das frühe Mittelalter charakteristisch. Als Richtpunkt dient dabei je nach Jahreszeit das Erscheinen eines bestimmten Sterns am Horizont. Von diesem Moment an mißt man die Zeit nach der Anzahl der Psalmen, die von hierzu extra eingesetzten Mönchen in "antiphonalem" Vortrag gesungen werden. Daß diese Art der Zeitmessung relativ ist, liegt außer jedem Zweifel. Sie wird fragwürdig durch das Bezügliche ihres Ausgangspunktes und den veränderlichen Rhythmus des Psalmodierens, aber auch durch die geographische Festgelegtheit und fehlende Sicherheit (in bewölkten Nächten ist diese Methode nicht anwendbar). Die "Reproduktion" der Zeit mit Hilfe von Mechanismen hingegen stößt auf kaum erwartete Schwierigkeiten. Diese sind technischer Art (so können etwa die Rohre von Wasseruhren verstopfen oder im Winter einfrieren und platzen), aber auch rein "ideologischen" Charakters. Da die Zeit kein menschliches, sondern gerade ein göttliches Urphänomen ist, soll sie - schreibt Papst Gregor I, der Große - auch nicht auf dem Zifferblatt der von Menschenhand geschaffenen Uhr gemessen werden, sondern an ihrem natürlichen Ort, nämlich am Firmament. Vorausschauendere kirchliche Prälaten indes begreifen sehr wohl, daß die Kirche ihr Monopol über den Zeitgebrauch nur dann wird wahren können, wenn sie alles daran setzt, sichere und erfolgversprechende Meßinstrumente zu meistern. Der namhafte Abbon de Fleury beispielsweise widmet spezielle Zeilen den Vorteilen der Wasseruhr, der Klepsydra, wobei er die Vorwürfe widerlegt, sie verletzte die von Gott gewollte Ordnung der Schöpfung. Ist die Wasseruhr auch vom Menschen geschaffen, so wird dies doch dadurch neutralisiert, daß das Wasser gleichmäßig durch ihren Mechanismus rinnt und so die natürliche gleichförmige Bewegung der Sterne am Firmament "imitiert". Überdies ist die Beobachtung nicht beeinträchtigt, wie es dort infolge von atmosphärischen Störungen der Fall sein kann. Der Gebrauch der Uhr gestattet es gerade, die nichtveränderlichen Zeitstunden der Nacht als die natürlichen und richtigen anzunehmen, während jene Stunden, die sich mit den Jahreszeiten "zusammenziehen" oder "ausdehnen", als künstliche und "verkehrte" gelten. Im späten dreizehnten Jahrhundert basteln Uhrmachermeister an einem Mechanismus, der innerhalb einer Zeitspanne von zwölf Stunden eine ganze Umdrehung absolviert. Mitte des darauffolgenden Jahrhunderts erfindet Giovanni de Dondi eine mechanische Uhr mit Gewichtantrieb. Zur selben Zeit beginnt man damit, Stadttürme mit Uhren zu versehen - im Jahre 1344 zu Padua, 1345 in Brugge, in Genf und Florenz im Jahre 1354, in Colmar, Gent, York und Paris 1370. Aus dem Jahre 1371 ist die erste Schiffsuhr zu Köln bezeugt. 1377 erwirbt Karl V. (der Weise) einen wunderschönen transportablen "Horologen", und unter den Kostbarkeiten am burgundischen Hofe wird 1430 auch die berühmte Wanduhr Philipps des Guten angeführt. Die Vorurteile des frühen Mittelalters gegen eine mechanische Nachbildung des Laufes der Himmelskörper sind vergessen. Freilich, der Mensch hat seine Angst vor der Finsternis noch nicht überwunden, doch hat er es verstanden, Ordnung ins Dunkel zu bringen und dieses also gewissermaßen zu einem Teil seiner eigenen Welt zu machen.

3. DIE BEWOHNER DER NACHT: DIE ZWERGE

Für den Menschen des Mittelalters ist die Nacht eine Zeit ohne Substanz,  eine 
Zeit der Untätigkeit. Sie ist die Zeit, um Frieden und Ruhe zu finden. Doch 
sobald wir das nur schwer zu durchdringende Dunkel aufmerksamer betrachten, 
werden wir erstaunt feststellen, daß es nur so  in den Gefilden der Nacht wimmelt, 
daß die "Kehrseite" des Lebens in jener Epoche eigentlich überaus lebendig und 
dynamisch ist. Die Nacht ist Heimstatt all jener Wesen, die wie auch immer aus 
der Gemeinschaft der wohlmeinenden Geschöpfe und gottesfürchtigen Menschen 
herausgefallen sind, sich allerdings in spezieller Mission Zutritt zu dieser 
Gemeinschaft verschaffen, indem sie die Grenzen der üblichen natürlichen Ordnung 
überwinden.
Zu den Bewohnern der Nacht müssen folglich nicht nur manche Arten von Vögeln, 
Tieren, Pflanzen oder Himmelskörpern gerechnet werden, sondern auch all jene 
Kreaturen, die zwar die Gestalt von menschlichen Wesen haben, aber doch als 
Randgruppe erscheinen - sei es aufgrund ihres Wuchses, ihres Alters, ihrer 
physischen oder geistigen Fertigkeiten. Sie sind kaum auf einen gemeinsamen 
Nenner zu bringen, und ein Heine, der seine Vorbehalte gegen ein solches 
wissenschaftliches Herangehen hatte und der es mit dem Versuch verglich, 
die dahinziehenden Wolken in einen Rahmen pressen zu wollen, empfahl nicht 
umsonst, die Phänomene nach schlichten Rubriken zu sortieren. Unser Interesse 
an all diesen Wesen - den Trollen, Kobolden und Gnomen, den Alben und 
Zwergen, den Mahren und den Riesen - richtet sich jedoch gerade auf ihren 
Status als Bewohner der Nacht, und so haben wir es doch einfacher, uns 
mittels gemeinsamer Kennzeichen ihr summarisches Bild vorzustellen.
Die Zwerge sind selbstverständlich anthropomorphe Wesen. Aber die Charakteristiken 
sind aussagekräftig genug, um ihre Träger an die eigentliche Grenze der Weltordnung 
zu rücken und sie somit, im besonderen, als Kreaturen der Nacht zu konturieren. 
An vorderster Stelle wäre da der ungewöhnliche Wuchs, der vom menschlichen 
Maß abweicht - sei es durch ein Zuviel, sei es durch ein Zuwenig. Es ist 
außerordentlich wichtig, gerade das Abweichen von der Norm als das Bedeutsame
 zu begreifen - und nicht das Zutreffen einer bestimmten Größe. In diesem Sinne ist 
es durchaus gerechtfertigt zu behaupten, daß nicht die Körpergröße das geeignete 
Kriterium ist, um die Zwerge zu identifizieren. In der Tat sind sie meistenfalls von 
ausnehmend kleinem Wuchs, nicht größer als eine Elle, kaum drei Fuß hoch oder 
gerade einmal einen halben Daumen lang, doch die Trolle der skandinavischen 
Sagenwelt sind Riesen.Yvain kämpft mit zwei riesigen, schwarzen und greulichen 
Koboldsöhnen, und in "Erec" von Hartmann von Aue ist Biley König der Zwerge, 
während sein Bruder, der Herrscher über das Land Antipodes, der Gigant Brians ist. 
Manchmal - wenn sie einer Menschenfrau beiwohnen und ganz normalwüchsige 
Kinder zeugen wollen - können die Zwerge ihre Körpergröße auch so verändern, 
daß sie der üblichen menschlichen Statur entspricht. Offenkundig unterliegt also 
die Konstituierung dieser Wesen einer andersgearteten Logik. Wenn etwas 
Gegebenes nur eine optimale Form haben kann und wenn es gerade diese 
eine optimale Form ist, welche diesem Gegebenen seine Beständigkeit und 
Existenzberechtigung garantiert, so sind hier die möglichen Abweichungen 
doch unendlich viele, und überdies ist diese Vielzahl so beschaffen, daß sie 
freie Übergänge vom Zuwenig zum Zuviel und umgekehrt gestattet. Von 
daher kann ein Zwerg also nicht einfach als Mensch von ungewöhnlich kleinem 
Wuchs verstanden werden. Der Wuchs, und mag er noch so ungewöhnlich 
sein, beläßt den jeweiligen Träger doch immer noch innerhalb der Grenzen des 
Bestimmten, und das heißt auch - in gewisser Weise - innerhalb der ontologischen 
Norm. Identifikationsmerkmal dieser Wesen ist hingegen gerade ihre Unbestimmtheit, 
die Unmöglichkeit, sie in irgendeine beständige Form einzupassen.
Das bezieht sich freilich nicht nur auf die Körpergröße, sondern auch auf die 
körperliche Gestalt. Malebron erscheint zuerst als schwarzes Pferd mit flammenden 
Augen, darauf als Stier, und schließlich verwandelt er sich - nachdem er dreimal 
auf dem Boden Kobolz geschossen hat - in einen schmucken Jüngling. Ein anderer 
Zwerg, der sich übrigens als einer der gemeinsam mit Luzifer verstoßenen Engel 
vorstellt, streift gewöhnlich als alter Mann umher, in ein grobes schwarzes Gewand 
gekleidet, doch vermag er auch die Gestalt eines Esels, eines Hirsches, eines Bären, 
eines schönen Mädchens oder einer häßlichen Alten anzunehmen. Die Metamorphose 
ist bekanntlich ein sicheres Zeichen für die Zugehörigkeit zum Jenseitigen oder doch 
zumindest für eine Situierung in den Randgebieten der vom Menschen bewohnten 
Welt. In dieser Hinsicht ist auch der Zwerg zweifelsohne als Grenz-Kreatur angelegt, 
als eigentümlicher Mittler zwischen dem Diesseits und dem Jenseits, als ein Grenzgänger, 
der mit Leichtigkeit die Trennlinie zwischen Tod und Leben überschreiten kann. Dieses 
Bild wird durch eine ganze Reihe zusätzlicher "Grenz"-Merkmale verdichtet. Die Zwerge 
sind natürlich nicht unsterblich, doch ist ihre Lebensdauer entweder, ihrer  Körpergröße 
gemäß, außerordentlich kurz, oder aber sie erfreuen sich eines wundersam langen 
Lebens. Meist sind sie weißbärtige Alte, deren Geburtsdatum in Zeiten zu suchen 
ist, die bei weitem das Maß dessen übersteigen, was problemlos als "gegenwärtige 
Generation" bestimmt werden könnte. Ihr Sein scheint einem anderen Lebensrhythmus 
zu unterliegen, in dem die Erdentage, Monate und Jahre keine Rolle spielen. Daß Zwerge 
namentlich "anders" sind, als es der Norm der menschlichen Wesen entspricht, erklärt 
ihre physische Form- und Gestaltlosigkeit. Die Zwerge sind in der Regel verblüffend 
häßlich, sie haben runzlige, schiefe Gesichter, verschiedenfarbige Augen, die Glieder 
sind disproportioniert, oft haben sie einen Buckel. Die radikale Form des Andersseins 
ist der Tod. So hält der Mensch des Mittelalters die Zwerge für seine verstorbenen 
Ahnen, die selbstverständlich nicht unwiederbringlich verschwunden im Abgrund 
des Nicht-Seins und des Vergessens sind, sondern die vielmehr in der für 
solche Grenz-Figuren charakteristischen Art und Weise am Leben teilhaben. 
Ungewöhnlich und irgendwie "nicht von dieser Welt" ist gleichfalls die Kleidung der 
Zwerge. 
Auch hier kann das Maß des Üblichen in beide Richtungen verletzt werden - die Kleidung 
kann überaus einfach, anspruchslos und grob sein, oder aber überaus kunstvoll gearbeitet, 
prächtig und fein. Ein wichtiges Attribut der Zwergen-"Garderobe" ist die traditionelle 
Kopfbedeckung, die Kapuze, das sichere Erkennungsmerkmal der sogenannten 
"verkappten Wesen", d.h. der Bewohner der jenseitigen Welt. Die Kapuze, die 
das Gesicht verdeckt, verstärkt die Empfindung des Nicht-Hiesigen, sie steht für 
die Verborgenheit der wahren Natur, für das Mysteriöse und Getarnte, was mit 
dem Geheimnisvollen und Undurchschaubaren der Zeit korrespondiert, in der die 
Geschöpfe der niederen Mythologie üblicherweise agieren. 
In einer Kultur, wo die Kleidung unmittelbar auf die Natur, den Rang und das sittliche 
Gepräge ihres Trägers schließen läßt, ist die Kapuze eher eine Maske, hinter der 
sich irgendein nicht zu enträtselndes, "umgekehrtes" Sein verbirgt - oder vielleicht 
sogar die Leere selbst, das pure Nicht-Sein.
Die Namen der Zwerge können deren körperliche Deformierung bezeichnen (Winzling; 
Buckelchen), auch bestimmte moralische Eigenschaften, zumeist negative (Dickkopf, 
Brausekopf), ferner die Verbundenheit mit einem magischen Gegenstand oder einem 
Naturelement (Ring-Alb, Wind-Alb), irgendeine Fertigkeit oder besonderes Können 
(Schließer, Schmied, Alleskönner und, wenn es sich um eine übernatürliche Fähigkeit 
handelt, Magier, Zauberer), auch eine Neigung zu Missetaten (Lügenbold, Langfinger, 
Tunichtgut) und letztendlich die Zugehörigkeit zur Welt der Toten (schwarzer Zwerg, 
Frost oder - insofern der Tod eine Art Schlaf ist - Schläfer).
Die Zwergennamen sind also überwiegend Hinweise auf Funktionen. Doch auch die 
Funktionen dieser Wesen sind außer allem Maß. Selbst wenn die Zwerge winzig klein 
sind, verfügen sie doch über unglaubliche physische Kräfte. Ihre Kenntnisse übersteigen 
den Rahmen dessen, was auch der weiseste Mensch wissen kann. Ihnen sind die 
Geheimnisse der Heilkräuter und der magischen Beschwörungen vertraut, ihre Sinne 
empfinden den Rhythmus der Natur mit, ihr Blick dringt sowohl in die dunklen Abgründe 
der Vergangenheit als auch in die unheimlichen Räume der Zukunft. Ein jeder davon 
könnte mit Fug und Recht den Namen Alvis (Allwissend) tragen, des bekannten Nachtalbs 
aus der skandinavischen Mythologie. Dieser Überklugheit steht ein übermenschliches 
Können in den verschiedenen Gewerken zur Seite, vor allem in der Schmiedekunst und 
im Bergbau. 
Die Zwerge sind die Hüter der unterirdischen Schätze, und keiner versteht es wie sie, die 
in den Höhlen verborgenen Edelsteine zurechtzuschleifen. Die Schmiedezwerge fertigen 
die Schnur Gleipnir, so geschmeidig und dünn wie ein Seidenfaden, doch unzerreißbar, so 
aß die Götter mit ihr den Wolf Fenrir fesseln können, damit dieser nicht die Himmelslichter 
verschlinge. Allerdings wird solche Überbegabung der Zwerge dadurch beeinträchtigt, daß 
ihr Tun moralisch nicht eindeutig ist... 
Durch ihre äußere Gestalt, ihre Verwandlungsfähigkeit und ungewöhnlichen Talente 
sowie durch das Ungewisse ihrer moralischen Disposition sind die Zwerge als marginale 
Wesen konstituiert. Am Rande der vom Menschen bewohnten Welt ist auch ihr Ort. 
Ihre Reiche liegen in fernen Ländern, sie sind in die unbehausten Räume im Innern 
der Erde verlagert, oder aber sie gehören zur "anderen" Zeit, zur Nacht. Die Heimat 
der pygmäischen Völkchen liegt oft weit ab von unserer Welt - sei es Indien oder ein 
ungenanntes, aber unbedingt unbekanntes Land. Allerdings bewohnen die Zwerge 
auch die eigentlichen Heterotopoi, die undurchdringlichen Wälder und felsigen 
"Wüsteneien" außerhalb der besiedelten Orte. 
Das Hinüberwechseln aus diesem Reich in die Menschenwelt setzt voraus, daß eine 
Grenze überwunden, überquert wird. Dies kann mit einem ungewöhnlichen Transportmittel 
geschehen - beispielsweise mit dem Schiff Naglfar, gebaut - wie der Name verrät - aus 
den Nägeln der Toten. Oder die Passage selbst muß nachts erfolgen. Nach den 
Glaubensvorstellungen des Mittelalters treten die Zwerge nicht bei Tag in Erscheinung. 
Mit dem Morgengrauen enden ihre ausgelassenen und lärmenden nächtlichen Lustbarkeiten, 
die Gelage und Tänze. Die Strahlen der Sonne sind eine Gefahr für die Zwerge, denn sie 
können sie zu Stein verwandeln. Daher sputen sie sich, in ihre Heimat zurückzukehren, 
eilig verschwinden sie in den dunklen unterirdischen Höhlen - und nur das niedergetretene 
Gras zeugt von ihrem Besuch in der Menschenwelt. 


4. DIE NACHT DER SCHLAFENDEN

Die Nacht ist die Zeit, in der sich der Mensch  von seinem Tagwerk und seinen 
Alltagssorgen ausruht. Der Rhythmus des Lebens beinhaltet  den Schlaf als Episode. 
Wenn der Mensch wirklich ein Mikrokosmos ist  - schreibt im zwölften Jahrhundert 
Hildegard von Bingen -, wenn also wirklich das Universum des Existierenden in ihm 
versammelt ist, so entspricht der Schlaf der nächtlichen Ruhepause der Sonne oder 
der Reglosigkeit der Natur zur Winterszeit. Schlafen scheint die einzig angemessene 
menschliche Handlung in der tatenlosen und toten Zeit der Finsternis. Doch birgt der 
Schlaf als "nächtliches" Phänomen in sich auch etwas Problematisches - ähnlich wie 
bei Arbeit, Gebet, Vergnügen oder Liebe. Habe acht, du Diener Gottes  - warnt ein 
Zeitgenosse der erwähnten Heiligen -, habe acht, daß sich dein Schlaf nicht aus einer 
Labe für deinen Leib in ein Grab für deine Seele verkehrt. Der Schlaf, der den 
Verstand einschläfert und die Abwehrkräfte des Menschen schwächt, ist nicht 
geheuer. Keine Zeit des Lebens ist so vertan wie die schlafend zugebrachte. Im 
Schlaf wird der Mensch sozusagen auf seine niedrigsten Eigenschaften zurückgeführt - 
zum bloßen Vegetieren. Diese Reduktion ist jedoch sehr gefährlich, denn auch im 
Schlaf erwerben wir Verdienste oder laden wir uns Sünden auf. Der Schlaf ist ein 
Zustand der Abwesenheit, aber nie verliert sich der Mensch aus dem Auge Gottes. 
Der Schlaf ist ein Herausfallen aus der Ordnung, auf der die Schöpfung beruht, aber 
außerhalb von dieser Ordnung gibt es weder Seligkeit noch Erlösung. Daher ist es
für den Menschen des Mittelalters so wichtig, sich einen "rechten" Schlaf  zu sichern, 
und das heißt, daß er es nicht zulassen darf, völlig  in die bodenlose Tiefe der Einsamkeit 
und Bewußtlosigkeit davonzudriften. Folglich muß der Schlaf mit einer ganzen Reihe
von Zusatzregeln umgeben werden, die ihn in der rechten Ordnung festhalten. Diese 
Reglements umreißen das unikale Profil der Schlafkultur im Mittelalter, welches hier 
freilich nur mit einigen Strichen angedeutet werden kann.
Bekanntlich schlafen die Menschen im Mittelalter in gemeinsamen Schlafräumen, nicht 
selten sogar in einunddemselben Bett. Daß es für Ehegatten oder einen Einzelnen eine 
separate Schlafkammer gibt, ist die Ausnahme und so selten, daß die mittelalterlichen 
Autoren solch außerordentliche Begebenheit extra vermerken. Dabei ist das kollektive 
Schlafen allen Ständen gemein. In Nischen, die längs der Küche angeordnet sind, 
schlafen die Bauern von Montaillou jeweils zu mehreren in einem Bett. In 
gemeinsamen Räumen schlafen zur Sommerszeit die jungen Leute, die die Gerste 
einbringen sollen. Oftmals teilen die Gäste das Lager der Hausleute. Die Mönche 
haben zwar Einzelbetten, sie sind jedoch im gemeinsamen Schlafsaal, dem 
Dormitorium, um die Bettstatt des Abts angeordnet, so daß dieser verfolgen kann, 
ob die Vorschriften und Regeln von Sitte und Anstand gewahrt werden. In 
Gemeinschaftsräumen schlafen auch die Edelleute. 
Die Schlafstätten der Pagen umgeben das Bett des Ritters und sind ihm mit dem 
Kopfende zugewandt. Im "Roman de Tristan" von Béroul begibt König Artus sich in 
Gesellschaft seiner Ritter und Vertrauten zur Ruhe. Selbst Philippe de Commynes, 
früher Kammerherr des Herzogs von Burgund Karl dem Kühnen, teilt zur Nachtzeit 
das Schlafgemach seines neuen Suzerän, König Ludwig XI. 
Der Schlaf führt im Mittelalter demnach zu keiner Absonderung des Menschen von 
der Gemeinschaft, das Individuum erhält keinen Raum für sein Eigenstes, keine 
Intimsphäre. Die Ursachen hierfür sind materieller Art, aber zweifelsohne auch 
von rein geistigem, weltanschaulichem Charakter. Offenkundig ist der Schlaf  
derjenige existentielle Zustand, in dem der Mensch am hilflosesten ist. Der 
Schläfer ist möglichen Aggressionen seitens seiner zahlreichen natürlichen und 
übernatürlichen Feinde wehrlos ausgeliefert. Das wahre Zeichen der Schutzlosigkeit 
aber ist die Einsamkeit. Sie entwaffnet und entmachtet den Menschen, sie setzt ihn 
den nächtlichen Ängsten aus, doch auch den Lockungen des Fleisches und der Seele. 
Beim Alleinschlafen droht jenes Netz aus Beziehungen und Bindungen zu reißen, 
welches den Menschen im Bereich der Authentizität hält, und diese ist im Mittelalter 
unbedingt identisch mit Zusammengehörigkeit und Miteinandersein. So ist die Familie 
gewissermaßen verpflichtet, die Gemeinschaft auch zur Nachtzeit zu wahren. So 
soll der Mönch auch in seinem Schlaf in die Bruderschaft des Klosters integriert 
bleiben. So darf auch der König, der ohne Untertanen eben nicht König wäre, nicht 
einen Augenblick lang von seinem Gefolge isoliert sein.
Die Kollektivität des Schlafs im Mittelalter ist eine natürliche Schutzhaltung. Sie 
wappnet gegen die separierende Macht des nächtlichen Dunkels, gegen die ständige 
Bedrohung durch die unheilschwangere Nacht. Je verletzlicher und machtloser der 
Mensch ist, um so wichtiger ist es, in dieser höchst gefährlichen und verhängnisvollen 
Zeit in die Gemeinschaft eingegliedert zu bleiben. Das Beieinander der Schläfer wahrt 
die Ordnung in der Schöpfung, zu deren Wesenskomponenten die unzerstörbare 
Solidarität zwischen den Menschen gehört. Doch diese Ordnung hat noch weitere 
Komponenten. 
Die Vorbereitung auf den Schlaf enthält eine Vielzahl an standardisierten Gesten, 
mit denen der an sich problematische Raum des Schlafs umgeben und kultiviert wird. 
Eine solche "Geste" stellt zum Beispiel die abendliche Kurzweil dar, wenn sich die 
Familie nach dem Abendessen versammelt, wenn traute Unterhaltung am Herd 
geführt wird - jene Reihe von gewöhnlichen, aber vieldeutigen Zeichen der 
Unverletzlichkeit des Zusammenlebens. Zeuge einer solchen Versammlung wurde 
der Bauer Raymond Sicre. Eines Abends, nach einem Streit mit seiner Frau, ging 
er aus, um Luft zu schnappen, und da er Licht im Hause seines Nachbarn bemerkte, 
schlüpfte er, von Neugier getrieben, durch die nicht versperrte Tür. Die 
Unterhaltung, die er belauschte, war indes so gewöhnlich und trivial, daß 
der ungeladene Gast ihrer bald müde wurde und sich aus seinem Versteck wieder 
davonstahl. 
Und wirklich, es genügt, kurz  in diese Gespräche ohne Thema und Schwerpunkt 
hineinzulauschen, die zwanglos von den Alltagsproblemen (das Vieh, der Stand der 
Saaten, die Gebäude, die Güte von Wein und Essen) zu den Zukunftprojekten springen 
(die Hochzeit der Tochter), von Erinnerungen an Vergangenes zur aktuellen 
"Skandalchronik". 
Auch so werden wir uns von ihrem Ritualcharakter und ihrem Selbstzweck 
überzeugen und zweifelsfrei erkennen, daß hier der Akzent auf das Element der 
reinen Expression verlagert ist. In solchen Unterhaltungen ist nicht der Inhalt des 
Mitgeteilten entscheidend, sondern das Mitteilen selbst, der Kommunikationsakt an 
sich. Wiederholt erfahren die Teilnehmer dabei das Verbindende - an der 
Schwelle zur nächtlichen Finsternis, bevor mit dem Schlaf die Erinnerung bricht 
und die Einsamkeit kommt. Derartige Gespräche können natürlich niemandes 
Neugier befriedigen. Ihr Zeichencharakter ist zu intim, zu sehr in der versammelten 
Gemeinschaft verankert, zu rätselhaft für den Außenbeobachter. 
In der angeführten Erzählung zieht sich Raymond Sicre weniger aus Furcht zurück, 
womöglich von den Worten der anwesenden katharenischen Prediger verdorben 
zu werden, als vielmehr wegen des Gefühls, nicht dazuzugehören, ausgeschlossen 
von einem Ereignis zu sein, dessen wahre Bedeutung für die, die nicht zum "Ganzen 
Haus" gehören, verborgen ist. Einem bestimmten Ritual unterliegen auch die 
Abendstunden der Adligen. In "Escoufle" befiehlt der Graf allabendlich, ein großes 
Kaminfeuer im Zimmer der Hofdamen anzufachen, und zieht sich, in Begleitung seines 
Gefolges, dorthin zurück. Alles plaziert sich auf Ruhepolstern, die in der Nähe des 
Feuers ausgebreitet sind, und während Früchte und Abendtrank zurechtgemacht 
werden, entkleidet sich der Graf, damit ihn die schöne Aelis knete, kämme und lause.   
Wie sich die Mönche auf den Schlaf vorbereiten sollen, ist in den Klosterordnungen 
streng vorgeschrieben. Am Abend, nachdem sie das ihnen zustehende Heißgetränk 
erhalten haben, werden ihnen von zwei zu diesem Dienst bestimmten Brüdern die 
Schuhe ausgezogen und - nach dem Beispiel Christi - die Füße gewaschen. Der Abt 
fordert dazu auf, ein jegliches zu ordnen und an seinen Platz zu räumen, so daß nach 
dem Zubettgehen nicht mehr aufgestanden und gesprochen werden muß. Denn 
die Zeit naht, da jeder angehalten ist, auf Gott sein Vertrauen zu setzen und, nachdem 
er seinen Pflichten des Tages nachgekommen und nun bereits in die Nacht eingetreten 
ist, Lippen und Augen zum Schlaf zu schließen. Dann wird das Abendschlußgebet 
gehalten, das mit den Worten des Psalmendichters endet: "Herr, behüte meinen Mund 
und bewahre meine Lippen." Von diesem Moment an, während alle sich zu Bett 
begeben, herrscht Stille, so als gäbe es im Dormitorium keine lebende Seele.
Einen ruhigen Schlaf gewährleisten das Abendgebet, die über dem Bett in Versform 
verzeichnete exorzistische Formel, die Beschaffenheit von Bett und Bettzeug (die 
besonders wichtig ist, da der mittelalterliche Mensch in der Regel nackt schläft), 
die Körperposition (empfohlen wird, sich zum Einschlafen auf die rechte Seite zu legen, 
keinesfalls aber auf den Rücken), ferner die Zeit, die für den Schlaf gewählt wird, 
sowie das Vermögen, die Schlaflosigkeit zu bekämpfen (in mittelalterlichen 
Rezeptsammlungen werden ein kurzer Spaziergang und ein Glas Wein vor dem 
Schlafengehen empfohlen, in schwereren Fällen Warmbier mit ein wenig zerlassener 
Butter) oder bestimmte Abweichungen im Schlafzustand wie die Mondsüchtigkeit. 
Ist all dies beachtet, sollte der rechte und problemlose Schlaf sicher sein. Wäre da 
nicht noch der Terror der Träume... 




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